https://www.faz.net/-gum-7vo0k

Gefährliche Selbstporträts : Die Selfie-Laus bedroht Russlands Köpfe

In jeder Situation werden Selfies gemacht. Doch das kann auch gefährlich werden Bild: dpa

Russische Verbraucherschützer warnen vor der sprunghaften Verbreitung von Läusen durch Selfies. Angeblich profitiert der Parasit von den Selbstporträts.

          2 Min.

          Unter den Plagen, die Russland heimsuchen, hat auch die Laus ihren Platz. Nicht erst seit gestern. Doch geht es nach der Verbraucherschutzbehörde im Gebiet Kursk, profitiert der Parasit von modernen Selbstinszenierungen, welche die Erfolge verbesserter Hygiene zu verwässern drohen. Ironische Beobachter sehen sogar den Kreml bedroht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Verbraucherschützer von der Grenze zur Ukraine nahmen sich vorige Woche in einer Mitteilung der Prophylaxe der Pedikulose an; so wird der Befall durch Kopf- oder Kleiderläuse genannt. Die Behörde erinnerte daran, dass die Blutsauger schon im Gefieder von Vögeln gefunden worden seien, die vor 44 Millionen Jahren gelebt hätten. Die „ständigen Begleiter elementarer und sozialer Armut“ könnten nicht nur unangenehmen Juckreiz, sondern auch tödliche Gefahren mit sich bringen. So seien im russisch-türkischen Krieg von 1768 bis 1774 mehr Menschen an von Läusen übertragenem Fleckfieber gestorben als an Verwundungen.

          Die Verbraucherschützer holten noch weiter aus: Im mittelalterlichen Europa, schrieben sie, seien Läuse als „Gottes Perlen“ bezeichnet worden, weil sie „christliches Blut“ in sich getragen hätten, weshalb es als „Zeichen besonderer Heiligkeit“ gewertet worden sei, sich nicht zu waschen. Wer doch nicht der Versuchung widerstehen konnte, sich seiner Läuse und damit des Juckreizes zu entledigen, habe zu Quecksilber oder Seidenunterwäsche gegriffen, in der die Biester keinen Halt gefunden hätten. Das eine hatte fatale Nebenwirkungen, das andere war teuer. Gut, dass das vorbei ist: Der „moderne Mensch“, hielten die Verbraucherschützer fest, müsse aufgrund der verbesserten persönlichen Hygiene eigentlich nicht mit „Phänomen wie Läusen aneinandergeraten“. Doch hätte der Appell aus dem Westen des Landes gewiss keine überregionale Aufmerksamkeit gefunden, wenn er das gleichsam zeitlose Pedikulosephänomen nicht mit einem zeitgenössischeren, nicht minder pandemischen Faktor in Zusammenhang gebracht hätte: dem sogenannten Selfie. Dabei fotografieren sich Menschen selbst, in Paaren oder Gruppen. „Der Grund für die Verbreitung von Pedikulose unter Jugendlichen ist, nach Meinung von Experten, die Begeisterung für Selfie-Fotografien“, hieß es in der Kursker Mitteilung. Denn steckten Jugendliche ihre Köpfe zusammen, ermöglichten sie den Parasiten die Verbreitung von Kopf zu Kopf.

          Droht jetzt ein Selfie-Verbot?

          In der Tat scheint die Gier nach immer extremeren Selbstporträts Gefahren zu bergen. Auch in Russland ist der Unfalltod eines polnischen Ehepaars in Portugal vermerkt worden, das kürzlich vor den Augen seiner Kinder beim Versuch, an einer Steilküste ein Selfie aufzunehmen, abstürzte. Dennoch ist das Phänomen längst auch in der russischen Elite angekommen. Unbestrittener Champion ist dabei Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew, der die Selbstporträts mit seinem iPhone aufnimmt.

          Das Selfie einer langhaarigen Moderatorin des Propagandasenders Russia Today zeigt diese lächelnd an der Seite von Außenminister Sergej Lawrow. Sogar Bilder finden sich, die Präsident Wladimir Putin an der Seite jugendlicher Selfiejünger zeigen. Nachdem Journalisten und Nutzer sozialer Netzwerke unter Hinweis darauf die ganze Brisanz des Laus-Selfie-Nexus offenbart hatten, teilte die zentrale Verbraucherschutzbehörde zu der Warnung ihrer Kursker Kollegen lediglich mit, sie wolle deren Worte nicht widerlegen, das Thema aber auch nicht vertiefen. Sie selbst tritt derzeit damit hervor, russische McDonald’s-Restaurants unter Hinweis auf angebliche Hygienemängel zu schließen. Nutzer des Internetdienstes Twitter unkten nun, wahrscheinlich drohe ein Verbot des Selfies.

          Weitere Themen

          Gemeinsam gegen Rassismus

          Solidarität mit George Floyd : Gemeinsam gegen Rassismus

          In Deutschland protestieren Zehntausende in mehreren Großstädten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Allein in München gehen mehr als 25.000 Menschen auf die Straße. Auch in anderen Ländern kommt es zu Protesten – entgegen der Empfehlung der Behörden.

          Bisher 300 Hochhausbewohner getestet

          Liveblog zum Coronavirus : Bisher 300 Hochhausbewohner getestet

          350 Personen nach Gottesdiensten in Vorpommern isoliert +++ Niederländische Farmen müssen Nerze töten +++ RKI: 407 bestätigte neue Fälle +++ Medikament Hydroxychloroquine bei Studie durchgefallen +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.

          Solidarität mit George Floyd : Gemeinsam gegen Rassismus

          In Deutschland protestieren Zehntausende in mehreren Großstädten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Allein in München gehen mehr als 25.000 Menschen auf die Straße. Auch in anderen Ländern kommt es zu Protesten – entgegen der Empfehlung der Behörden.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.