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Die lieben Kleinen (3) : Muttermilch macht stark. Aber wie lange?

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Nur selten kann eine Mutter aus medizinischen Gründen nicht stillen, etwa weil sie an Krebs erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muß. Oder weil sie das Kind mit dem Aids-Virus HIV anstecken könnte. In den meisten Fällen aber läßt sich für kranke Mütter ein stillfreundliches Medikament finden. Bei Hohl- oder Flachwarzen, die das Kind schlecht fassen kann, helfen Stillhütchen, und selbst vorangegangene Brustoperationen sind kein Hindernis, wenn dabei nicht die Milchgänge durchtrennt worden sind. Frühgeborene können abgepumpte Milch bekommen, und da das Angebot sich durch die Nachfrage regelt, werden auch Zwillinge an der Brust satt.

Abstillen aus „emanzipatorischen Gründen“

Trotzdem haben im Schnitt weitere zwanzig Prozent der jungen Mütter fünf Tage nach der Entbindung abgestillt oder stillen nur noch teilweise, geben also Tee oder bereits Flaschenmilch dazu. Auch hier sind die Gründe individuell. Sofias Mutter meinte, das Kind würde nicht satt. Lennard bekam zwischendurch die Flasche und wollte, einmal daran gewöhnt, nicht mehr an die Brust. So manche Frau wartet auf die im Geburtsvorbereitungskurs angekündigte Glückseligkeit und fühlt sich statt dessen, als sei sie mit den Brustwarzen in einen Reißverschluß geraten. Oder sie hat, schlimmer noch, mit Milchstaus, Brustentzündungen und Blutblasen zu kämpfen. Wer dann an eine nachlässige Hebamme gerät oder an einen überbesorgten Arzt und zudem von der Familie zu hören bekommt: "Warum tust du dir das an?", der gibt schnell auf.

Nach vier Monaten haben dann bereits weit mehr als zwei Drittel aller Frauen ganz oder teilweise abgestillt. Klara wetzte ständig ihre kleinen Zähne an Mutters Brustwarzen, Paulchens Mutter wurde dünn und dünner, sie konnte und mochte gar nicht so viel essen, wie der Kleine trank. Viele Frauen wollen ihre Unabhängigkeit wiedererlangen. Oder zurück an den Arbeitsplatz. Zwar verlangt das Mutterschutzgesetz, "stillenden Müttern die zum Stillen erforderliche Zeit, mindestens aber zweimal täglich eine halbe Stunde freizugeben". Zwar kann Milch abgepumpt, eingefroren und von der Tagesmutter oder der Oma im Fläschchen gegeben werden. Eigentlich muß keine Mutter aus "emanzipatorischen Gründen abstillen", wie es Marina Weidenbach von der Arbeitsgemeinschaft Babynahrung formuliert. Gleichwohl tun es viele.

Von Milchstaus und Hängebrüsten

Die kleinen Säuglinge werden meist auf Flaschennahrung umgestellt, die größeren bekommen feste Nahrung dazu. Beides heißt Abstillen, die Begriffe sind nicht genau definiert. Hebammen und Stillberaterinnen sprechen ohnehin lieber vom Entwöhnen, auch weil dieses Wort nach dem klingt, was es sein sollte: Nämlich ein möglichst langsamer Prozeß, damit das Kind sich schrittweise an das neue Essen gewöhnen kann und daran, sich seine Schmusereien anderweitig zu holen. Auch für die Mutter ist es besser, wenn sie in Ruhe Abschied nehmen kann von den stillen Viertelstunden auf dem Sofa. Unsentimentale Frauen sollten zumindest an ihren Busen denken und ihm die Zeit gönnen, sich langsam zurückzubilden. Sonst drohen am Ende Milchstaus und Hängebrüste.

Nur etwa zehn Prozent aller deutschen Kinder werden die empfohlenen vollen sechs Monate gestillt und bekommen erst dann den ersten Brei. Einige wenige Frauen stillen sogar noch bis weit in die zweite Hälfte des ersten Lebenshalbjahres voll. Meistens eher ungewollt, weil das Kind sich weigert, die Brust durch "Birne fein" vom Löffel ersetzen zu lassen, wie der kleine Julius. Seine Eltern machten sich schon Sorgen und kämpften mit dem heulenden Breikasper um jedes Löffelchen.

Der richtige Zeitpunkt

Gabi Hohmann, die Vorsitzende der La Leche Liga Deutschland, rät in diesen Fällen zur Geduld: "Die Milch besteht ja nicht von heute auf morgen aus Wasser." Genausowenig wie alle Kinder zu einem bestimmten Stichtag das erste Mal lächeln oder laufen, haben alle nach Plan die Zunge so weit unter Kontrolle, daß sie festes Essen schlucken können, sind bei allen gleichzeitig Darm und Nieren reif. Schließlich fanden Julius ' Eltern über die vermeintliche Bockigkeit ihres Sohnes zu einem viel entspannteren und nach Ansicht vieler Hebammen und Stillberaterinnen auch natürlicheren Weg der Entwöhnung.

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