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Ein deutscher Arzt kämpft gegen Ebola : Dem Tod ins Handwerk pfuschen

Oberstes Gebot: Ohne Schutzkleidung darf niemand zu den Patienten Bild: Ärzte ohne Grenzen

Der deutsche Arzt Thomas Kratz ist für „Ärzte ohne Grenzen“ freiwillig nach Westafrika gegangen. Dort kämpft er bis zur Erschöpfung gegen das mörderische Ebola-Virus.

          7 Min.

          Es ist gegen neun Uhr morgens. Thomas Kratz, leitendes Mitglied bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, begibt sich ins Seuchenzentrum in Sierra Leone, um seinen Patienten Blut abzunehmen. Noch bevor er die Nadel ansetzen kann, stößt ihn ein einheimischer Pfleger an: „Lebt die noch?“ Kratz’ Blick fällt auf eine Frau, deren Gesichtszüge verzerrt sind und deren tote Augen weit aufgerissen ins Leere starren.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Zwei Stunden später kommt ein dreizehn Jahre altes Mädchen auf die Isolierstation und will ihre Mutter besuchen. Nur wenige Tage zuvor hat das Ebola-Virus ihren Vater dahingerafft. Während Kratz zur Erklärung ansetzt, fängt das Mädchen an zu schreien. Sie schreit fast eine Dreiviertelstunde lang, Unruhe breitet sich in den Zelten aus, zwei Patienten erleiden krampfartige Anfälle. Kratz wird benachrichtigt, dass ein weiterer Patient gestorben sei. Am Morgen war er noch herumgelaufen, hatte gelächelt.

          Menschen zerfallen buchstäblich

          Seit Februar breitet sich das Ebola-Virus in Westafrika aus. Die Menschen, die mit ihm infiziert sind, zerfallen buchstäblich. Sie bekommen Fieber und Durchfall, erbrechen, bluten aus Nase, Augen und Ohren. Binnen weniger Tage überschwemmt das Virus ihre Blutbahnen und frisst sich selbst durch gesündeste Körper. Ebola wird über Körperflüssigkeiten und Schleimhäute übertragen. Wenn es einmal in den Körper gelangt ist, dann sind die Menschen meist verloren und sterben einen qualvollen Tod vor den Augen ihrer Angehörigen, in selbstgewählter Einsamkeit oder auf einer Seuchenstation.

          „Es ist eindrucksvoll, was sich die Natur alles einfallen lässt“, sagt Kratz fast bewundernd. Kratz hatte seinen Schreibtisch in einer Reisepraxis im oberen Stockwerk eines Outdoor-Geschäfts. Die Praxis ist eine Außenstelle des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin, in der Kratz zwischen seinen Einsätzen für „Ärzte ohne Grenzen“ als Honorarkraft arbeitete. Ein Ventilator wirbelte die stickige Luft durcheinander; an der Wand hingen Bilder von antiken Sehenswürdigkeiten. Kratz trug den Umständen entsprechend kurze Hose und Sportsandalen.

          Aufopferungsvoller Kämpfer: Thomas Kurtz ist nicht zum ersten Mal im Einsatz gegen das Ebola-Virus Bilderstrecke
          Aufopferungsvoller Kämpfer: Thomas Kurtz ist nicht zum ersten Mal im Einsatz gegen das Ebola-Virus :

          So wie er jetzt in Berlin vor einem sitzt und seine Geschichte erzählt, kann man ihn sich schwer vorstellen inmitten weißbekittelter Kollegen oder in einer Praxis für Lasereingriffe aller Art. Kratz ist geduldig, wenn Patienten ihn um Rat für Impfungen bitten; er wird aber ungeduldig, sobald er bürokratische Regeln erklären muss. „Ich will eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit. Das ist das Problem, das man in Deutschland oft hat: Man arbeitet nur für den Chefarzt oder fürs Geld“, sagt Kratz. „Was mich interessiert ist: mit banalen Mitteln viel zu bewirken. Wenn man das richtige Antibiotikum zum richtigen Zeitpunkt gibt, kann man Leben retten.“

          Siebenmal war Thomas Kratz für „Ärzte ohne Grenzen“ schon im Einsatz; zweimal im Kampf gegen Ebola. Im Frühsommer hatte Kratz eine Mail erhalten mit folgendem Betreff: „3 medical doctors wanted in Sierra Leone“. Da konnte er nicht ahnen, in welche Hölle er sich begeben würde. Sein erster Einsatz gegen Ebola war damit nicht zu vergleichen, ein launischer Seuchenausbruch in der Demokratischen Republik Kongo mit 18 Patienten auf der Isolierstation und 52 Patienten insgesamt.

          „Situation wird sich verschlimmern“

          Kratz und seinem Team gelang es damals schnell, die Kontaktpersonen der Infizierten zu ermitteln. „Schon nach 42 Tagen wurde die Epidemie für beendet erklärt. Das wird mit der Epidemie, die wir gerade erleben, sicher nicht passieren. Im Gegenteil, die Situation wird sich noch verschlimmern.“ Die Aufregung in Europa kann er trotzdem nicht verstehen. Das Virus sei zwar gefährlich. In Europa lasse es sich aber schnell unter Kontrolle bringen. Die Bevölkerung wisse in der Regel, wie sie sich zu verhalten habe; wer krank werde, der werde umgehend abgeschottet.

          In Westafrika sei das völlig anders, berichtet Kratz. Am 11. Juni kam er in Kailahun an, einer Provinzhauptstadt im Osten des Landes, Kratz und seine Mitarbeiter – fünf Personen für einen ganzen Distrikt. Fünf Personen gegen eine hochansteckende Seuche, die nur wenige Tage braucht, um ihre Opfer umzubringen. Es herrschten mehr als 35 Grad Hitze, ab und zu gab es sintflutartige Regengüsse, danach war es wieder drückend heiß. Das Team quartierte sich im „Luawa Resort“ ein: einfache Bungalows, deren Fassaden bröckelten.

          Morgens liefen sie durch die verlassenen Hotelflure, um Kaffee zu kochen, abends bauten sie ihr Operationszentrum im Konferenzsaal auf. Ein norwegischer Logistiker, ein ehemaliger Soldat, fragte in die Runde: „Leute, seid ihr dafür bereit?“ Dann zählte er die gemeldeten Fälle auf. Schon nach zwei Minuten hatte Kratz den Überblick verloren, sagt er; ganze Dörfer an der Grenze seien bereits leergefegt gewesen. Von überall kamen die Schreckensmeldungen. Kratz glaubte, der Logistiker mache einen Scherz. Erst als er am nächsten Tag in die umliegenden Dörfer fuhr und nicht ein einziges schreiendes Kind hinter dem Wagen herlief, wusste er, dass es ein ernstes Problem gab. Ein sehr ernstes Problem.

          Mindestens sechzig Prozent sterben

          Im Februar waren erste Ebola-Fälle in Guinea aufgetreten. Von dort griff die Seuche nach Sierra Leone und Liberia über. Mindestens sechzig Prozent aller Infizierten sterben an dem hochansteckenden Erreger; wenn er besonders aggressiv ist, sind es neunzig Prozent. Die Sterberate der in Westafrika wütenden Seuche liegt ungefähr in der Mitte. Mehr als 720 Tote wurden bislang registriert. Es handelt sich zweifellos um die schwerste Ebola-Epidemie seit 1976; damals hatten Wissenschaftler das Virus im damaligen Zaire entdeckt.

          Kratz versuchte die Seuche einzugrenzen; für jeden bestätigten Fall, so berichtet er, habe er einen Notizzettel an eine Landkarte von Sierra Leone geheftet. Bald war der Osten des Landes überklebt. „Wir konnten die Fälle nicht einhegen wie in der Demokratischen Republik Kongo“, sagt Kratz. „Die Kontaktpersonen ließen sich einfach nicht ermitteln; es gab zu viele unbestätigte Fälle.“ Er baute ein provisorisches „Seuchenzentrum“ in Koindu auf, einem Dorf ganz in der Nähe, dessen Bewohner fast alle infiziert waren, anschließend in Kailahun: ein eingezäuntes Zeltlager, das ein Ort der Hoffnung sein sollte, das weite Teile der Bevölkerung aber nur als Sterbestation empfanden. Empfinden mussten! Vor allem die Angst der Menschen machte es für Kratz und seine Mannschaft schwierig, ihnen zu helfen.

          Eines Morgens, so Kratz, habe er seine einheimischen Krankenschwestern getroffen, die auf dem Markt in einen heftigen Streit verwickelt gewesen seien. Die Händler wollten ihnen keine Nahrungsmittel mehr verkaufen. „Ebola-Schwestern“ schimpfte man sie. „Die Dorfbevölkerung hat jeden Kontakt vermieden und die Leute wie Aussätzige behandelt. Viele glauben immer noch, man bekomme Ebola schon, wenn man die Kranken oder das Pflegepersonal nur anschaue. Oder wenn man den Namen der Krankheit ausspricht“, sagt Kratz. Nicht nur das Virus wütete, auch die Angst steigerte sich zur Panik. Kratz befand sich im Dauereinsatz, um die Bevölkerung zu beruhigen und um sie aufzuklären.

          Auf Ansteckung folgt Verheimlichung

          An einem Tag, berichtet er, sei er mit einem Jeep aufs Land hinausgefahren über die staubigen Pisten. Plötzlich habe er eine Vollbremsung machen müssen, denn mitten auf der Straße lag eine Leiche. Die Tote war eine ältere Frau, und sie konnte noch nicht allzu lange dort liegen. Am Straßenrand standen die Bewohner des nahen Dorfes. Kratz und seine Mannschaft erklärten, dass sie die Leiche fortschaffen wollten. Zwei Mitarbeiter legten Schutzkleidung an; dann entdeckten sie Abschürfungen am Fußgelenk. Jemand hatte die Frau an einem Strick auf die Straße gezogen. Vielleicht aus Angst vor Ansteckung, vielleicht aus Scham. Immer wieder musste Kratz erleben, sagt er, wie sich Familienmitglieder zurückzogen, um die Krankheit zu verheimlichen. Auf Ansteckung folgte Verheimlichung, auf Verheimlichung folgte Ansteckung.

          Das ist nur eine Seite des Problems, die andere sind der ausgeprägte Totenkult und mangelnde Hygiene. Kratz sagt, er habe miterleben müssen, wie Angehörige ihre Toten umarmt und geküsst hätten – und sich dabei das Virus einfingen. Jeden Tag befolgten seine Mitarbeiter dieselbe strenge Routine. Sie legten in der Sicherheitsschleuse der Notstation grüne Operationskleidung an, Latex-Handschuhe, einen gelben Overall, eine Schürze, Skibrille, Atemmaske und noch ein zweites Paar Handschuhe. „Darin hält man es höchstens 45 Minuten aus“, erzählt Kratz. Wer zurück will, muss noch strengere Regeln befolgen.

          Nacheinander werden das erste Paar Handschuhe, die Brille, die Schürze, zum Schluss das letzte Paar Handschuhe ausgezogen. Nach jedem Schritt müssen die Handschuhe mit Chlor desinfiziert werden. „Wer das einmal vergisst, kann sich anstecken. Man kann bei Ebola nur intervenieren, wenn der Schutz zu tausend Prozent steht.“ Was aber nützt das, wenn die Toten von den Trauernden mit bloßen Händen angefasst werden? Keine tausend Prozent Schutz! „Um Ebola einzugrenzen, braucht es vor allem Aufklärung“, sagt Kratz. „Wir können nur fünf Leute schützen, aber nicht die gesamte Bevölkerung. Wenn die Leute wissen, wie sich die Seuche ausbreitet, können sie ihre Ausbreitung selbst effektiv verhindern.“

          Am Ende seines Einsatzes, sagt Kratz, hätte er sich fast selbst angesteckt. Kurz bevor alles vorüber war, drohten die Dinge außer Kontrolle zu geraten. Kratz fuhr mit einem Jeep durch die Straßen von Kailahun, die Kleidung durchnässt vom Schweiß einer 13-Stunden-Schicht. 25 Tage hatte der Arzt im Seuchenzentrum der östlichen Provinzhauptstadt von Sierra Leone schon gegen das Ebola-Virus gekämpft, am nächsten Morgen sollte er endlich wieder nach Deutschland fliegen. Er hatte sich hauptsächlich von Spaghetti mit Corned Beef ernährt, jetzt dachte Kratz zum ersten Mal an den Salat, den er zu Hause essen würde. Und er freute sich auf eine Dose Bier.

          Im Hotel habe dann aber ein Kollege auf ihn gewartet. Er müsse sofort zurück ins Behandlungszentrum kommen, 18 neue Patienten würden dort erwartet. Kratz gesteht ein, das er in diesem Moment kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden habe. Ihm war klar, dass er in seinem Zustand bei der Aufnahme der Patienten einen Fehler machen könnte. Er brauchte nur ein einziges Mal zu vergessen, sich die Hände zu waschen, und sich anschließend vor Müdigkeit die Augen reiben.

          Nur ein Spritzer Blut eines Infizierten an die falsche Stelle – und er wäre selbst infiziert. Er habe sich wie ein Soldat gefühlt, der kurz vor Dienstende an die Front zurückgeschickt wird. Kratz traf eine Entscheidung, die ihn vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrt hat: Er ging nicht zurück auf die Isolierstation, sondern bat eine Krankenschwester, die Patienten aufzunehmen. Über dem Zeltlager war bereits die Dunkelheit hereingebrochen, Kratz stand nur mit einer Stirnlampe am Absperrzaun und brüllte der Schwester seine Befehle zu. Seit kurzem weiß Kratz sicher, dass er nicht infiziert ist. Vor wenigen Tagen ist die maximale Inkubationszeit des Ebola-Virus abgelaufen; sie beträgt drei Wochen, Kratz zeigte keine Symptome.

          Warum er das alles mache? Er wolle helfen und dabei fremde Länder kennenlernen, Ungerechtigkeit habe ihn schon immer aufgeregt. Dass die Gefahr und der Adrenalinrausch süchtig machen können, gibt Kratz zwar zu, aber die Frage scheint ihn doch eher zu amüsieren. Vielleicht ist das unwichtig, wenn man dem Tod so lange bei der Arbeit zusieht und bis zur völligen Erschöpfung versucht, ihm sein grausames Handwerk zu legen. Kratz sagt: „Ebola ist eine wirkliche Gefahr. Es ist wichtig, dass das in der Welt bekannt wird.“

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