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Umgang mit Krebskranken : Du musst kämpfen

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Wirkt die Kampfrhetorik? Hilft sie dem Patienten?

Wer Krebs hat, muss kämpfen – natürlich ist das als Ermutigung gemeint gerade in einem Augenblick, in dem die Gefahr, allen Mut zu verlieren, besonders groß ist und die Therapien meistens erst beginnen. Aber wirkt die Kampfrhetorik? Hilft sie dem Patienten? Ist der Erfolg einer Krebstherapie, wenigstens teilweise, von der Einstellung und Entschlossenheit des Patienten abhängig? Verkürzt und vereinfacht lautet die Antwort: Nein. Die empirische Erfahrung in der medizinischen Forschung und die alltägliche, menschliche Erfahrung in Onkologie, Palliativmedizin und Hospiz lassen solche Schlüsse nicht zu, auch wenn es verführerisch ist, zu glauben, dass Optimismus, Lebenswille, Mut und Hoffnung erfolgreiche Waffen im Kampf gegen den Krebs sein könnten. Sie sind es nicht.

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Elaine Schattner, Medizinprofessorin an der Weill Cornell-Universität in New York und selbst Krebspatientin, berichtet, es gebe keine Hinweise in der Forschung auf einen Zusammenhang zwischen der Einstellung des Patienten und dem Verlauf der Krankheit. Aufwendige Untersuchungen in verschiedenen Ländern hätten die Vorstellung längst widerlegt. Die militärische Sprache am Krankenbett macht ihr Sorgen: „Wenn alle Angehörigen den Patienten immer weiter anfeuern, kann es zwanghaft und unvernünftig werden, immer weiterzumachen statt sich für die Möglichkeiten einer palliativen, nicht kurativen Medizin zu öffnen.“ Emotionale Unterstützung und eine positive Einstellung würden zwar nachweislich den Umgang mit der Krankheit erleichtern und vor Ängsten und Depressionen während der Krebserkrankung schützen, aber eben nicht den Verlauf der Krankheit selbst beeinflussen. Und Jimmie Holland, Psychiater in einem New Yorker Krebszentrum, sagt: „Die Vorstellung, dass wir Krankheit und Tod durch unseren Geist kontrollieren können, spiegelt eine tiefe menschliche Sehnsucht wider. Aber es stimmt einfach nicht.“ Mit anderen Worten: Wunsch und Wille werden im Zusammenhang mit Krebs überschätzt.

Dem wird mancher Krebspatient widersprechen. Bei weitem nicht jede Krebserkrankung verläuft tödlich. Es gibt viele, die es als motivierend erlebt haben, sich selbst in einem Kampf gegen eine Krankheit zu sehen, und oft haben sie selbst diese Sprache übernommen. Sie mussten alle Lebenskräfte mobilisieren, um unter den verzehrenden Begleiterscheinungen von Krebstherapien nicht zu verzagen. Erfahrungsberichte dieser Art gibt es massenhaft. Jeder Buchverlag kennt die Manuskripte aus dem Genre „Wie ich den Krebs besiegte“. Oft sind sie in der ehrlichen Motivation geschrieben, anderen Mut zu machen. Doch sind zwei Denkfehler im Spiel. Einmal gleicht kein Krebsfall dem anderen. Es ist das Dümmste, was man einem Krebskranken sagen kann, wenn man so tut, als kenne und verstehe man seinen Fall und seine Lage aus eigener Erfahrung: „Bei mir war es damals ganz genauso.“ Und zweitens ist es so, dass auch die „Cancer Survivors“ sich womöglich täuschen in der Analyse ihres eigenen Schicksals. Sieger überschätzen immer den Anteil ihrer Willenskraft am Sieg; Verlierer wissen, dass sie alles gegeben und dennoch verloren haben.

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