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Raucher in der Reklame : Ihr müsst ja leider draußen bleiben

Die Kippe bleibt draußen: Raucher haben einen schweren Stand. Bild: plainpicture/Adnan Arnaout

Die Außenwerbung für Tabak soll auch in Deutschland verboten werden. Höchste Zeit: Die Not der Werber, ein geächtetes Produkt anpreisen zu müssen, ist den Plakaten abzulesen.

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          Nun aber wirklich. Nun sei die Regierung wirklich entschlossen, ein Verbot der Außenwerbung für Tabak durchzusetzen, hieß es vergangene Woche. „Noch in dieser Legislaturperiode“, wie Politiker von Union und SPD beteuern, könnten die Plakate, die für Zigaretten und andere Tabakprodukte werben, verschwunden sein – so wie längst aus allen anderen Ländern der Europäischen Union.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nirgendwo in der EU hat sich die Tabaklobby damit als so wehrhaft erwiesen wie in Deutschland, wo das seit vielen Jahren anvisierte Werbeverbot so etwas wie der Hauptstadtflughafen unter den Gesetzesvorhaben geworden ist. Ein Verbot, so war stets gedroht worden, werde unzählige Arbeitsplätze vernichten – allerdings ist nicht bekannt, dass Deutschland zum Zufluchtsort für Heerscharen arbeitsloser Tabakarbeiter aus seinen Nachbarländern geworden wäre.

          Zuletzt hatten sich die hiesigen Politiker in dem Schneckenrennen sogar von den Konzernen selbst überholen lassen, welche mittlerweile eingestehen, wie gefährlich ihre Ware ist, und sich für die Wende ungeniert selbst feiern: „Wir haben uns entschieden, etwas wirklich Großes zu tun“, heißt es etwa bei Philip Morris.

          Eine neue Vision

          Als seine „Vision“ bezeichnet es das Unternehmen heute, Zigaretten durch „rauchfreie Produkte“ zu ersetzen, und zwar durch solche, die Philip Morris selbst herstellt. Herkömmliche Philip-Morris-Kippen bleiben alldieweil im Handel und werden vorerst auch weiter produziert, schließlich sollen deren Konsumenten nicht zur Konkurrenz überlaufen; eine sichere Bank scheinen all die E-Zigaretten und Erhitzer mit ihren kaum erforschten Nebenwirkungen zudem noch nicht zu sein. In den Vereinigten Staaten steigen die Zahlen der Menschen, die mutmaßlich durch E-Zigaretten erkrankt oder gar gestorben sind, rasant.

          In Deutschland wiederum könnten jene Tabakwerbeplakate, die noch allerorts an Litfaßsäulen und Wartehäuschen hängen, zur letzten ihrer Gattung gehören. Und darüber, dass es mit ihnen bald zu Ende geht, sind ihre Schöpfer womöglich gar erleichtert: Eine undankbarere Aufgabe in der Werbebranche ist schwerlich vorstellbar, als ein Produkt zu propagieren, dessen Ruf dermaßen ruiniert ist. Ebenso gut könnte man versuchen, gesellschaftlich ähnlich geächtete Tätigkeiten zu promoten wie russisches Roulette, Trickdiebstahl oder Bierbike-Touren. Den stärksten Claim, der auf allen Plakaten steht, haben sich die Werber ohnehin nicht selbst ausgedacht: Gegen die Wirkmacht des obligatorischen Satzes „Rauchen ist tödlich“ kommt keine noch so clevere Kampagne an.

          Von daher ist es nicht ganz klar, ob die Gestalter der jüngeren Zigarettenplakate sich unfreiwillig oder komplett freiwillig auf Anti-Werbung verlegt haben.

          Nehmen wir die Plakate von John Player Special, die gerade manches Stadtbild prägen. Zu sehen sind vier junge Erwachsene, zwei weiblich, zwei männlich, zwei mit Fluppe und zwei ohne, die strahlend beieinandersitzen, und der Spruch: „Mehr: Zusammen. Weniger: Rauchgeruch.“ Soll heißen: Unsere Zigaretten stinken nicht ganz so arg – und noch weniger, wenn man sie in Gesellschaft raucht? Es dürfte jedenfalls noch heftig genug sein, um auch die beiden Passivraucher ordentlich zu verpesten. So gesund kommen sie nicht mehr zusammen.

          Geradezu rührend mutet das Bemühen von Benson & Hedges an, den bemitleidenswerten Status heutiger Raucher zu verklären – durch die Kampagne „Draußen mittendrin“. Zu sehen sind einzelne Raucher, die zumeist im Beisein mehrerer Nichtraucher vor einem Café oder Club stehen, und Sätze wie: „Drinnen tobt die Party. Draußen das Leben.“ Rein dürft ihr ja nicht mehr, so der Subtext, aber mit ein wenig Glück leistet euch vor der Tür ab und an jemand Gesellschaft.

          Reklame ohne Raucher

          Auffällig ist, dass auf den aktuellen Plakaten die Zahl der Nichtraucher die der Raucher häufig übersteigt – wie es in der Gesellschaft längst der Fall ist. Manchmal raucht auch gar keiner mehr, etwa auf jenem Gauloises-Plakat, auf welchem eine junge Dame auf einem Motorroller sitzt und eine zweite sich stehend an ihr festklammert, während beide über einen unebenen Sandstrand brettern, ein hochgradig hirnrissiger Zeitvertreib. Wem sein Leben so wenig lieb ist, der könnte dabei getrost auch noch eine rauchen.

          Nein, es ist keine Freude, der Zigarettenwerbung bei ihren letzten Zuckungen zuzuschauen. Wenn das Ganze überhaupt was für sich hat, dann vielleicht, dass sie einmal als Vorbild dienen könnte für eine neue Ehrlichkeit in der Reklame: „Klar machen unsere Schokoriegel fett, aber immerhin schmecken sie lecker.“

          Die aktuelle Kampagne von Camel zeigt ebenfalls keine Raucher, nur Zigarettenschachteln und Sprüche wie: „Mutig sagt auch mal was Dummes.“ In der Sprechblase daneben steht: „was Dummes“. Die Message könnte sein, dass, wer heute noch raucht, sehr mutig ist. Oder: Jetzt, wo eh alles zu spät ist, ist es völlig egal, welchen Quatsch wir hier drucken.

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