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Mangelnder Impfschutz : Die Masernwelle ebbt nicht ab

  • -Aktualisiert am

Masern-Viren, zweihunderttausendfach vergrößert mit einem Elektronenmikroskop des Robert-Koch-Instituts Bild: dapd

Viele Städte und Regionen verzeichnen weiterhin auffallend viele Masern-Fälle. Verantwortlich dafür sind nicht nur Eltern, die ihren Nachwuchs nicht impfen lassen. Auch ungeimpfte Erwachsene sind maßgeblich am Ausbruch beteiligt.

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          Für eine Entwarnung ist es zu früh: In der Woche vor Ostern wurden wieder fast 50 neue Masernfälle in Berlin registriert. Bis zum Ende der vergangenen Woche wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) für 2015 insgesamt 1465 Fälle aus ganz Deutschland übermittelt, davon 854 aus Berlin. Seit Beginn des Ausbruchs im Herbst verzeichnet Berlin schon fast 1000 Fälle.

          Aber auch in Sachsen sind inzwischen mehr als 150 Menschen erkrankt. „Sachsen ist damit, bezogen auf die Einwohnerzahl, nach Berlin am zweitstärksten betroffen“, sagt Dorothea Matysiak-Klose vom Fachgebiet Impfprävention am RKI. 75 Fälle wurden bis Ende März in Bayern registriert.

          Nachdem in Berlin Ende Februar ein 18 Monate altes Kind an den Masern gestorben war, hatte sich die öffentliche Debatte über die Viruserkrankung in den vergangenen Wochen auf impfkritische Eltern konzentriert. Tatsächlich scheint deren Skepsis aber nur einer von mehreren Gründen dafür zu sein, dass die Epidemie Deutschland derart schwer treffen konnte. Immer mehr Studien belegen, dass auch die ungeimpften jungen Erwachsenen maßgeblich am Ausbruch beteiligt sind.

          Mitte März erschien im Fachmagazin „Jama Pediatrics“ ein Kommentar von Wissenschaftlern, die errechnet hatten, dass in einigen Regionen Kaliforniens nur eine Impfquote von fünfzig Prozent herrscht. 96 bis 99 Prozent wären nach Angaben der Forscher vom Massachusetts Institute of Technology aber nötig, um künftige Ausbrüche zu vermeiden. Von Kalifornien aus haben sich seit Ende 2014 die Masern in den Vereinigten Staaten verbreitet.

          Kleinkinder sich nicht weniger gefährdet

          Auch eine deutsche Studie belegt, dass Erwachsene leicht zum Opfer der Masernviren werden. Wissenschaftler vom RKI und vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz zeigten unlängst im Fachmagazin „Plos Currents“, dass es von der Altersgruppe abhängt, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand zwei Masernimpfungen erhalten hat. 20 bis 24 Jahre alte Befragte waren mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit zweimal geimpft worden wie 30 bis 34 Jahre alte. Am besten sind in Industrieländern immer noch Kinder geimpft, denn: „Die Impfquoten der jüngeren Altersgruppen nehmen generell zu“, sagt Matysiak-Klose.

          Dennoch kann keineswegs pauschal gesagt werden, dass junge Erwachsene im aktuellen deutschen Ausbruch besonders gefährdet sind – und Kleinkinder weniger. Die Anzahl der Neuinfektionen bezogen auf die Einwohnerzahl ist nach wie vor bei den unter Einjährigen und Einjährigen am höchsten. Dabei könnte es einen Zusammenhang mit den schlechten Impfquoten bei jungen Erwachsenen geben, sagt Matysiak-Klose. „Kleinkinder können sich nicht nur bei ihren Geschwistern, sondern auch bei Erwachsenen anstecken, so lange sie nicht geimpft sind. Der Herdenschutz um sie herum reicht einfach noch nicht aus. Und viele Kinder werden zu spät geimpft - nicht mit elf Monaten, wie empfohlen, sondern erst mit zwei oder drei Jahren.“ Zudem vermittelten ungeimpfte Mütter keinen immunologischen „Nestschutz“, der auch Säuglinge vor der ersten Impfung vor der Infektion bewahren könnte.

          Eine Prognose wagt man in Berlin noch nicht. Hoffnung liegt auf dem Zyklus, der von den Masern bekannt ist: „Masern haben oft einen Höhepunkt in den Frühsommermonaten“, sagt Matysiak-Klose. Von Juni oder Juli an könnten die Ansteckungen deshalb möglicherweise langsam zurückgehen. Die Gründe für die jahreszeitliche Rhythmik kennt man nicht.

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