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Ein Arzt empört sich : Lasst die Kinder in Ruhe!

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Tobende Jungs sind eine Ressource, nicht krank. Sie brauchen gute Beziehungen und keine Arznei. Bild: plainpicture

„Gestört“, „hyperaktiv“: Auffällige Schüler werden schnell in Therapie geschickt. Kinderarzt Michael Hauch wehrt sich gegen Lehrer und Eltern, die ihn zum Rezeptautomaten degradieren - weil sie ihr eigenes Versagen nicht sehen.

          Leon ist sieben. Er interessiert sich für Baustellen und Lastwagen. Er klettert gerne auf Bäume, rast mittags mit seinem Fahrrad um den Block und spielt mit seinen drei älteren Schwestern. Abends schaut er im Fernsehen seine Lieblingssendung. Ich betreue Leon, als sein Kinderarzt, seit seiner Geburt. Ich helfe ihm bei kleineren Infekten, impfe ihn und führe die Vorsorgeuntersuchungen durch. Aus kinderärztlicher Sicht ist Leon ein normal entwickelter Junge. Rundum gesund. Seine Lehrerin aber findet ihn deutlich auffällig - drei Monate nach seinem ersten Schultag. Leon erledige zwar seine Hausaufgaben gewissenhaft, sagt sie der Mutter. Er komme im Unterricht gut mit, aber er könne sich nicht konzentrieren. Deshalb brauche er dringend Ergotherapie. Ohne Ergotherapie werde Leon bald dem Unterricht nicht mehr folgen können.

          Jetzt steht Leons Mutter vor mir in meiner Praxis. Die erste Therapiestunde sei für heute Nachmittag vorgesehen, sagt sie: „Sie müssen mir nur noch das Rezept unterschreiben.“

          Leon ist kein Einzelfall. Es vergeht kaum ein Tag bei meiner Arbeit als Kinder- und Jugendarzt, an dem nicht verunsicherte Eltern um Physio-, Ergotherapie- oder Logopädieverordnungen für ihre aus meiner ärztlichen Sicht altersgerecht entwickelten Kinder bitten. Geschickt werden sie vor allem von Grundschullehrern und Grundschullehrerinnen. Am liebsten gleich mit einer fertigen Diagnose: „Ihr Kind hat eine Sprachstörung und eine Lese-Rechtschreib-Störung.“ Andere geäußerte Befunde lauten: „Ihr Kind ist hyperaktiv“ bis hin zu „Vermutlich ist ihr Kind wahrnehmungsgestört“. Gerne wird von Nichtärzten auch diagnostiziert, dass der Sechsjährige unter einer zentralen Hörstörung oder einer Rechenschwäche, der sogenannten „Dyskalkulie“, leidet. Meist stehen die Eltern dann vor mir und haben neben diesen Diagnosen auch schon gleich einen fertigen Therapievorschlag im Gepäck: „Mir wurde gesagt, dass mein Kind dringend Ergotherapie braucht.“

          In nicht seltenen Fällen hat die Schule den Vätern und Müttern auch noch den „passenden Therapeuten“ empfohlen: „Dieser hat auch schon anderen Kindern gut geholfen“, bekomme ich dann zu hören, verbunden mit dem Zusatz: „Ich habe auch schon einen Termin für meinen Sohn dort ausgemacht.“ Das Rezept als Lösung für Probleme, die entstehen, weil Eltern und Lehrer ihrer Aufgabe, Kinder bei ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten, nicht mehr nachkommen.

          „Sie müssen mir nur noch die Verordnung unterschreiben“

          Dass ich als Arzt prüfen muss, ob überhaupt eine therapiebedürftige Störung vorliegt und, wenn ja, welche Therapie wann sinnvoll ist, spielt auf diesem ganzen Weg keine Rolle mehr. So kommt es dann, dass die Mutter von Leon oder die von Noah, Ben oder Hendrik - es sind überwiegend Jungen, für die ich als Rezeptautomat funktionieren soll - vor mir steht und sagt: „Sie müssen mir nur noch schnell die Verordnung unterschreiben.“

          Inzwischen bekommt in Deutschland je nach statistischer Quelle jedes vierte oder sogar dritte Kind unter 15 Jahren Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie verordnet. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Institutes der Krankenkasse AOK erhielten im Jahr 2012 rund 193 000 Kinder unter 15 Jahren sprachtherapeutische Leistungen.

          Unbehandelt können Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten tatsächlich den Lebensweg eines Kindes erheblich beeinträchtigen. Sie können dazu führen, dass ein Kind einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss schafft, keinen Ausbildungsplatz und später keine Arbeit findet. Sicher, Jugendliche, die mit der Sprache Probleme haben oder denen es an Konzentration mangelt, können auf die schiefe Bahn geraten und als Erwachsener lebenslang abhängig vom Sozialsystem sein. Das heißt, Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten können nicht nur für die Betroffenen und ihre enge Umgebung Leid bedeuten, sie verursachen auch für die Gesellschaft hohe Kosten. Wir Kinderärzte verschließen nicht die Augen, wir sehen täglich in den Vorsorgeuntersuchungen, was längst belegt ist: Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen, insbesondere im Bereich der Konzentration, Sprache und Motorik, nehmen zu.

          Die zwangsläufige Frage, die all den Fakten folgen muss, lautet: Wo also liegen die Ursachen für diese Entwicklungen?

          Es fehlt an ausreichender Anregung in den Familien

          Bei den meisten auffälligen oder gestörten Kindern fehlt es an ausreichender Anregung in den Familien. Wo - möglichst noch im Kinderzimmer - von morgens bis abends der Fernseher oder die Spielkonsole läuft, wo es keine gemeinsamen Mahlzeiten gibt, kein Vorlesen, keine Spiele, dort verkümmern die geistigen und körperlichen Anlagen, mit denen Kinder auf die Welt kommen. Dass dies überwiegend in armen, bildungsfernen Familien der Fall ist, in Familien mit ausländischen Wurzeln, in Familien, in denen beide Eltern sich gleich zwischen mehreren schlechtbezahlten Jobs zerreiben, und in Familien mit nur einem Elternteil, sehen wir Tag für Tag in unseren Sprechstunden. Wohlgemerkt: Es gibt auch Kinder mit angeborenen Störungen und Auffälligkeiten. Die große Zunahme gestörter und auffälliger Kinder hat jedoch soziogene Ursachen, also Ursachen, die mit der psychosozialen Situation der Kinder zusammenhängen.

          Mit der Zunahme von Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten sind auch die Erwartungen an die Kinder gestiegen. Die Detonationswelle, die durch die schlechten Pisa-Ergebnisse Anfang des Jahrtausends ausgelöst wurde, hat die Kitas und Schulen erreicht und zu einem Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen mangelnden frühen Chancen einerseits und Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und schlechten Sozialprognosen andererseits geführt. Grundschullehrer versuchen, vor allem sozial benachteiligte Kinder gezielter zu fördern. Zugleich ist aber auch ein Perfektionierungsanspruch bei Eltern und Lehrern entstanden, dem sich diese vielfach selbst nicht mehr gewachsen fühlen. Der vermeintliche Ausweg: Kinder werden wie im Märchen von Aschenputtel - „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten . . .“ - in Kategorien eingeteilt, in gesunde beziehungsweise normale Kinder und in kranke, zurückgebliebene und gestörte Kinder.

          Die meisten „aussortieren Kinder“ sind Jungen

          Dass eine solche Einteilung im hohen Maße von der Subjektivität der Beobachter abhängt, dass etwa eine Lehrerin ein „hibbeliges“ Kind anders einschätzt als der Fußballtrainer am Nachmittag in der Sporthalle, wird nicht mitbedacht. So landen die aussortierten Kinder mit ihren Diagnosen in meiner Praxis. Wie gesagt, die meisten davon sind Jungen. Ihr generell größerer Bewegungsdrang, ihre nach außen gerichteten Aggressionen, ihr verglichen mit Mädchen anderes, langsameres Entwicklungstempo werden in den Grundschulen nicht mehr als Standard oder gar als Ressource bewertet, sondern als Nachteil.

          Wir Kinder- und Jugendärzte sollen dann die Erfüllungsgehilfen gestresster Pädagogen und Eltern sein, sollen Diagnosen bestätigen und die tatsächlichen und vermeintlichen Entwicklungsrückstände und Störungen durch die Verordnung von Therapien ausgleichen. Doch Therapien sind kein Allheilmittel. Keine noch so gute Therapie kann die durch familiäre Vernachlässigung entstandenen Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern „einfach reparieren“. Keine noch so langwierige Logopädie kann etwa das Sprachdefizit ausgleichen, das entsteht, weil Mutter oder Vater nur schlecht oder gar kein Deutsch sprechen. Oder weil in der Familie überhaupt nicht miteinander gesprochen wird.

          Die beste Therapie: ein geregelter Alltag ohne Fernsehen

          Ein Kind zur Ergotherapie zu schicken, weil es mit sieben nicht gelernt hat, sich die Schuhe zuzubinden, oder weil es den Stift falsch hält, mag zum Ziel führen, ist aber dem geduldigen Üben mit den Eltern oder der Lehrerin in keiner Weise überlegen. Es entlastet diese nur von den Mühen des Übens. Ergotherapie ist der bequemere Weg. Bei gesunden, lediglich unkonzentrierten „wilden“ Kerlen sind ausreichend Bewegung und ein geregelter Alltag ohne Fernsehen jeder Therapie und jedem Medikament überlegen.

          Und ganz nebenbei: So schwer es ist, das zu akzeptieren, aber nicht aus jedem Kind entwickelt sich ein geistig lebhafter, kreativer und wissbegieriger Mensch mit Nobelpreisträger-Potential. Aber aus fast allen Kindern, die liebevoll begleitet und gefördert werden, werden Menschen, die für sich einen guten Weg durchs Leben finden.

          Als Kinder- und Jugendarzt versuche ich, durch „Beziehungsarbeit“ einen Beitrag zu einem solchen Weg für meine kleinen Patienten zu leisten. Deshalb verbringe ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit damit, Eltern zu stärken und zu ermutigen, gemeinsam mit ihren Kindern zu spielen, zu lesen, zu kochen, zu essen. Diese Gespräche in meinem Arztzimmer dauern lange, eine halbe Stunde mindestens, oft länger. Einfach eine Verordnung auszufüllen kostet mich dagegen nur Sekunden. Aber ich will, dass die Eltern verstehen, dass es Meilensteine der Entwicklung bei ihren Kleinen gibt, welche Kinder in unterschiedlichem Tempo erreichen. Und dass dies mit Therapien nicht schneller geht, man kann nichts erzwingen.

          Das Leben ohne Therapie wird mehr und mehr zur Ausnahme

          Therapien geben Eltern und Lehrern eine Scheinsicherheit. Kindern hingegen geben sie früh das Gefühl, ein Defizit zu haben. Der Normalzustand, das Leben ohne Therapien, wird mehr und mehr zur Ausnahme. Jedes noch so kleine Problem, das beim „Kinder-TÜV“ auffällt, wird sogleich

          als behandlungsbedürftig gesehen. Schließlich gibt es ja eine Therapie, die es „heilen“ kann. Viele Probleme werden erst durch die vermeintliche Heilkraft von Therapien als solche definiert. Alles wird zur Störung, weil Therapien vermeintlich auf alles wirken. Die Folge dieses therapeutischen Aktionismus: Alle Kinder sind mehr oder weniger krank und kommen als „Leistungsempfänger“ des Gesundheitssystems in Frage. Ihre Chance, sich als gesund zu erleben, Stärken und Schwächen zu erkennen und zu akzeptieren oder daran zu arbeiten, Verantwortung für ihr Gesundsein zu lernen, sozial handlungsfähig zu werden, all dies wird mit dieser Medikalisierung verhindert.

          Wie gesagt, die Gespräche mit den Eltern kosten mich Zeit und Energie. Aber die Rückmeldungen, die mir die Väter und Mütter von John, Martin und Max geben, sind positiv. Ihre Eltern sind gestärkt und erleichtert, dass ihr Kind nicht krank ist, und dankbar, dass sie selbst und ihr Kind etwas tun können. Manchmal kann ich schon beim nächsten Besuch mit dem Kind in der Praxis einen Entwicklungssprung erkennen. Oft läuft es in der Schule und zu Hause besser.

          Ein Wunder? Nur Ausnahmen? Keineswegs. Solche Reaktionen von Eltern sind der Beweis, dass sich die meisten Kinder mit einem geregelten Alltag, genug Zuwendung und Zeit auch ohne Therapie gesund entwickeln.

          Eine Therapie kann helfen, aber sie muss nicht

          Natürlich gibt es auch diejenigen, die eine Therapie brauchen. Wo andere Wege nicht helfen oder nicht reichen. Aber auch bei diesen Kindern muss man vor der Illusion warnen, eine Therapie könne ein Kind reparieren und optimieren. Eine Therapie kann in einigen Fällen Kindern helfen, einen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Dies aber auch nur, wenn die Eltern in das therapeutische Geschehen miteinbezogen werden und wenn sie lernen, eine neue Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und ihm Orientierung zu geben. Ganz alleine schafft es das Kind nicht.

          Dies ist kein Plädoyer, nichts zu tun, sondern die Aufforderung an Eltern, Grundschullehrer und Kinder- und Jugendärzte, Kinder bei ihrer Entwicklung individuell und aufmerksam zu begleiten, sie zu stärken, Entwicklungshindernisse zu beseitigen und Ressourcen zu wecken, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

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