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Ehec-Bakterien : Keime in Kühen

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Ist die Haltung von Hochleistungsrindern die Ursache der Krankheit? Bild: dpa

Die Darmbakterien Ehec breiten sich angeblich aus, weil die Wiederkäuer artwidrig zu viel Kraftfutter bekommen, um große Mengen Milch produzieren zu können. Es besteht der Verdacht, dass erst das Futter die Kühe zum Hort gefährlicher Keime mache.

          „Totale Mischration“, kurz „TMR“ - so nennt der Bauer das, was täglich in den Futtertrögen der Milchrinder landet. Die Mahlzeit besteht aus Getreide, Heu, Stroh, Soja- und Maisschrot, Zuckerrübenprodukten oder auch Silage, einem Gärprodukt aus Mais oder Gras. Je nach Hof variiert die Zusammensetzung dieses Kraftfutters; die Bestandteile werden im Futtermischwagen gründlich durchgeschüttelt und dann serviert. Seitdem die Ehec-Epidemie um sich greift, ist die „Totale Mischration“ in Verruf geraten. Inzwischen kursiert der Verdacht, dass Kraftfutter die Kühe überhaupt erst zu einem Hort gefährlicher Keime gemacht hat. Als Kühe noch Gras fraßen auf der Weide, so lautet die Theorie, konnten Ehec-Keime nicht in ihren Därmen heimisch werden und somit auch nicht in Gülle, Boden und Lebensmitteln landen.

          Erster Ehec-Ausbruch vor 29 Jahren

          Auf zahllosen Internetseiten wird diese Ansicht verbreitet, seitdem die „Ärztezeitung“ in der vergangenen Woche auf eine Studie aus der Fachzeitschrift „Science“ hingewiesen hat, die schon 1998 Aufsehen erregt hatte. „Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Fütterung von Rindern verändert - man ist von Heu zu stärkehaltiger Getreidefütterung übergegangen“, schrieb ein Forscherteam des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums und der Cornell-Universität in Ithaca (New York) damals. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Rinder nach drei Wochen Heufütterung nur 20.000 Escherichia-coli-Keime in einem Gramm Kot hatten. Rinder, die gleichzeitig drei Wochen lang mit einer getreidelastigen Ration gefüttert worden waren, schieden allerdings mit einem Gramm Kot sechs Millionen Keime aus, die zudem sehr säureresistent waren. Nach Ansicht der Forscher lässt eine getreidereiche Fütterung den Säuregehalt im Verdauungstrakt der Wiederkäuer stark steigen, so dass vor allem säureresistente Ehec-Keime einen Überlebensvorteil haben.

          Der erste Ehec-Ausbruch überhaupt wurde 1982 in den Vereinigten Staaten registriert. Zuvor war der Keim nicht als Krankheitserreger in Erscheinung getreten. Auch dadurch fühlen sich Kritiker der modernen Landwirtschaft jetzt bestätigt. Sie fordern, Rinder artgerecht auf der Weide zu halten und mit Gras zu füttern - nur so lasse sich Ehec vollständig aus der Lebensmittelkette heraushalten.

          „Wenn man nur lange genug sucht, ist jedes Tier positiv“

          Der Veterinärmediziner Georg Baljer von der Universität Gießen glaubt nicht daran. „Egal, wie die Tiere gefüttert und gehalten werden, wir finden die Erreger bei hundert Prozent eines Bestandes“, sagt der Direktor des Instituts für Hygiene und Infektionskrankheiten der Tiere in Gießen. „Auch Ziegen, Schafe und Wildwiederkäuer weisen die Keime auf, obwohl sie seltener mit Kraftfutter gefüttert werden.“

          Baljer hat bis zum Jahr 2008 in einem mehrjährigen Forschungsprojekt Rinderherden auf Ehec-Keime untersucht. „Wenn man nur lange genug sucht, ist jedes Tier positiv“, sagt er. „Selbst wenn mal eine Kotprobe keine Keime aufweist, muss man nur eine zweite oder dritte untersuchen, um doch ein positives Ergebnis zu bekommen, denn häufig werden die Keime auch intermittierend ausgeschieden.“ Baljer wies außerdem nach, dass Kälber sich schon in den ersten Lebenswochen in den keimreichen Ställen anstecken. „Die Muttertiere sind infiziert, schon während des Geburtsvorgangs läuft dann die erste Übertragung“, sagt Baljer. Eine echte Infektion stelle sich allerdings beim Rind nicht ein, es handele sich eher um eine Art von Besiedlung. Das Rind lebt mit dem Ehec-Erreger in einer friedlichen Lebensgemeinschaft, ohne selbst krank zu werden.

          Hochleistungskühe brauchen Kraftfutter

          Der hohe Säuregrad im Viehmagen ist allerdings - unabhängig vom Ehec-Befall - für viele Rinderkrankheiten ursächlich, etwa für die gefürchtete Verlagerung des Labmagens und für chronische Klauenerkrankungen. Beides bringt große Einbußen in der Milchwirtschaft. Deshalb beschäftigen viele Bauern professionelle Futterberater, die Rationen so berechnen, dass möglichst hohe Heu- und Grasanteile dabei sind. Doch es gibt auch Grenzen, denn Spitzenkühe, die 10.000 Liter Milch pro Jahr und mehr geben, können ihren Energiehaushalt nicht mehr allein durch Heu und Gras decken. „Um Kühe nur noch mit Gras ernähren zu können, müssten wir sie dahin züchten, dass sie nur noch 7000 Liter geben“, sagt etwa die bayrische Tierärztin und Rinderexpertin Annegret Wagner.

          Heutige Hochleistungskühe ziehen sogar den Stall der Weide vor, wenn sie die Wahl haben. Das zeigte unlängst eine britische Studie. 32 Holstein-Kühe wurden zu einem Punkt gebracht, an dem der Weg zum Stall und auf die Weide gleich lang war. Zwei Drittel entschieden sich für den Stall und das dort wartende Kraftfutter. Allerdings wählten Kühe, die weniger Milch gaben, wesentlich häufiger die Weide. Die Briten kommen zu dem Schluss, dass Hochleistungskühe wohl auf der Weide schlicht nicht mehr satt werden.

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