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Ein Arzt empört sich : Lasst die Kinder in Ruhe!

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Die zwangsläufige Frage, die all den Fakten folgen muss, lautet: Wo also liegen die Ursachen für diese Entwicklungen?

Es fehlt an ausreichender Anregung in den Familien

Bei den meisten auffälligen oder gestörten Kindern fehlt es an ausreichender Anregung in den Familien. Wo - möglichst noch im Kinderzimmer - von morgens bis abends der Fernseher oder die Spielkonsole läuft, wo es keine gemeinsamen Mahlzeiten gibt, kein Vorlesen, keine Spiele, dort verkümmern die geistigen und körperlichen Anlagen, mit denen Kinder auf die Welt kommen. Dass dies überwiegend in armen, bildungsfernen Familien der Fall ist, in Familien mit ausländischen Wurzeln, in Familien, in denen beide Eltern sich gleich zwischen mehreren schlechtbezahlten Jobs zerreiben, und in Familien mit nur einem Elternteil, sehen wir Tag für Tag in unseren Sprechstunden. Wohlgemerkt: Es gibt auch Kinder mit angeborenen Störungen und Auffälligkeiten. Die große Zunahme gestörter und auffälliger Kinder hat jedoch soziogene Ursachen, also Ursachen, die mit der psychosozialen Situation der Kinder zusammenhängen.

Mit der Zunahme von Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten sind auch die Erwartungen an die Kinder gestiegen. Die Detonationswelle, die durch die schlechten Pisa-Ergebnisse Anfang des Jahrtausends ausgelöst wurde, hat die Kitas und Schulen erreicht und zu einem Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen mangelnden frühen Chancen einerseits und Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und schlechten Sozialprognosen andererseits geführt. Grundschullehrer versuchen, vor allem sozial benachteiligte Kinder gezielter zu fördern. Zugleich ist aber auch ein Perfektionierungsanspruch bei Eltern und Lehrern entstanden, dem sich diese vielfach selbst nicht mehr gewachsen fühlen. Der vermeintliche Ausweg: Kinder werden wie im Märchen von Aschenputtel - „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten . . .“ - in Kategorien eingeteilt, in gesunde beziehungsweise normale Kinder und in kranke, zurückgebliebene und gestörte Kinder.

Die meisten „aussortieren Kinder“ sind Jungen

Dass eine solche Einteilung im hohen Maße von der Subjektivität der Beobachter abhängt, dass etwa eine Lehrerin ein „hibbeliges“ Kind anders einschätzt als der Fußballtrainer am Nachmittag in der Sporthalle, wird nicht mitbedacht. So landen die aussortierten Kinder mit ihren Diagnosen in meiner Praxis. Wie gesagt, die meisten davon sind Jungen. Ihr generell größerer Bewegungsdrang, ihre nach außen gerichteten Aggressionen, ihr verglichen mit Mädchen anderes, langsameres Entwicklungstempo werden in den Grundschulen nicht mehr als Standard oder gar als Ressource bewertet, sondern als Nachteil.

Wir Kinder- und Jugendärzte sollen dann die Erfüllungsgehilfen gestresster Pädagogen und Eltern sein, sollen Diagnosen bestätigen und die tatsächlichen und vermeintlichen Entwicklungsrückstände und Störungen durch die Verordnung von Therapien ausgleichen. Doch Therapien sind kein Allheilmittel. Keine noch so gute Therapie kann die durch familiäre Vernachlässigung entstandenen Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern „einfach reparieren“. Keine noch so langwierige Logopädie kann etwa das Sprachdefizit ausgleichen, das entsteht, weil Mutter oder Vater nur schlecht oder gar kein Deutsch sprechen. Oder weil in der Familie überhaupt nicht miteinander gesprochen wird.

Die beste Therapie: ein geregelter Alltag ohne Fernsehen

Ein Kind zur Ergotherapie zu schicken, weil es mit sieben nicht gelernt hat, sich die Schuhe zuzubinden, oder weil es den Stift falsch hält, mag zum Ziel führen, ist aber dem geduldigen Üben mit den Eltern oder der Lehrerin in keiner Weise überlegen. Es entlastet diese nur von den Mühen des Übens. Ergotherapie ist der bequemere Weg. Bei gesunden, lediglich unkonzentrierten „wilden“ Kerlen sind ausreichend Bewegung und ein geregelter Alltag ohne Fernsehen jeder Therapie und jedem Medikament überlegen.

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