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Ein Arzt empört sich : Lasst die Kinder in Ruhe!

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Und ganz nebenbei: So schwer es ist, das zu akzeptieren, aber nicht aus jedem Kind entwickelt sich ein geistig lebhafter, kreativer und wissbegieriger Mensch mit Nobelpreisträger-Potential. Aber aus fast allen Kindern, die liebevoll begleitet und gefördert werden, werden Menschen, die für sich einen guten Weg durchs Leben finden.

Als Kinder- und Jugendarzt versuche ich, durch „Beziehungsarbeit“ einen Beitrag zu einem solchen Weg für meine kleinen Patienten zu leisten. Deshalb verbringe ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit damit, Eltern zu stärken und zu ermutigen, gemeinsam mit ihren Kindern zu spielen, zu lesen, zu kochen, zu essen. Diese Gespräche in meinem Arztzimmer dauern lange, eine halbe Stunde mindestens, oft länger. Einfach eine Verordnung auszufüllen kostet mich dagegen nur Sekunden. Aber ich will, dass die Eltern verstehen, dass es Meilensteine der Entwicklung bei ihren Kleinen gibt, welche Kinder in unterschiedlichem Tempo erreichen. Und dass dies mit Therapien nicht schneller geht, man kann nichts erzwingen.

Das Leben ohne Therapie wird mehr und mehr zur Ausnahme

Therapien geben Eltern und Lehrern eine Scheinsicherheit. Kindern hingegen geben sie früh das Gefühl, ein Defizit zu haben. Der Normalzustand, das Leben ohne Therapien, wird mehr und mehr zur Ausnahme. Jedes noch so kleine Problem, das beim „Kinder-TÜV“ auffällt, wird sogleich

als behandlungsbedürftig gesehen. Schließlich gibt es ja eine Therapie, die es „heilen“ kann. Viele Probleme werden erst durch die vermeintliche Heilkraft von Therapien als solche definiert. Alles wird zur Störung, weil Therapien vermeintlich auf alles wirken. Die Folge dieses therapeutischen Aktionismus: Alle Kinder sind mehr oder weniger krank und kommen als „Leistungsempfänger“ des Gesundheitssystems in Frage. Ihre Chance, sich als gesund zu erleben, Stärken und Schwächen zu erkennen und zu akzeptieren oder daran zu arbeiten, Verantwortung für ihr Gesundsein zu lernen, sozial handlungsfähig zu werden, all dies wird mit dieser Medikalisierung verhindert.

Wie gesagt, die Gespräche mit den Eltern kosten mich Zeit und Energie. Aber die Rückmeldungen, die mir die Väter und Mütter von John, Martin und Max geben, sind positiv. Ihre Eltern sind gestärkt und erleichtert, dass ihr Kind nicht krank ist, und dankbar, dass sie selbst und ihr Kind etwas tun können. Manchmal kann ich schon beim nächsten Besuch mit dem Kind in der Praxis einen Entwicklungssprung erkennen. Oft läuft es in der Schule und zu Hause besser.

Ein Wunder? Nur Ausnahmen? Keineswegs. Solche Reaktionen von Eltern sind der Beweis, dass sich die meisten Kinder mit einem geregelten Alltag, genug Zuwendung und Zeit auch ohne Therapie gesund entwickeln.

Eine Therapie kann helfen, aber sie muss nicht

Natürlich gibt es auch diejenigen, die eine Therapie brauchen. Wo andere Wege nicht helfen oder nicht reichen. Aber auch bei diesen Kindern muss man vor der Illusion warnen, eine Therapie könne ein Kind reparieren und optimieren. Eine Therapie kann in einigen Fällen Kindern helfen, einen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Dies aber auch nur, wenn die Eltern in das therapeutische Geschehen miteinbezogen werden und wenn sie lernen, eine neue Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und ihm Orientierung zu geben. Ganz alleine schafft es das Kind nicht.

Dies ist kein Plädoyer, nichts zu tun, sondern die Aufforderung an Eltern, Grundschullehrer und Kinder- und Jugendärzte, Kinder bei ihrer Entwicklung individuell und aufmerksam zu begleiten, sie zu stärken, Entwicklungshindernisse zu beseitigen und Ressourcen zu wecken, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

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