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Wechseljahre : Der Paukenschlag der Weiblichkeit

Babyboomer in den Wechseljahren: „Ich muss was anders machen, damit es wieder schön wird.“ Bild: plainpicture/Uwe Nölke

Gerade kommen so viele Frauen zugleich in die Wechseljahre wie nie zuvor: Die Babyboomer erreichen jene Lebensphase, unter der viele Frauen leiden. Das aber muss nicht sein, diese Zeit bietet auch Chancen.

          Es sind nicht die grauen Haare, und auch mit ihren Fältchen hat Michaela Mayer kein Problem. Andere Frauen betrachten jeden runden Geburtstag als Lebenskrise. Die Dreiundfünfzigjährige sagt: „Älterwerden macht mir gar nichts.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als sie aber vor vier Jahren im Sommerurlaub mit ihrem Mann ein Museum besuchte, kam plötzlich die Hitze. Von innen. Mitten in der Ausstellung, von einem Moment auf den anderen: „Ich darf jetzt hier nichts anfassen“, dachte sie, „sonst ist alles nass.“

          Seitdem gibt es Tage, an denen sie im Stundentakt schwitzt, und Nächte, in denen sie sich mehrfach umzieht. Mayer trägt Funktionstextilien im Lagenlook, im Büro hat sie Ersatz-T-Shirts deponiert. Sie kennt das inzwischen: Erst werden die Ohren rot, dann das Gesicht. Schon bricht ihr der Schweiß aus. Manchmal, wenn die S-Bahn nicht zu voll ist und Mayer sich sicher fühlt vor mitleidigen Blicken, wischt sie sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Wenn sie zum Essen eingeladen ist, eingepfercht zwischen anderen Gästen ohne jede Chance, das Fenster aufzureißen, hält sie still, bis sie wieder getrocknet ist.

          Mit Hitzewallungen geht man nicht hausieren

          Zu peinlich, wenn sie zur Toilette ginge, und jemand sähe die nassen Flecken auf ihrer Hose. „Das Schlimmste ist der Kontrollverlust“, sagt Mayer, die in Wirklichkeit anders heißt: Mit Hitzewallungen geht man nicht hausieren.

          Und es ist nicht nur die Hitze. Nichts bringt Mayer so sehr auf wie erbauliche Ratgeber, die das Klimakterium als Lebensphase feiern, die es zu begrüßen und zu genießen gilt. Michaela Mayer sagt: „Man wird von innen nach außen gestülpt. Ich fühl’ mich richtig persönlich angegriffen.“

          Mayer ist eine schlanke, sportliche Frau, die immer stolz auf ihre Belastbarkeit war. Neuerdings bricht sie bei kitschigen Fernsehfilmen in Tränen aus. Ihre Haut: trocken. Der immer noch flache Bauch: schwabbelig. Mal sackt der Kreislauf weg. Dann hat sie Kopfschmerzen. Nachts liegt sie wach und schlägt sich mit diffusen Ängsten herum. Dabei ist sie nie eine Grüblerin gewesen. „Von so Sachen wie Sex soll man gar nicht reden“, sagt sie und lacht bitter. „Ich fühl’ mich nicht mehr wie ich selbst.“

          Jugend vorbei

          Manchmal würde sie sich am liebsten verpuppen wie eine Raupe, um erst wieder hervorzukriechen, wenn der Spuk vorüber ist. Kürzlich wollte sie von ihrer Frauenärztin wissen, wann das endlich ein Ende habe. Antwort: „Das kann noch gehen, bis Sie 60 sind.“

          Kommt ein Mädchen in die Pubertät, ist das aufregend. Die Schwangerschaft einer Frau ist prinzipiell ein freudiges Ereignis, gesellschaftlich erwünscht. Über das Klimakterium schweigt man besser.

          „Das hat einfach den Touch: Das war’s. Die Jugend ist vorbei“, sagt Karin Schaudig. Nicht dass die Gynäkologin von einem Tabu sprechen würde. Es gibt Kabarettprogramme zum Thema und stapelweise Bücher, 2010 lief Doris Dörries Sechsteiler mit dem Titel „Klimawechsel“ im Fernsehen. Schaudig selbst und ihre Kollegin Anneliese Schwenkhagen, die eine Gemeinschaftspraxis für gynäkologische Endokrinologie in Hamburg-Altona betreiben, haben schon vor acht Jahren ihren „Kompass Wechseljahre“ veröffentlicht. Gerade ist die zweite, komplett überarbeitete Auflage erschienen.

          Noch nie, sagt Schwenkhagen, seien so viele Frauen gleichzeitig in die Wechseljahre gekommen wie gerade: die Generation der Babyboomer. Und nie zuvor seien Fünfzigjährige so selbstbewusst und aufgeklärt gewesen, beruflich und sozial verankert, keinesfalls bereit, plötzlich zum alten Eisen zu zählen: „Der gesamte Umgang mit dem Thema ist ein anderer geworden.“

          Trotzdem gilt: Älterwerden war nie so schwer wie heute, da Frauen prophylaktisch Botox spritzen, sich schon mit zwanzig die Haare blondieren und der Druck zum Perfektionismus für alle Lebensbereiche gilt.

          Ein Konferenzsaal in einem Tagungshotel in Berlin-Mitte, auf gut drei Dutzend Gynäkologinnen, die sich zu der von einem Pharmakonzern gesponserten Fortbildung „Management der peri- und postmenopausalen Frau“ angemeldet haben, kommt gerade mal ein Mann. Schaudig und Schwenkhagen projizieren Porträtfotos an die Wand: Sandra Bullock. Maybritt Illner. Michelle Obama. Ursula Karven. Alles Frauen jenseits der fünfzig mit frischer Ausstrahlung und jugendlichem Teint. „Das ist das Frauenbild“, sagt Schaudig: So wollten Frauen in diesem Alter heute aussehen, so wollten sie sich fühlen. Und das auch noch in zehn Jahren.

          Kalter Hormon-Entzug

          „Es geht darum, dass sich zwei Situationen vermischen“, stellt die Ärztin fest: „der kontinuierliche Prozess des Älterwerdens mit dem Paukenschlag - Ende der Fruchtbarkeit. Das ist ein point of no return.“ Tatsächlich passiert mit der Menopause, der letzten Monatsregel, im weiblichen Körper etwas, das Männer so nicht kennen.

          Der in den Eierstöcken angelegte Vorrat an Eizellen - etwa 300.000 Stück bei Beginn der Pubertät - ist aufgebraucht. Das ist mit durchschnittlich 51 Jahren der Fall. Rund um diesen Zeitpunkt stellt sich der Hormonhaushalt um, das fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel aus Östrogen und Progesteron gerät aus dem Takt. Vor der Menopause kommt es zu unregelmäßigen Eisprüngen, überlappenden Zyklen und einem Überschuss an Östrogen.

          Hinterher stellt der Körper seine Östrogenproduktion weitgehend ein. Das heißt: Erst fahren die Hormone Achterbahn. Dann folgt ein kalter Entzug. Irgendwann gewöhnt sich der Körper an den niedrigen Östrogenspiegel. Die Frage ist nur, wann beziehungsweise wie gut.

          Es gibt kein klimakterisches Syndrom

          Niemand bestreitet mehr, dass es sich dabei um einen natürlichen Prozess handelt. Die Zeiten, in denen die Wechseljahre zur Krankheit erklärt wurden, zu einer Mangelerscheinung, die dringend behandelt gehört, sind vorbei. Die Psychosomatikerin Kerstin Weidner, Professorin am Universitätsklinikum Dresden, zweifelt sogar daran, dass es überhaupt so etwas gebe wie ein „klimakterisches Syndrom“.

          Fast alle Beschwerden, die typischerweise mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht würden, kämen entweder über die gesamte Lebensspanne verteilt vor, oder sie würden generell mit dem Alter häufiger: Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schlafstörungen, Gelenk- und Muskelschmerzen, depressive Verstimmungen, Erschöpfungszustände, erhöhte Reizbarkeit, genitale Trockenheit, Blasenentzündungen. Allein die Hitzewallungen, sagt Weidner, seien tatsächlich an die Wechseljahre gekoppelt. Bei denen allerdings können nicht einmal Hormonspezialisten genau erklären, wie sie an das Auf und Ab des Östrogens gekoppelt sind.

          Ernährungsumstellung und Sport

          Oft genug, sagen deshalb auch Karin Schaudig und Anneliese Schwenkhagen, gehe es in ihrer Sprechstunde darum, Frauen beim Sortieren ihres Lebens zu beraten: Vielleicht sind die Kinder aus dem Haus, und es kriselt in der Beziehung, im Job wird Routine zu Langeweile, man will fit und attraktiv bleiben und muss sich damit abfinden, gewisse Dinge im Leben vielleicht nicht mehr zu erreichen.

          Manchmal stellen die Ärztinnen deshalb das, was sie ihre Feenfrage nennen: Wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten - was wollten Sie ändern? Frauen, die vorher über Hitzeattacken und Erschöpfungszustände geklagt hatten, wollen dann plötzlich vor allem abnehmen. In solchen Fällen ist es mit einer Ernährungsumstellung und Sport getan.

          Manche Frauen kommen weitgehend beschwerdefrei durch die Wechseljahre, viele andere arrangieren sich gut. Dafür sind auch die Umstände entscheidend: Plötzliche Schweißausbrüche bedeuten für Dessousverkäuferinnen und Managerinnen in Vorstandssitzungen einen größeren Gesichtsverlust als für die Sachbearbeiterin, die allein in ihrem Büro sitzt und einfach das Fenster öffnet. Gut ist immer, auf Koffein und Alkohol zu verzichten und überheizte Räume zu meiden.

          Brustkrebs durch Hormone

          Etwa jede fünfte Frau jedoch leidet stark. Das jedenfalls schätzt Olaf Ortmann, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. In schweren Fällen empfiehlt der Professor eine Behandlung mit Hormonen. „Eine Hormontherapie ist eine recht sichere und hocheffiziente Therapie gegen lebensqualitätsbeeinträchtigende Beschwerden in den Wechseljahren.“

          Vor zwanzig Jahren war es üblich, Frauen um die fünfzig flächendeckend stark dosierte Hormone zu verschreiben, weil man glaubte, eine Unterversorgung verhindern zu müssen, und eine Art Jungbrunnen darin sah.

          Vor zehn Jahren hatte sich die öffentliche Debatte komplett gedreht: Eine internationale Studie, die in ihrem Umfang und von den Qualitätsstandards her bis heute ihresgleichen sucht, hatte 2002 abgebrochen werden müssen, weil bei den mit Hormonen behandelten Teilnehmerinnen verstärkt Brustkrebs auftrat.

          Verordnungen gehen zurück

          Plötzlich galten Hormone geradezu als Gift - ein Vorurteil, das sich in der Öffentlichkeit diffus gehalten hat. Bis heute gibt es Frauen, die ihren Freundinnen verschweigen, wenn sie Hormone nehmen, weil sie entsetzte Kommentare und Panikmache befürchten. Die Verordnungen sind um weit mehr als die Hälfte zurückgegangen. Dabei wird die einstmals ideologisch und emotional aufgeheizte Debatte in Fachkreisen inzwischen durchaus sachlich geführt.

          Ortmann war nie einer von denen, die Hormonbeglückung nach dem Gießkannenprinzip für sinnvoll hielten. Der Regensburger Professor hat 2009 die Erstellung einer Behandlungsempfehlung der gynäkologischen Fachgesellschaft verantwortet, derzufolge insbesondere bei belastenden Wechseljahrsbeschwerden eine Hormontherapie sinnvoll ist - möglichst niedrig dosiert, von möglichst kurzer Dauer.

          Auch von der kürzlich begonnenen Überarbeitung der Leitlinie seien in dieser Hinsicht keine Änderungen zu erwarten, sagt Ortmann: „Die Behandlung mit Östrogenen ist extrem gut wirksam. Diese Therapie kann eingesetzt werden, muss aber nicht. Das ist abhängig von der Belastung der Patientin.“

          Kein Mittel gegen fehlenden Spaß

          Die Risiken müsse man differenziert betrachten: Statistisch gesehen, bekämen von 10 000 Frauen 63 Brustkrebs. Mit Hormonbehandlung steige die Zahl auf 70. „Ich will das nicht verharmlosen“, sagt der Mediziner. Aber: Aus Angst vor Brustkrebs starke Beschwerden auszuhalten sei unnötig. „Es ist eine Abwägungsgeschichte.“

          Bleibt die Sache mit dem Sex. Früher, zu Zeiten, da sich ohnehin niemand Gedanken machte über weibliche Sexualität, hatte sich dieses Thema mit dem Ende der Fruchtbarkeit endgültig erledigt. Heute sind es oft Frauen in der Lebensmitte selbst, die über Lustlosigkeit klagen und hoffen, die Hormone seien schuld. Schwenkhagen sagt: „Bei ganz vielen Frauen sind es andere Gründe.“

          Fakt ist: Durch den niedrigen Östrogenpegel werden die genitalen Schleimhäute trockener, was sich mit östrogenhaltigen Cremes quasi nebenwirkungsfrei behandeln lässt. Gegen fehlenden Spaß im Bett hilft es nicht. „Da stellen die Wechseljahre tatsächlich eine Chance dar“, sagt Schwenkhagen.

          ,Ich habe so viel Lust wie nie zuvor.‘

          Denn vielleicht gelinge es, dem Partner aus Anlass körperlicher und hormoneller Veränderungen zu vermitteln: „Ich muss was anders machen, damit es wieder schön wird.“ Paare, die sich gut über ihre sexuellen Bedürfnisse verständigen könnten, hätten weniger Schwierigkeiten. „Eine gute Kommunikation kann schützen.“

          Ann-Marlene Henning geht sogar noch einen Schritt weiter: „Viele Frauen, mit denen ich rede, sagen: ,Ich habe so viel Lust wie nie zuvor.‘“ Henning, die in Hamburg eine Praxis für Sexualtherapie betreibt, ist immer wieder erstaunt, wie wenig auch Fachleute - Gynäkologen zum Beispiel - über Sexualität wissen.

          Auch wenn die Schleimhäute trockener würden: Die Feuchtigkeit, die zum Geschlechtsverkehr nötig sei, entstehe nicht durch Östrogene, sondern durch Erregung. „Jetzt in den Wechseljahren fällt es endlich auf, wenn eine Frau nicht erregt genug ist.“ Vielfach unbekannt: Eine gute Durchblutung, etwa durch das richtige Beckenbodentraining, könne helfen.

          Die Lust übernimmt

          Dann redet die gebürtige Dänin, die vergangenes Jahr 50 geworden ist, über sich: Als ehemaliges Model habe sie unter dem Älterwerden gelitten. „Jetzt ist es vorbei“, habe sie gedacht, als die Blicke der Männer abnahmen und der Körper immer weniger den eigenen Idealen entsprach.

          Heute sagt sie: „Vorbei ist, dass ich mich nur nach anderen richte. Ich fange an, endlich so zu sein, wie ich bin.“ Auch im Bett. Wenn sie früher beim Sex immer mitgedacht habe, wie sie wohl gerade aussieht, sei sie dafür heute zu sehr mit ihrem Empfinden beschäftigt.

          „Die Lust übernimmt“, sagt Henning. „Ich fühle mich gerade so gut wie nie.“ Dann zitiert sie aus ihrem Aufklärungsbuch für Erwachsene, „Make more Love“, Seite 234: Umfragen zufolge steigt die Lebenszufriedenheit von Frauen zwischen fünfzig und Ende sechzig rapide an.

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