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Sagen Sie mal, Frau Doktor : Sind Piercings gefährlich für die Gesundheit?

  • -Aktualisiert am

Nabelpiercings benötigen bis zu neun Monate, um zu heilen (Archivbild). Bild: AP

Piercings gibt es für jedes Körperteil. Ob es gefällt oder nicht, darüber lässt sich streiten. Über die eigene Gesundheit sollte man ein Schmuckstück jedoch nicht stellen.

          Im Fitnessstudio nahm ich vor kurzem an einem Workout teil. Eifrig, wie ich war, und weil ich den Trainer gut sehen wollte, plazierte ich mich in der ersten Reihe – ein fataler Fehler, wie sich herausstellen sollte. Die Stunde war anstrengend, bald kam man ins Schwitzen und ich auch ganz schön ins Schnaufen. Dem Trainer ging es zu meiner Verblüffung nicht anders. Beim Atmen verströmte er einen unfassbaren Mundgeruch, das süßlich-faulige Aroma waberte zu uns herüber und raubte uns mehr den Atem als das Workout selbst. Der Grund für diesen Geruch war für mich schnell offensichtlich. Seine Unterlippe war durch zahlreiche Metall-Piercings zerlöchert. Ob man das nun schön findet oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls setzte jeder dieser kleinen Tunnel in der Lippe Faulgerüche frei. Beim Sprechen hörte man deutlich das Klackern des Metalls an seinen Zähnen. Seine Zähne waren angegriffen, das Zahnfleisch hatte sich zurückgezogen und war entzündet.

          Was viele nicht wissen: Bei der Hälfte aller Piercings kommt es zu Komplikationen. Die Risiken dabei, sich ein Piercing stechen zu lassen und zu tragen, sind beträchtlich.

          Piercings stecken in Zunge, Lippen, Nase, Augenbrauen, Brustwarzen, im Nabel und in den Genitalien. Der Eingriff ist eine gezielte Körperverletzung und zu hundert Prozent mit einem chirurgischen Eingriff vergleichbar. Neben den normalen OP-Risiken kommen beim Piercen die ungewöhnlichen Verletzungsorte dazu und die Gefahren, die das Einbringen eines Fremdkörpers mit sich bringt. Hinzu kommt, dass oft medizinische Laien Hand anlegen und nicht selten mit mangelnder Hygiene – so kann es zu Infektionen mit Hepatitis B, C, Tetanus, Tuberkulose und HIV kommen. Dieses Risiko besteht zum Beispiel dann, wenn nichtsterile Instrumente verwendet werden.

          Hohes Risiko für eine Nickelallergie

          Bei Piercing-Verletzungen der Haut löst das dicht gespannte Nervennetzwerk Alarm aus, die Immunabwehr wird aktiviert, Entzündungsbotenstoffe eilen über Blut und Lymphe und Nervenendungen herbei. Die Abwehrzellen machen mobil, der Körper versucht schnellstmöglich, die Wunde zu schließen und den gemeldeten Fremdkörper zu zerstören, ihn wieder auszustoßen oder abzukapseln. Diese Verletzungen führen immer zu Vernarbungen. Selbst das von Piercing-Freunden beinahe belächelte Ohrlochstechen ist an sich eine gezielte Vergewaltigung des Organs. Akupunktur- und Nervenpunkte werden gestört, was Auswirkungen auch auf entferntere Körperregionen hat.

          Ohrpiercings ziehen in bis zu 35 Prozent der Fälle Komplikationen nach sich (Archivbild).

          Aber sehen wir uns mal die harten Fakten an, die Nebenwirkungen, die Gepiercte in großer Regelmäßigkeit in die Arztpraxen treibt: Piercingschmuck und seine entsprechenden Befestigungen sollten aus Edelstahl oder Titan sein. Andernfalls ist das Risiko für eine Nickelallergie hoch, sie führt zu Ekzemen mit Juckreiz, Rötung und Bläschen. Selbst Gold ist oftmals mit Nickel versetzt.

          Bei jedem Piercing besteht Infektionsgefahr mit aggressiven Problemkeimen und übelriechenden Wundheilungsstörungen, Blutvergiftung, eine Herzinnenhaut-, Knochenmark- oder Nierenentzündung nebst völlig überdrehtem Immunsystem. Hier ist eine Antibiose notwendig.

          Brustwarzenpiercings benötigen bis zu vier Monate, um zu heilen, Nabelpiercings bis zu neun Monate. Das sind Fristen, die weit über die Heilungszeiten normaler OP-Wunden gehen.

          Will man sich schließlich wieder vom Piercing lösen, ist es nicht leicht, alte Piercingnarben schonend aus dem Gesicht zu schneiden, ohne dass neue Narben entstehen; immer muss der komplette Tunnel ausgeschnitten werden. Der ist aber oft narbig umschlossen, so dass auch die neue Narbe oft wieder eingezogen wird.

          Ohrpiercings ziehen in bis zu 35 Prozent der Fälle Komplikationen nach sich. Insbesondere solche, die durch den Ohrknorpel gestochen werden, bergen ein hohes Risiko: Der Knorpel hat keine eigenen Blutgefäße und ist sehr langsam in der Regeneration. Hier beobachtet man oftmals blumenkohlartige Tumornarben-Wucherungen und Bommeln in Lila und Rot. Es handelt sich dabei um Wulstnarben, die schwer heilbar sind.

          Schmuck in der Zunge oder an der Mundschleimhaut lässt Zähne splittern und brechen, drängt das Zahnfleisch zurück und kann zu schweren Abszessen führen. Auch Ess- und Sprechstörungen, Geschmacksverlust und Sabbern sind im Jackpot. Der krasse Mundgeruch, den ich eingangs am Beispiel des Fitnesstrainers beschrieben habe, ist das Resultat der unnatürlichen keimigen Nischen. Manchem an der Zunge Gepiercten ist die Zunge schon so dick geschwollen, dass es zu Atemnot kam. Für die können auch Piercingteile sorgen, die unvermittelt in die Speiseröhre oder lebensgefährlich in die Atemwege gepurzelt sind.

          Urin und Sperma nutzen seither zwei Ausgänge – noch Fragen?

          Genitalpiercings können beim Geschlechtsverkehr Kondome zum Reißen bringen, wobei das noch fast das kleinste Übel ist. Wenn man es bemerkt, kann man ja ein neues überziehen. Männer stechen sich gern Stifte durch die Eichel oder bohren sich einen Ring durch die Harnröhre und den Penis. Das Stechen ist oft eine sehr blutige Angelegenheit. Einer meiner jungen Patienten hatte sich ein solches „Prinz Albert“-Piercing durch den Penis stechen lassen. Er berichtete, es sei zunächst ein „geiles Gefühl“ mit Dauererregung gewesen. Doch nach einiger Zeit sei das Gefühl mehr und mehr abgestumpft, habe sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Das war so nicht geplant, also musste der Ring wieder raus. Was blieb, war der Stechkanal. Urin und Sperma nutzen seither zwei Ausgänge: die Harnröhre und den Seitenausgang über Prinz Albert. Noch Fragen?

          Haben Sie auch eine Frage?

          Haben Sie auch Fragen, die Sie schon immer mal einem Arzt stellen wollten, ohne dass Sie sich extra einen Termin in der Sprechstunde geben lassen? Dann fragen Sie doch einfach Dr. Yael Adler. Sie ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Venenheilkunde und Ernährungsmedizin und Autorin unter anderem des Bestsellers „Haut nah. Alles über unser größtes Organ“. Yael Adler beantwortet an dieser Stelle Ihre Fragen. Für ihre Publikationen recherchiert sie aktuell zu diversen medizinischen Themen. In der nächsten Kolumne geht es um die Arzt-Patienten-Kommunikation. Bitte senden Sie Ihre Frage bis zum 14.01.2019 an: sagensiemal@faz.de. Ausgewählte Fragen drucken die Kollegen von der F.A.S. in der nächsten Kolumne ab.

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