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Chronische Krankheiten : Luft holen und loslaufen

Paradigmawechsel: Chronische Probleme bei Herz und Lunge können durch Sport gelindert werden. Bild: dpa

Lange rieten Ärzte Patienten mit Herz- und Lungenleiden, sich zu schonen. Nun heißt es: Treiben Sie Sport. Es ist ein Paradigmenwechsel.

          Es ist schon für kerngesunde Menschen ein beklemmendes Gefühl, wenn das Herz nach einem Sprint zur Straßenbahn oder dem Erreichen des sechsten Stocks über das Treppenhaus im wahrsten Sinne des Wortes so laut schlägt, dass man das Gefühl hat, es auch ohne Stethoskop von außen hören zu können. Die Luft bleibt weg. Der Brustkorb bebt.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Menschen, die unter einer chronischen Herz- oder Lungenerkrankung leiden, sind solche Empfindungen nicht nur beklemmend, sondern angsteinflößend. Leben sie doch häufig mit dem Gefühl, bei jeder kleinsten Anstrengung reichten die Kraft des Herzens oder die Kapazität der Lunge nicht aus, um den Organismus ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Und die Mediziner haben ihre Patienten lange in dieser Befürchtung bestärkt. Über Jahre lautet die Devise der Ärzte: Menschen, die an einer chronischen Lungen- oder Herzerkrankung wie der Chronic Obstructive Pulmonary Disease (COPD) oder einer Herzinsuffizienz leiden, sollten ihren Körper schonen.

          „Gerade bei Patienten mit Lungenerkrankungen, die grundsätzlich ein Problem mit der Luft haben, befürchteten wir lange, dass der Körper bei Sport oder mehr Anstrengung nicht genügend Sauerstoff bekommt, um die wichtigen Organsysteme wie Nieren, Gehirn oder Herz zu versorgen“, sagt Professor Hubert Wirtz vom Universitätsklinikum Leipzig.

          Nicht nur der Leiter der Abteilung für Pneumologie in Leipzig war deshalb mit Ratschlägen, die mehr Bewegung vom Patienten fordern, eher zurückhaltend. Besonders das Herz der Patienten wollte man so schützen. Dieses muss bei zu wenig Sauerstoffangebot nämlich eine größere Pumpleistung erbringen und in manchen Fällen einen erhöhten Druck im Lungenkreislauf überwinden.

          Dann aber beobachteten die Pneumologen aufmerksam, welche Erfahrungen und Fortschritte die Onkologen machten. Auch diese dachten lange: Sport und Bewegung belasten den geschwächten Körper eines Krebskranken unnötig. Doch Studien haben in diesem Fachgebiet schon vor einigen Jahren zu einer neuen Denkweise geführt. Sie zeigten: Gezielte körperliche Betätigung, zu der Ausdauer- und Krafttraining zählt, schadet selbst am Beginn einer Krebstherapie nicht, sondern mindert Nebenwirkungen sowie Folgeerscheinungen der Behandlung und verbessert die Lebensqualität.

          Gegen die Entzündungen

          Sportmediziner der Kölner Sporthochschule konnten zeigen, dass Sport, selbst anstrengender, nicht, wie lange angenommen, das Immunsystem des Patienten schwächt und damit eine Genesung gefährdet, sondern Prognose, Wohlbefinden und bei manchen Tumor-Entitäten sogar das Überleben der Erkrankten positiv beeinflussen kann. Hinter diesem Effekt steckt unter anderem, dass regelmäßiger Sport bestimmte Immunzellen stimuliert, die wiederum entzündungshemmend wirken. Sowohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie auch Krebs und Diabetes können durch chronische Entzündungsprozesse im Körper gefördert werden. Körperliche Inaktivität befeuert den Entzündungsprozess und kann das Leid verschlimmern. Sport bewirkt das Gegenteil.

          Welche Stoffwechselvorgänge genau zur positiven Wirkung der Bewegung bei chronisch kranken Lungenpatienten beitragen, weiß man noch nicht sicher. Abnehmende Entzündungsprozesse zählen wohl dazu, meint Wirtz.

          Bei der COPD kommt es aufgrund von chronischen Entzündungen zu einer Verengung der Atemwege und zu defekten Lungenbläschen, die für den Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid wichtig sind. „An diesem dauerhaften strukturellen Schaden ändert die Bewegung bei Patienten nichts, der ist nicht mehr zu beheben“, sagt Wirtz. Aber COPD-Patienten litten auch unter einem sogenannten „mismatch“. Das heißt, in ihrer Lunge bestehen Areale, die zwar hinreichend Sauerstoff erreicht, die aber schlecht durchblutet sind, und umgekehrt. Die Folge: „Es findet keine ausreichende Oxygenierung des Bluts statt. Durch Bewegung wird dieses Missverhältnis positiv beeinflusst.“ Außerdem bestehen Hinweise, dass Bewegung die Aktivität des Sympathikus mindert.

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