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Crystal Meth : Mit Speed in den Blitzkrieg

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Nach dem Krieg blieb das Medikament im Handel. Ärzte verordneten es zur Behandlung von Depressionen oder als Appetitzügler. Bedenkenlos konsumierten es auch Studenten, um nächtelang lernen zu können. „Sportler reduzierten ihre Schmerzempfindlichkeit und steigerten ihre Ausdauer durch Pervitin“, sagt Gorch Pieken.

Auch im medizinischen Bestand des Militärs verblieb die Aufputschpille. Bis zum Ende der sechziger Jahre gehörten die Röhrchen mit den Tabletten zur Ausstattung von Soldaten der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee. Die Bundesrepublik nahm das Mittel in den siebziger Jahren aus dem Sanitätsbestand, die DDR erst 1988. Fortan war die Droge in ganz Deutschland verboten.

Revival in den Vereinigten Staaten

Doch damit war der Aufstieg von Crystal Meth nicht beendet. Im Gegenteil. Vor allem in den Vereinigten Staaten wurde die Herstellung der illegalen Substanz von den siebziger Jahren an zu einem einträglichen Geschäft. Das Mittel wurde jetzt allerdings nicht mehr als weißes Pulver, sondern in kristalliner Form verkauft und in privaten Drogenküchen produziert. Die Herstellung der Kristalle mit der zerstörerischen Wirkung ist simpel, billig und sogar mit legalen Zutaten möglich. Durch eine chemische Reaktion wird aus Hustenmitteln Pseudoephedrin, der Hauptbestandteil der Droge, isoliert und dann mit Abflussreiniger oder Batteriesäure vermischt, um die Wirkung zu potenzieren. Dabei entstehen jedoch hochexplosive Substanzen, immer wieder fliegen provisorische Drogenlabore in Hotelzimmern, Wohnwagen oder Mietwohnungen in die Luft. Nach Angaben der amerikanischen Drogenbehörde DEA wurden im Jahr 2014 über 9.000 solcher Drogenküchen entdeckt.

Nachzulesen ist die Rezeptur für Crystal Meth im Internet oder in im Handel erhältlichen „Drogenkochbüchern“, wie das des Chemikers Steven Preisler, genannt „Uncle Fester“, mit dem Titel „Secrets of Methamphetamine Manufacture“. Er bot auch die Vorlage für die populäre Serie „Breaking Bad“, in der ein in Geldnot geratener Chemielehrer gemeinsam mit einem ehemaligen Schüler in einem Wohnwagen in der Wüste New Mexicos Methamphetamin im großen Stil produziert.

In Deutschland ist der Stoff seit den neunziger Jahren vor allem in der Party- und Homosexuellenszene verbreitet. Noch 2014 stieg die Zahl der Erstkonsumenten in Deutschland, so die Drogenstatistik des Bundeskriminalamts (BKA), um 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 3138. Das hierzulande konsumierte Meth stammt meist aus Laboren in der Tschechischen Republik.

Ob gespritzt, geraucht, geschnupft oder gegessen – die Folgen des Konsums sind fatal: ausfallende Haare und Zähne, Ekzeme durch ein geschwächtes Immunsystem, Nieren- und Herzstörungen. Außerdem kann das Rauschgift psychisch extrem abhängig machen. Heinrich Böll soll von Pervitin nicht mehr los gekommen sein.

Dennoch gibt es laut Schätzungen des Weltdrogenberichts der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2014 auf der Welt 33,9 Millionen Konsumenten von Amphetaminen und Methamphetaminen, Tendenz steigend. Zumindest in Deutschland scheint der Konsum von Crystal Meth laut der jüngsten Drogenstatistik des BKA zum ersten Mal zu sinken.

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