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Ebola-Epidemie : Nicht beherrschbar

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In Liberias Hauptstadt Monrovia tragen Helfer die Leiche eines jungen Mannes weg, der am Ebola-Virus gestorben sein soll. Bild: Reuters

In keinem anderen Land wütet die Ebola-Seuche so schlimm wie in Liberia. Kampagnen zur Aufklärung laufen ins Leere. Die Seuche wütet dort am stärksten, wo das Bildungsniveau am niedrigsten ist.

          Ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt, wälzt sich stöhnend auf dem Boden. „Ich sterbe“, ruft er. Seine Eltern sind bei ihm, die Mutter flößt ihm immer wieder Wasser ein. Doch das Tor, vor dem er liegt, der Eingang zu einer Behelfsklinik in der liberianischen Hauptstadt Monrovia, bleibt geschlossen. Schließlich tritt ein Krankenpfleger im Schutzanzug heraus, schaut kurz auf den Ebola-Infizierten und teilt ihm knapp mit, das Krankenhaus sei voll, kein Bett mehr frei. Er soll warten. Der Vater will aber nicht länger warten, hilft seinem Sohn auf die Beine und besteigt mit ihm ein Sammeltaxi auf der Suche nach einer anderen Krankenstation. Solche und ähnliche Szenen, von lokalen Journalisten gefilmt, sind inzwischen zuhauf im Netz zu finden und vermitteln auf drastische Weise das ganze Ausmaß der Ebola-Epidemie in Liberia.

          In keinem anderen Land wütet die Epidemie so schlimm wie an der ehemaligen Pfefferküste, kein anderes Land hat eine so hohe Sterblichkeitsrate. 2630 Todesopfer hat die Epidemie seit ihrem Ausbruch im März dieses Jahres in den drei besonders betroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone gefordert, 1459 davon alleine in Liberia. Und es werden jeden Tag mehr. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von inzwischen 4985 Infizierten in Liberia, Sierra Leone und Guinea; die Hälfte von ihnen wurde in den vergangenen drei Wochen gemeldet. Die Dunkelziffer ist vermutlich drei- bis viermal so hoch. Der Notfallkoordinator der WHO, Bruce Aylward, sagte voraus, bis Ende des Jahres seien bis zu 50 000 Personen infiziert. Die Virologen der amerikanischen Bundesbehörde „Centers for Disease Control and Prevention“ kommen auf noch höhere Zahlen. Demnach könnte die Epidemie bis zu 250 000 Menschen erfassen, wenn sie sich weiter mit der jetzigen Geschwindigkeit ausbreitet. Der liberianische Verteidigungsminister Brownie Samukai verglich die Situation mit einem „Waldbrand, der alles auf seinem Weg verschlingt“. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die sich in den drei Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone mit 2000 Mitarbeitern gegen die Epidemie stemmt und dabei zu einer Art Ersatz-Gesundheitsministerium geworden ist, fordert angesichts der außer Kontrolle geratenen Situation inzwischen den Einsatz von Soldaten.

          Sirleaf prognostiziert den Verfall des Staates

          Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf wandte sich in einem dramatischen Appell an die Führer der Welt, darunter die deutsche Bundeskanzlerin, und bat um Hilfe für ihr Land. Anderenfalls prognostiziert die Friedensnobelpreisträgerin den Zerfall ihres Staates. In der Tat erinnert Liberia in diesen Tagen an die Zeit des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als jeden Morgen Leichen in den Straßen lagen. Nur werden heute die Toten von Helfern in Schutzanzügen eingesammelt.

          Die Antworten auf Johnson Sirleafs Bittbrief fielen allerdings sehr unterschiedlich aus. Die Bundesregierung beschloss am Freitag die Entsendung von zwei Transall-Transportflugzeugen der Luftwaffe sowie 100 Soldaten nach Dakar in Senegal, von wo aus in Zusammenarbeit mit der französischen Armee jede Woche bis zu 100 Tonnen Hilfsgüter in die betroffenen Länder geflogen werden sollen. Zudem finanziert die Bundesregierung die Errichtung eines mobilen Behandlungszentrums in Monrovia, das vom Deutschen Roten Kreuz betrieben wird. Das nimmt sich sehr bescheiden aus im Vergleich etwa zu dem, was Washington plant. Die amerikanische Regierung wird bis zu 3000 Soldaten nach Westafrika schicken, die alleine in Liberia 17 Feldlazarette aufbauen und betreiben sollen. Daneben ist die Ausbildung von bis zu 500 einheimischen Krankenpflegern pro Woche geplant. Denn auch das ist neu bei dieser Epidemie: Noch nie seit Entdeckung des Virus 1976 im kongolesischen Regenwald kamen so viele Ärzte und Krankenschwestern bei der Bekämpfung von Ebola ums Leben wie jetzt in Westafrika. Das vierte betroffene Land, Nigeria, ist exemplarisch dafür: Dort war die Epidemie im April durch einen infizierten Liberianer eingeschleppt worden, und seither sind sieben weitere Personen gestorben, allesamt Ärzte und Pfleger, die Kontakt mit dem Liberianer hatten. In Kongo-Kinshasa wiederum, wo in der Provinz Équateur ebenfalls Ebola ausgebrochen ist, sind unter den bislang 39 Toten acht Mediziner und Pfleger. Für infizierte Ausländer wie den amerikanischen Arzt Kent Brantly, der sich in Liberia angesteckt hatte, werden neuartige, noch nicht zugelassene Medikamente zur Verfügung gestellt. Die lokalen Helfer aber sterben so elendig wie ihre Patienten, weil sie nicht einmal Schutzkleidung haben.

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