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Die lieben Kleinen (3) : Muttermilch macht stark. Aber wie lange?

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Und der sieht so aus: Wenn das Kleine nach dem Saftglas oder dem Käsebrötchen grapscht, wenn die ersten Zähnchen kommen und es von der Milch nicht mehr satt zu werden scheint, ist der richtige Zeitpunkt da. Bei manchen Kindern kommt er früher, bei manchen später als nach den magischen sechs Monaten. Nur wenn es sehr viel länger dauert, sollten die Eltern regelmäßig zum Kinderarzt zur Kontrolle. Ansonsten gilt: abwarten.

Mütter möchten deutlich kürzer

Als Julius endlich essen wollte, war er elf Monate alt, konnte bereits sitzen - und im Hochstuhl gefüttert werden, was deutlich weniger anstrengend ist, als einem schief auf dem Schoß hängenden Baby Gemüsebrei ins Mäulchen zu schmieren. Gläschen und Pürierstab brauchten seine Eltern ohnehin kaum. Statt Möhrenpampe hat Julius mit Hingabe Kartoffelstückchen zermanscht und Brot weichgelutscht. Saft und Wasser hat er gleich aus dem Becher getrunken, innerhalb von vier Wochen wollte er nur noch morgens und abends an die Brust. Und dabei wollen Julius und seine Mutter noch ein Weilchen bleiben.

Die WHO empfiehlt Teilstillen bis zu zwei Jahren oder darüber hinaus. In Deutschland heißt es oft: "So lange, wie Mutter und Kind möchten". Meist möchten die Mütter deutlich kürzer als die Kinder. Das ist nicht anders als mit der heißgeliebten Nuckelflasche, die den Kindern aber recht lange zugestanden wird. Doch ein Dreijähriger an der Brust?

Das letzte Mal trinken

Kinder, die den Rhythmus des Abstillens selber bestimmen dürfen, trinken immer weniger, oft nur noch, wenn sie krank sind oder sich weh getan haben. Manchmal ist eines Morgens die geliebte Mamamilch einfach "bäh". Spätestens mit dem Zahnwechsel ist Schluß. Das entspricht in etwa dem "natürlichen Abstillalter" - ein Begriff, der auf die texanische Anthropologin Katherine Dettwyler zurückgeht. Die hatte vor einigen Jahren das Abstillalter von Menschenaffen und anderen Säugetieren mit bestimmten Faktoren wie Gewichtszunahme, Dauer der Schwangerschaft und Zahnentwicklung korreliert und auf den Menschen übertragen. Ergebnis: zwischen drei und sieben Jahren.

Nun sind Menschen zwar Säugetiere, aber keine Schimpansen. Wann das Kind das letzte Mal trinkt, ist heute weniger eine biologische als eine kulturelle Frage. So werden die Kinder bei vielen sogenannten Naturvölkern und in ländlichen Gebieten armer Staaten wie Somalia oder Peru heute noch mehrere Jahre lang gestillt. In Europa wurde im 18. Jahrhundert das öffentliche Stillen von Vierjährigen kritisiert, im 19. Jahrhundert bereits das Stillen von Zweijährigen. Auch im familienfreundlichen Skandinavien stillen Frauen im Schnitt viel länger als in Frankreich oder England, wo die Mütter sich schnell wieder dem Rhythmus der Arbeitswelt anpassen.

Das Tandemstillen

In Deutschland werden 99 Prozent aller Kinder innerhalb ihres ersten Lebensjahres abgestillt. Unter anderem auch deshalb, weil manche Frau sich ein weiteres Kind wünscht. Dazu soll der Zyklus schnell wieder im Takt sein und der Eisprung auf dem Punkt - was die Stillhormone verhindern oder zumindest verzögern. Ein sicheres Verhütungsmittel ist Stillen aber nur in Kombination mit Enthaltsamkeit. Merle beispielsweise war ein dreiviertel Jahr alt, als ihre Mutter wieder schwanger wurde. Medizinisch spricht bei einer weiteren Schwangerschaft nichts dagegen, weiter zu stillen, außer bei vorzeitigen Wehen. Merles Mutter berichtet zwar von sehr empfindlichen Brustwarzen und einer inneren Unruhe. Aber der Kleinen gegen ihren Willen die Brust zu verweigern schien ihr noch anstrengender, als sie mittags und abends in den Schlaf zu stillen.

Einige wenige Mütter stillen nach der Geburt beide Kinder - einen Schluck für das Ältere, den großen Rest fürs Baby. Immerhin sind es so viele, daß es einen eigenen Begriff dafür gibt: Tandemstillen. Puppenmutter Ada war das allerdings entschieden zu viel. Als die Oma ihr Ricky schenkte, einen "Bruder für Matti", wurde der Große abgestillt. Von einer Minute auf die andere.

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