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Bericht einer Ebola-Helferin : An den Tod gewöhnt man sich nicht

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Ab 38 Grad heißt es: Zutritt verboten

Außerdem ist in Liberia einiges schiefgelaufen bei Ebola. Die Aufklärung setzte zu spät ein, und dann wurde gesagt: Ebola ist nicht heilbar. Jeder sagte das, die Regierung, überall war es zu lesen. Da hat sich die Bevölkerung natürlich gedacht: Wenn ich schon sterben muss, sterbe ich lieber bei meinen Angehörigen. Was soll ich in einer Isolierstation?

Inzwischen wissen viele, dass sich ihre Überlebenschancen bessern, wenn sie sich behandeln lassen. Ebola ist noch nicht so weit erforscht, dass es ein Medikament dagegen gäbe. Aber es kommt auch auf den Allgemeinzustand an. Die Infusionen sind unerlässlich.

Und Ebola ist präsent. Überall in der Stadt hängen Poster, die über Symptome und Schutzvorkehrungen informieren, auch bildlich, damit Analphabeten es verstehen. Dass man keine Hand mehr gibt oder sich nicht umarmt. Man winkt jetzt oder zeigt die Faust. Man bleibt auch voreinander stehen und hält mindestens einen Meter Abstand.

Radio, Fernsehen, Zeitungen sind voll von Ebola. Lastwagen fahren umher, spielen Musik und klären auf. Und vor allen Geschäften, auch vor meiner Klinik stehen Eimer mit Chlorwasser zum Händewaschen. Das finde ich eine gute Sache, unabhängig von Ebola. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der mir stolz erzählte, dass er sich jetzt zweimal am Tag die Hände wäscht. Das ist ein wichtiger Lerneffekt. In großen Geschäften und bei offiziellen Stellen gibt es seit zwei, drei Wochen eine Art Eingangskontrolle: Fieberthermometer, die nur mit ein bisschen Abstand vors Gesicht gehalten werden müssen. Manchmal wird die Temperatur auf einen Zettel notiert und an die Kleidung geheftet. Ab 38 Grad heißt es: Zutritt verboten. Ab in Behandlung.

Wo sollen die Frauen ihre Kinder zur Welt bringen?

Nachdem die Straßen eine Zeit lang wie leergefegt waren, herrscht inzwischen wieder fast der normale Betrieb. Viele Menschen gehen wieder arbeiten, obwohl die Schulen noch geschlossen sind und Verwaltungsangestellte zu Hause bleiben sollen. Das soll nicht heißen, dass die Menschen sich an Ebola gewöhnt hätten. Man jammert hier einfach nicht so viel, wie das in Deutschland üblich ist. Wenn etwas passiert, sind die Menschen emotionaler. Aber sie gehen mit dem Schicksal anders um. An Angst und Tod kann man sich nicht gewöhnen.

Vorige Woche haben wir die Klinik wiedereröffnet. Wir nehmen keine Patienten auf, sondern behandeln nur ambulant. Natürlich sind wir entsprechend gekleidet. Mundschutz, Handschuhe, bei Bedarf Schutzanzüge. Und wir spritzen ständig mit Desinfektionsmittel. Das haben wir früher nicht.

Mein Personal hat Angst. Noch immer sterben zu viele Menschen. Aber sie sehen auch die Notwendigkeit, die Patienten zu behandeln. Viele Krankenhäuser in Monrovia sind geschlossen. Ich weiß nicht, wo die Frauen ihre Babys zur Welt bringen. Vor ein paar Tagen hatten wir eine Entbindung. Wie immer, wenn ein Kind geboren wird, freuen sich alle in der Klinik so, dass sie einander am liebsten umarmen und küssen würden. Das machen wir jetzt nicht mehr. Aber es war ein schöner Moment.

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