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Bericht einer Ebola-Helferin : An den Tod gewöhnt man sich nicht

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Meine Mitarbeiterinnen fingen an, hysterisch zu schreien

Ein Spezialteam im Auftrag der Regierung versprach uns einen Krankenwagen, um Roosevelt in eine Isolierstation zu bringen. Auf diesen Krankenwagen haben wir bis Freitagabend gewartet. Noch am späten Donnerstag fuhr mein Team extra zu einer Isolierstation, um auf die Dringlichkeit aufmerksam zu machen. Da hieß es, bevor neue Kranke aufgenommen werden könnten, müssten zwölf Leichen abtransportiert werden.

Können Sie sich das vorstellen? Dass Leichen entfernt werden müssen, um einen Erkrankten aufzunehmen? Dass es keine Kapazitäten gibt? Dass dieser Krankenwagen nicht kam? Während wir mit einem Ebola-Kranken zusammen waren? Für mich ist dieser Donnerstag bis heute wie ein Trauma.

Meine Mitarbeiterinnen fingen an, hysterisch zu schreien. Sie weinten, telefonierten, beteten. Ich musste tief Luft holen. Dann bat ich meine Männer, die Frauen zu beruhigen. Ich alleine hatte nicht die Kraft. Weil ich diese Angst im Hinterkopf hatte, dass sich noch einer infizieren könnte. Ich habe ja die Verantwortung. Es war furchtbar.

Schließlich rief ich meinen Hausangestellten an, er solle für alle kochen. Es gab Reis, Fisch und Gemüse, und beim Essen lachten die ersten wieder. Aber es war echt haarig. Abends beschlossen wir, die Klinik zu schließen. Die meisten Angestellten blieben daraufhin zu Hause.

Ich konnte ihm nicht sagen, dass er Ebola hat

Ein kleines Team und ich haben den Kranken gepflegt. Wir behandelten ihn mit hochdosiertem Antibiotikum und Infusionen und brachten ihm Getränke und Essen, auch wenn er keinen Hunger hatte. Ich bin da auch reingegangen, nur mit Handschuhen. Wir hatten ja noch keine Schutzanzüge. Wenn ich heute zurückdenke, denke ich: Du warst ganz schön naiv. Aber naiv ist nicht das richtige Wort. Ich habe funktioniert. Ich habe irgendwie intuitiv gehandelt, damit die Situation geregelt wird. Erst nachdem meine Mitarbeiter am Freitagnachmittag bei einem Radiosender Alarm schlugen und über die Missstände berichteten, kam endlich der Krankenwagen.

Mitarbeiter nennen sie „Ma“: Gieraths-Nimene

Ich habe es nicht übers Herz gebracht, Roosevelt zu sagen, dass er Ebola hat. Er fragte zwar: „Ma“, so nennen sie mich hier, „Ma, hast du denn schon das Ergebnis?“ Ich habe es ihm einfach nicht gesagt. Ich konnte nicht. Er kam dann auf die Isolierstation. Seine Familie hat er vor seinem Tod nicht wiedergesehen. Auch wir konnten nicht mit ihm reden, obwohl wir jeden Morgen Säfte vorbeibrachten. Das ist einfach zu riskant. Unangenehm war, dass man nicht einmal erfahren hat, wie es ihm geht. Aber ich habe gerade erst wieder mit einem Arzt von diesem Center gesprochen. Die ächzen alle. Sie werden ja bekloppt, wenn Sie zwölf Stunden am Tag diese Schutzanzüge anhaben und Menschen sehen, die sich erbrechen, leiden, sterben. Es ist nicht so einfach.

Die 21 Tage Inkubationszeit habe ich eigentlich ganz gut überstanden. Man hat mich zwar gemieden. Einladungen wurden abgesagt, Meetings fanden nicht statt. Ein paarmal musste ich schlucken. Aber ich konnte die Leute auch verstehen: Wer will schon an Ebola erkranken?

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