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Umgang mit Krebskranken : Du musst kämpfen

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„Er hat den Kampf gegen den Tod verloren“

Verloren? Auch das ist eine schreckliche Vokabel in der Krebsrhetorik. Sie ist aber auch die logische Folge der Kampfmetapher. In vielen Todesanzeigen und Nachrufen steht es: „Er hat den Kampf gegen den Tod verloren.“ Peter Hintze, Guido Westerwelle, Roger Willemsen, Christine Kaufmann, Monika Pielhau - es ist immer dieselbe Formulierung, die in Nachrichten, Traueranzeigen und Grabreden auftaucht. Sogar Roger Moore, der mit 89 Jahren an Krebs starb, wurde nicht beerdigt, ohne dass die Familie ihm einen „tapferen Kampf gegen den Krebs“ attestierte, den er schließlich „doch verloren“ habe. Tatsächlich? Heißt das nicht, dass jeder am Ende seines Lebens als Verlierer vom Platz geht? Der Tod als Sieger, der Mensch als sein besiegtes Opfer?

Die Kampfrhetorik verkennt die Gefühlslage des Patienten: Natürlich ist er bereit, Kräfte für die Therapie zu mobilisieren, aber er spürt auch, dass er letztlich machtlos ist. Oft ist der Patient auch schlicht am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte. Dann werden die martialischen Durchhalteparolen der Familie zur zusätzlichen Belastung für einen Sterbenden, der ohnehin dem größten seelischen Druck ausgesetzt ist.

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Die amerikanische Publizistin Susan Sontag war eine der Ersten, die gründlicher über die gefährliche Doppelbödigkeit von Sprachmetaphern im Angesicht von Krankheit und Tod nachgedacht hat. Ihr Essay „Krankheit als Metapher“, den sie schrieb, als sie selbst an Brustkrebs erkrankt war, war bahnbrechend, wenn auch an eine bestimmte historische Situation gebunden. Damals, 1972, hatte sich auf den Nebengleisen der Psychoanalyse eine Denkschule ausgebildet, die nicht nur das Wechselspiel zwischen psychischer und physischer Gesundheit ausleuchtete, sondern dabei auf gefährliche Abwege geriet. Krebs wurde als pathologischer Ausdruck einer neurotischen Persönlichkeit gedeutet, der Tumor erschien in dieser Perspektive als Ergebnis eines seelischen Überdrucks, der psychotherapeutisch behandelt werden musste. „Die romantische Idee, dass die Krankheit ein Ausdruck der Persönlichkeit ist, hat sich jetzt unverkennbar dahingehend weiterentwickelt, dass die Persönlichkeit die Krankheit verursacht hat“, schrieb Sontag und warnte davor, Krebspatienten auf diese Weise eine Art Mitschuld an ihrem Schicksal zu geben.

Wer wirklich gegen den Krebs kämpfen muss

Heute wird das niemand mehr so sagen. Doch in der Kampfrhetorik verbirgt sich ein Relikt dieser verhängnisvollen Denkschule: Der Patient hat sein Schicksal, wenigstens zu einem Teil, selbst in der Hand; sein Überleben hängt auch von seinem Überlebenswillen ab. Jede erfahrene Krankenschwester weiß, dass es Krankheiten und Situationen gibt, in denen diese Formel tatsächlich stimmt. Doch allgemeingültig ist sie keinesfalls. Es soll ein Trost stecken in der Aufforderung zum Kampf. Doch in Wahrheit steckt ein viel größerer Trost in dem Gedanken, das eigene Schicksal nicht in der Hand zu haben, an der Krankheit und ihrem Verlauf keine Schuld zu tragen, und am eigenen Tod schon gar nicht.

Gegen den Krebs kämpfen – das muss in erster Linie eine Forderung an die medizinische Forschung sein. Dort wird diese Schlacht geschlagen. Ja, es geht darum, Waffen zu entwickeln für den „Krieg gegen den Krebs“, den Richard Nixon 1971 erklärte und den seither jeder amerikanische Präsident fortgeführt hat. Es ist bedrückend, dass der große Durchbruch in der Forschung bislang nicht gelungen ist. Andererseits gibt es hoffnungsvolle Entwicklungen, die durchaus darauf hindeuten, dass revolutionäre Immuntherapien schon bald gegen wesentliche Krebsarten erfolgreich sein können. Jeder Krebspatient hofft, den Durchbruch noch selbst zu erleben und davon profitieren zu können. Aber jeder Kranke weiß auch, dass seine mentalen und physischen Kräfte begrenzt sind und er nicht in einem Akt des Willens den Krebs besiegen kann.

Es war ein Tag im Frühling, an dem ich den Satz sagte, den ich so sehr bereue: „Jetzt musst du kämpfen.“ Schon im Herbst haben wir Mutter beerdigt. Sie hatte für meine Schlachtrufe keinen Sinn. Große Operationen, Chemotherapie, sie machte alles mit, aber sie sah auch bald, dass ihr Leben zu Ende ging und das angebliche Kämpfen aussichtslos war. Einmal sagte sie: „Ich will nicht kämpfen. Ich will leben.“ Dass ich es ihr mit meinen Appellen unnötig schwer gemacht habe, dass ich Unmögliches von ihr verlangte, obwohl sie das Menschenmögliche versucht hatte, habe ich erst viel später verstanden.

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