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Die Wunderheilerin : Nur die Hand auflegen und beten

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Nur durch Handauflegen und Beten soll Emma Schneider Leuten helfen können. Doch man muss daran glauben Bild: dapd

Ist sie eine Hexe? Eine Gläubige? Ein Medium? Viele kommen zu Emma Schneider in ihre Sprechstunde - und oft kann sie helfen.

          Die kleine Frau mit den weißen Haaren ist erschöpft. Seufzend setzt sie sich auf ihr Sofa. „Gestern war es ganz schlimm“, erzählt sie leise. „Von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends haben mich bestimmt 40 Leute besucht. Ich kam gar nicht dazu, eine Pause zu machen, so überfüllt war meine Sprechstunde.“ Das Telefon klingelt. Langsam schlendert sie in den Flur, um den Hörer abzunehmen. „Schneider - Ja, immer dienstags und donnerstags von 14 bis 18Uhr. Da können Sie gerne vorbei kommen.“

          Emma Schneider zieht ihren weißen Kittel aus und lässt sich in die Sofakissen fallen. „So geht das den ganzen Tag.“ Die Fünfundsiebzigjährige liebt ihren Beruf, auch wenn sie ihn sich nicht ausgesucht hat. Seit rund 30 Jahren trägt sie ihren weißen Kittel tagein, tagaus. Ihr Beruf - eine Berufung.

          Nur fällt es ihr schwer, ihrer Tätigkeit einen Namen zu geben: „Nein, ich kann weder heilen noch hellsehen. Das Einzige, was ich mache, ist: meine Hand aufzulegen und für den Menschen, der meine Hilfe sucht, zu beten.“ Hokuspokus also?

          Der täglich Ansturm auf das kleine Wartezimmer zeigt, wie tief der Glaube an ihre Fähigkeiten in der Region verwurzelt ist. Seit mehr als einem Jahrhundert gilt ihre Familie als heilende Institution. Eine letzte Station, die man aufsucht, wenn man keinen Rat mehr weiß. Die zwölf orangefarbenen Stühle ihres Wartezimmers sind zu jeder Sprechstunde voll belegt. Oft warten Patienten noch im Hof ihres Hauses auf Einlass, weil der Andrang zu groß ist.

          Mit ihrer Urgroßmutter Maria habe alles angefangen, erzählt Schneider. In der osthessischen Rhön habe sie sich als weise Frau einen Namen gemacht. „Sie kannte sich sehr gut aus mit Tieren und Pflanzen. Wenn sich die Bauern bei ihr nach dem Wetter erkundigten, konnte sie immer eine Antwort geben. Sie hat da irgendwas gewusst. Eigenartig, oder?“

          Von Generation zu Generation weitervererbt

          Diese spezielle Gabe, wie Außenstehende es nennen, sei von Generation zu Generation weitervererbt worden. Nach ihrem Vater übernahm Schneider seine besondere Position in der Region. Anfangs sei es für sie schwer gewesen, den Platz ihrer Vorfahren einzunehmen. „Mein Großvater war sehr gut zu den Leuten. Aber auch mein Vater konnte sehr viel auf diesem Gebiet. Für mich war es eine große Verantwortung, in gewisser Weise auch eine Last, in ihre Fußstapfen zu treten.“

          Denn Emma Schneider weiß nicht, wie die Behandlungsmethoden ihrer Verwandten aussahen. Ihr Großvater vermachte ihr lediglich die alten geheimen Gebete der Familie. „Die musst du auswendig lernen“, riet er ihr. Der Rest sei laut Schneider reine Intuition. Mit den Menschen führe sie zu Beginn ein Gespräch. Wenn sie über deren Krankengeschichte im Bilde sei, lege sie ihre Hand auf den Teil des Körpers, der Probleme bereite. Ihr eigener Glaube an die Kraft Gottes spiele eine bedeutende Rolle. „Ich lege alles in Gottes Hände. Denn mit meinen Gebeten bin ich nur ein Handlanger.“

          Eine Mischung aus Verzweifelung und Neugier

          Sie beruft sich auf einen bekannten Spruch aus dem Matthäus-Evangelium: „Gott hat doch gesagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Gott ist also immer da, auch wenn ich für die Menschen bete.“ Als tief gläubig kann man Sandra Karl nicht bezeichnen. Nur selten sitzt sie auf einer Kirchenbank. Bei gesundheitlichen Beschwerden sucht sie normalerweise einen Facharzt auf. Doch ein schwerer Schicksalsschlag ließ ihr Weltbild wanken. Nach einer Fehlgeburt fiel die junge Frau in ein Loch. Nur noch sporadisch wagte sie sich aus dem Haus, zweifelte an sich selbst und drohte, in ihrer Trauer zu versinken. Am Arbeitsplatz litt sie unter Schwindelattacken und Atembeschwerden. Doch sie weigerte sich, einen Psychologen aufzusuchen. Ein Kollege riet ihr, bei Emma Schneider vorbeizuschauen: „Sie hat mir schon oft geholfen, wenn ich am Boden war.“

          Sandra Karl war skeptisch. Von alternativer Medizin hält sie nicht viel. Vom Beten, um Probleme zu lindern, noch weniger. Doch in einer Mischung aus Verzweiflung und Neugier ließ sie sich auf einen Besuch der Nachmittagssprechstunde ein. „Ich war ganz nervös“, erzählt Karl. Man wisse schließlich nicht, was einen hinter der weißen Tür erwarte. Tatsächlich sei das Gespräch mit Frau Schneider aber sehr angenehm gewesen. An der Wand ihres Behandlungszimmers reihen sich Hirschgeweihe, Rosenkränze und Heilpraktikerzertifikate aneinander. Die Rentnerin trägt während der Behandlung einen Mundschutz, hinter ihr hängt ein Bild von Papst Johannes Paul II.

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