Ein Arzt empört sich :
Lasst die Kinder in Ruhe!

Lesezeit: 8 Min.
Tobende Jungs sind eine Ressource, nicht krank. Sie brauchen gute Beziehungen und keine Arznei.
„Gestört“, „hyperaktiv“: Auffällige Schüler werden schnell in Therapie geschickt. Kinderarzt Michael Hauch wehrt sich gegen Lehrer und Eltern, die ihn zum Rezeptautomaten degradieren - weil sie ihr eigenes Versagen nicht sehen.

Leon ist sieben. Er interessiert sich für Baustellen und Lastwagen. Er klettert gerne auf Bäume, rast mittags mit seinem Fahrrad um den Block und spielt mit seinen drei älteren Schwestern. Abends schaut er im Fernsehen seine Lieblingssendung. Ich betreue Leon, als sein Kinderarzt, seit seiner Geburt. Ich helfe ihm bei kleineren Infekten, impfe ihn und führe die Vorsorgeuntersuchungen durch. Aus kinderärztlicher Sicht ist Leon ein normal entwickelter Junge. Rundum gesund. Seine Lehrerin aber findet ihn deutlich auffällig - drei Monate nach seinem ersten Schultag. Leon erledige zwar seine Hausaufgaben gewissenhaft, sagt sie der Mutter. Er komme im Unterricht gut mit, aber er könne sich nicht konzentrieren. Deshalb brauche er dringend Ergotherapie. Ohne Ergotherapie werde Leon bald dem Unterricht nicht mehr folgen können.

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