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Diskussion um Heilpraktiker : Ohne Zulassung und trotzdem erlaubt

Das alternative Krebszentrum in Brüggen-Bracht in Nordrhein-Westfalen. Bild: dpa

Nachdem drei Patienten einer alternativen Krebsklinik gestorben sind, konzentrieren sich die Ermittler auf den Behandlungswirkstoff „3-Bromopyruvat“. Es werden Forderungen zur Reformierung des Heilpraktikerwesens laut.

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          Es sind vollmundige Versprechen, mit denen der Heilpraktiker Klaus R. im Internet für sein „Biologisches Krebszentrum“ in Brüggen am Niederrhein warb. Das „aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung“ sei 3-Bromopyruvat (3BP). Während die klassische Chemotherapie „relativ schnell“ ihre Wirkung verliere und auch gesunde Zellen schädige, „wirkt 3-BP auf den Zuckerstoffwechsel der Krebszelle“. Die Infusion mit dem „Glukoseblocker“ sei die Hauptbehandlungsmethode in seiner Praxis. Knapp 10.000 Euro rechnete Klaus R. für die Behandlung ab. Auch auf Niederländisch pries er seine Methoden an – um auch zumeist todkranke Patienten aus dem nahen Holland und aus Belgien anzulocken. Seit einigen Tagen hängt an der Eingangstür des „Krebszentrums“ ein Zettel, auf dem es in holprigem Englisch heißt, die Praxis sei aufgrund „unvorhersehbarer Umstände“ geschlossen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ende Juli waren eine Belgierin sowie eine Frau und ein Mann aus den Niederlanden kurz nach der Behandlung in dem „Krebszentrum“ gestorben. Zwei Patienten werden wegen lebensbedrohlicher Beschwerden behandelt. Die Staatsanwaltschaft Krefeld ermittelt deshalb gegen den Heilpraktiker wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in zwei Fällen.

          Der zuständige Landkreis Viersen hat dem Heilpraktiker vorläufig untersagt, seinen Beruf auszuüben. Es gehe darum herauszufinden, ob es einen „Zusammenhang zwischen der Verabreichung von 3-BP-Präparaten und den fünf Fällen gibt“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Stahl am Freitag. Die Ermittler stünden noch am Anfang ihrer Arbeit. Es gebe die These, dass mit dem von Klaus R. Ende Juli eingesetzten Wirkstoff etwas nicht in Ordnung gewesen sein könnte, sagt Stahl. Nicht auszuschließen sei jedoch auch, dass die drei Patienten an ihren – zum Teil weit vorangeschrittenen – Krebserkrankungen gestorben sind. Klaus R. bestreitet, dass ihm in den fünf Fällen, in denen nun die Staatsanwaltschaft ermittelt, ein Behandlungsfehler unterlaufen sein könnte. Insgesamt sind 69 Patienten gestorben, die in der Praxis behandelt wurden.

          3-Bromopyruvat für den Kampf gegen Krebs eingesetzt

          Bei 3-Bromopyruvat handelt es sich um eine Substanz, von der sich Wissenschaftler im Kampf gegen verschiedene Krebsarten einiges erhoffen. Bisher wurde 3-BP nur an Tieren getestet, eine Versuchsreihen an Patienten gab es noch nicht. Entsprechend ist das Mittel nicht als Medikament zugelassen. Aber Heilpraktiker R. durfte die Substanz trotzdem einsetzen. Oberstaatsanwalt Stahl bestätigt das am Freitag ausdrücklich.

          Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Forderungen, das Heilpraktikerwesen zu reformieren. Durch den Fall von Klaus R. wird nun wieder darüber diskutiert. Für die Umsetzung des Heilpraktikergesetzes aus dem Jahr 1939 und damit für die Kontrolle der Heilpraktiker sind die Länder zuständig. Doch die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) verweist auf Berlin. Das Gesetz aus dem Jahr 1939 müsse „endlich durch einen formalen Gesetzgebungsprozess den Anforderungen unseres modernen Gesundheitswesens“ angepasst werden. Für Heilpraktiker gebe es kein Berufsgesetz und keine Ausbildungs- und Prüfungsordnung, keine staatliche Abschlussprüfung und keine Vorgaben, welches Grundwissen und welche Grundkompetenzen sie haben müssen.

          Tatsächlich kann jeder heilpraktisch Interessierte, der mindestens 25 Jahre alt ist und einen Hauptschulabschluss gemacht hat, eine umfangreiche „Kenntnisprüfung“ absolvieren. Wer sie besteht, darf unter anderem offene Wunden behandeln oder Injektionen setzen – wie Klaus R. bei seinen Krebspatienten.

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