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Bericht einer Ebola-Helferin : An den Tod gewöhnt man sich nicht

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Mir tat es gut, etwas zu tun zu haben

Ich habe trotzdem gearbeitet. Die Klinik musste desinfiziert werden, und weil anschließend Wände, Türen und Infusionsständer zerstört waren, musste alles repariert und neu gestrichen werden. Außerdem fing ich an, Briefe nach Deutschland zu schreiben und um Unterstützung für Liberia zu bitten. Action Medeor hat mich mit Schutzanzügen versorgt und sich um eine Isolierstation bemüht, die wir diese Woche vom Flughafen abgeholt haben: 44 Betten, finanziert von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung. Noch immer weisen die Behandlungszentren viele Kranke ab, weil der Platz nicht reicht.

Es ist großartig, was jetzt alles gemacht wird. Aber das hätte eigentlich schon im Juni passieren müssen. Dann hätte die Misere nicht so ausufern können.

Mir tat es gut, etwas zu tun zu haben. Das war schon während des Krieges so. Solange ich mich um Leute kümmern konnte, musste ich nicht an mein eigenes Elend denken. Das war für mich die beste Therapie. Als mein Mann gestorben ist, habe ich nachts gebügelt.

Natürlich hatte ich große Angst, dass ich mich angesteckt haben könnte. Ich hatte schließlich Roosevelts Stiefel an, Dienstag, als er krank bei uns auf der Station lag und wir deshalb schon keine Patienten mehr aufnahmen. Das war wirklich dumm. Aber es hatte furchtbar geregnet. Ich war ausgerutscht, hatte mir den Fuß aufgeschnitten, und die Wunde hatte sich entzündet. Ich nahm schon Antibiotikum. Und dann musste ich dringend zum Auto, um meine Sachen zu holen, und überall waren Pfützen. Für mein gesamtes Personal hatte ich Gummistiefel gekauft. Nur ich hatte keine. Deshalb bat ich Roosevelt, mir seine zu leihen. Hinterher hatte ich Angst.

Der Prozess der Aufklärung dauert

Aber ich bekam kein Fieber. Ich habe jeden Morgen meine Temperatur gemessen, und die war immer niedrig. Anfangs zog ich sogar Handschuhe an, wenn ich einkaufen gegangen bin. Nachts las ich, um abzuschalten. Ich habe wenig geschlafen in den letzten Monaten. Und manchmal holt einen alles ein. Dann ist das Herz plötzlich schwer, und man denkt: Ach ja, Ebola. Aber man muss wieder auf positiv umschalten, weil man sonst keine Kraft hat. Und ich muss aufpassen, dass ich die anderen nicht mit runterreiße. Ich bin schließlich verantwortlich für das Wohlergehen meines Teams.

Noch zwei weitere Mitarbeiter meiner Klinik sind an Ebola gestorben, zwei Frauen, die schon Mitte Juli in den Urlaub gegangen waren. Auch da hatte ich furchtbare Schuldgefühle. Dann erfuhr ich, dass eine der beiden, eine Krankenschwesterhelferin, auf eigene FaustPatienten behandelte. Das ärgert mich, dafür ist sie nicht ausgebildet, das darf sie nicht. Und ich vermute jetzt, dass sie sich woanders angesteckt hat. Die Familie verneint das. Aber die Familie war ohnehin nicht sehr kooperativ. Die haben sich geweigert, die Frau zur Beerdigungsstätte für Ebola-Kranke zu bringen, sondern haben sie normal beigesetzt. Das ist ein großes Problem, weil die Patienten dann gewaschen werden, viele Gäste kommen und die Krankheit weitergetragen wird. Als meine Mitarbeiter die Familie aufklären wollten, sind sie ziemlich abgekanzelt worden. Weil die Familie nicht wollte, dass der Ebola-Fall bekannt wird. Man negiert, dass jemand an Ebola erkrankt ist, wegen der Stigmatisierung. Mit Tuberkulose und HIV-Aids war das in den achtziger Jahren auch so. Diese Krankheiten sind heute kein Tabu mehr. Aber Ebola ist etwas Neues, und so ein Prozess der Aufklärung dauert.

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