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Diabetes : Die Krankheit des 21. Jahrhunderts

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Aus den Gründen für die Krankheit ergeben sich die besten Methoden der Vorbeugung und Behandlung: Fachleute geben an, daß schon 30 Minuten körperliche Bewegung am Tag und das Abspecken um nur wenige Kilogramm das Risiko einer Erkrankung um die Hälfte senken. Ärzte und Apotheker nennen allerdings die mangelnde Selbstdisziplin vor allem älterer Patienten die eigentliche Ursache der Erkrankung. Wer nichts unternehme, sagt Wölfert, fordere die Folgeschäden an Nerven und Blutgefäßen heraus: 8000 Menschen erblindeten jedes Jahr in Deutschland an den Folgen ihrer erhöhten Blutzuckerwerte, 8000 würden dialysepflichtig, und mehr als 30.000, wenn nicht 40.000, müßten sich einer Amputation unterziehen.

Martin Lange, Schatzmeister des Deutschen Diabetiker-Bundes und dessen Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, lebt selbst mit einer Insulinpumpe. Er ist empört über die Ignoranz vieler seiner Leidensgenossen. Sie handelten nach der Devise: Der Herrgott oder zur Not der Arzt wird's schon richten. Im Gegensatz zu Menschen mit anderen Erkrankungen sei der Leidensdruck für den Diabetiker gering. Die Organtransplantierten, sagt Lange, mit denen er seit Jahren zusammenarbeite, freuten sich über jeden Tag, den sie lebten. Wer an multipler Sklerose leide, wisse, daß er bald im Rollstuhl sitze, wenn er nicht handele. Der Diabetiker aber spüre nichts. „Und wenn Sie es spüren, dann ist der Zug schon abgefahren.“

Das Angebot ist groß, die Resonanz noch gering

Wenn Prävention betrieben würde wie in anderen Ländern, so Lange, wären 98 Prozent der Folgeschäden vermeidbar. Ein Diabetiker ohne Komplikationen, sagt Wölfert, verursache Kosten von 540 Euro im Jahr. Angesichts von acht Millionen Diabetikern wären - den richtigen Umgang mit der Erkrankung vorausgesetzt - vier bis fünf Milliarden Euro an Behandlungskosten zu veranschlagen. „Was mir fehlt in Deutschland“, sagt Lange, „ist die Eigenverantwortung. Ich verstehe die alten Leute nicht, vor denen ich in den Selbsthilfetreffen spreche und die mir entgegnen: Ich habe 40 Jahre gearbeitet, und jetzt will ich leben.“ Lange verweist auf Dänemark. Wer erkrankt sei, erhalte dort das Servicebuch des staatlichen Gesundheitsversorgers. Es erlege ihm ein strammes Programm auf. Wer es nicht absolviere, der müsse im kommenden Jahr selbst zahlen. Deutschland aber setze auf Freiwilligkeit. Doch erst wenn es das eigene Geld koste, dächten die Leute um.

Seit 2003 können sich Diabetiker in allen Bundesländern in Disease-Management-Programme einschreiben. „Aber nur wenige Diabetiker haben sich eingetragen“, sagt Lange. „Denn sie mußten sich zu regelmäßiger Bewegung unter Kontrolle verpflichten, zur Teilnahme an Schulungen und zu Besuchen bei speziellen Ärzten. Das ist vielen Diabetikern einfach zuviel.“ 1,5 Millionen Diabetiker, ein Viertel derer, deren Erkrankung bekannt ist, haben sich eingeschrieben in die Programme, auf die sich Krankenkassen und Vertragsärzte verständigen. Das Angebot ist groß, die Resonanz noch gering. Vielleicht wird sich auch das noch ändern mit der zunehmenden Verbreitung von Diabetes.

Diabetes mellitus

Unter dem Begriffspaar Diabetes mellitus fassen die Fachleute verschiedene Störungen des Stoffwechsels zusammen, die zum partiellen oder vollständigen Ausfall der Produktion körpereigenen Insulins führen. In der Folge kommt es zu erhöhten Blutzuckerwerten - im Volksmund ist daher von der „Zuckerkrankheit“ die Rede. Seit 1998 unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation zwei Haupttypen der Krankheit. Fällt die körpereigene Insulinproduktion ganz aus, weil die entsprechenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört sind, spricht man von Diabetes Typ 1. Dieser wird zu 50 Prozent bei jungen Leuten im Alter unter 18 Jahren diagnostiziert. Am höchsten ist die Neuerkrankungsrate bei Kindern zwischen elf und 13 Jahren. Deshalb wurde diese Form des Diabetes früher auch als juveniler Diabetes bezeichnet. Um zu überleben, müssen die Betroffenen sich ihr Leben lang Insulin spritzen. Beim Diabetes Typ 2 herrscht zumindest anfangs kein Insulinmangel, sondern sogar ein Insulinüberschuß. Diese Form der Zuckerkrankheit beruht auf einer sogenannten Insulinresistenz. Die Zellen, die den Blutzucker aufnehmen sollen, sprechen kaum auf Insulin an, so daß zum Ausgleich mehr produziert wird, was die Bauchspeicheldrüse aber auf Dauer nicht durchhalten kann. Dieser Diabetes-Typ tritt vor allem in fortgeschrittenem Alter auf (daher „Altersdiabetes“). Auslösende Faktoren sind fettreiche Kost, Übergewicht und Bewegungsmangel. Neuerdings leiden jedoch auch immer mehr jüngere Menschen unter dieser Form der Zuckerkrankheit. Sie ist die am weitesten verbreitete: 85 bis 95 Prozent aller Diabetesfälle gehören zum Typ 2. Wer davon betroffen ist, kann die Blutzuckerwerte zumindest im Anfangsstadium oft durch eine gesunde Lebensweise oder durch die Einnahme von Tabletten regulieren. Reicht das nicht mehr aus, müssen auch diese Patienten Insulin spritzen. Etwa ein Drittel der Typ-2-Diabetiker ist insulinpflichtig. Neben den beiden Haupttypen gibt es noch einige eher seltene Diabetesformen, die entweder vererbt oder durch Medikamente oder andere Erkrankungen hervorgerufen werden

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