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Medizinroboter : Der will nur helfen

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Maschine mit Kulleraugen: Roreas soll in der Pflege zum Einsatz kommen. Bild: dpa

Roboter bauen Autos zusammen und staubsaugen Teppiche. Roreas ist einer der ersten, der sich um Patienten kümmert. Manches kann er besser als seine menschlichen Kollegen.

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          Es gibt Patienten, die Roreas vom ersten Tag an geduzt haben. Ihm, unten ein Quader, oben ein Glaskugelkopf mit Augen und Sensoren, sind sie viel persönlicher und vertrauter entgegengetreten als den Ärzten und Schwestern: Das menschliche Klinikpersonal sprachen die Kranken fast immer mit einem distanzierten „Sie“ an. Dabei ist Roreas eigentlich das Fremde in den Krankenhausfluren, das Unbekannte und Unmenschliche: eine Maschine. Diese Tatsache vergisst zwar leicht, wer in die Kulleraugen des Roboters sieht. Bedrohlich aber scheint er so oder so nicht zu sein: nicht für die Patienten und auch nicht für die Beschäftigten der Gesundheitsbranche - dort, wo Roreas nach dem Willen seiner Entwickler schon in den allernächsten Jahren in großer Zahl eingesetzt werden soll.

          Im Arbeitsalltag vieler Menschen sind Roboter schon ganz normal. Sie räumen Lagerregale ein, setzen Autos zusammen, verbinden Kunden zum richtigen Mitarbeiter in Callcentern. Krankenhäuser sind zwar ein enorm technisierter Ort, und mancherorts transportieren Maschinen das Essen ans Krankenbett. Aber Pflegen und Heilen - das sind bislang Aufgaben für Menschen. Mit Helfern wie Roreas soll sich das ändern. In einem Bereich, in dem es auf das Zwischenmenschliche so sehr ankommt, stellen sich auf einmal die ganz großen Fragen: Geht das überhaupt? Kann eine Maschine Zuneigung und Hoffnung spenden, trösten und zuhören?

          Die Fragen, die Roreas von seinen Patienten zu hören bekommt, sind viel einfacher. Die häufigste lautet: „Kommst du mit?“ Das konnten die Kranken den Roboter fragen, weil er vor allem hinter ihnen hergefahren ist auf den Fluren der Fachklinik für medizinische Rehabilitation in Bad Liebenstein im Südwesten Thüringens. Dort ist Roreas zwischen April 2015 und März 2016 getestet worden während eines großangelegten und in Deutschland bislang einzigartigen Forschungsprojektes. Der Roboter ist ein Prototyp für Maschinen, die zum Beispiel Schlaganfallpatienten dabei helfen sollen, wieder laufen zu lernen. Es stellte sich aber heraus, dass er zu noch viel mehr in der Lage ist.

          Ein Zwinkern vom Roboter

          Das Konzept hinter Roreas ist nach Angaben seiner Entwickler im Grunde ebenso einfach, wie es technisch anspruchsvoll ist: Roreas holt Schlaganfallpatienten auf ihren Zimmern in einer Klinik ab und begleitet sie beim Gehen über die Gänge des Krankenhauses. Diese kleinen Ausflüge sind Teil der Therapie. Der Roboter misst dabei exakt die von Mensch und Maschine gemeinsam zurückgelegte Strecke. Die Menschen bewegen sich so nicht nur einfach. Das begleitete Spazierengehen hilft ihnen auch, eine genaue Vorstellung davon zu bekommen, ob sie in einer Trainingseinheit besser oder schlechter waren als zuvor.

          Es ist für Roboter schon schwer genug, einen Menschen überhaupt zu erkennen. Die Entwickler von Roreas sagen, dass es eine besondere Leistung von ihm sei, Menschen mit Gehhilfe als solche wahrzunehmen. Aber damit ist seine Arbeit noch nicht getan. Roreas erkennt auch, ob sich ein Patient noch flüssig bewegt oder ob er sich schon irgendwo setzt, weil er eine Pause braucht. „Ich warte, solange Sie Pause machen“, sagt die Maschine dann, es klingt ein wenig holprig. Wenn Roreas aber dann mit einem seiner mechanischen Augen zwinkert, das kann er nämlich, macht das die Computersprache wieder wett.

          Während der Patient sich erholt, versucht die Maschine, ihm Mut zu machen: Sie zeigt ihm, was er schon geschafft hat. Und sie gibt eine Vorstellung davon, was er vielleicht noch schaffen könnte: „Bis zum Arztzimmer am Ende des Ganges“, schlägt Roreas vor und zeigt eine Karte des Weges auf seinem Bildschirm. Dann geht das Laufen weiter. „Bitte warten Sie, bis ich ein Stück weggefahren bin“, sagt Roreas und rollt los. Zum Ende der Übungseinheit sagt er artig danke und verabschiedet sich.

          Eine Maschine als „Kumpel“

          An den Gedanken, dass Roboter Teile unserer Arbeit übernehmen, haben wir uns längst gewöhnt. Damit, dass sie uns dabei auch noch ähnlich sehen, sind vor allem die Beschäftigten der Gesundheitsbranche konfrontiert. Die Maschinen, die beim Bau von Autos wesentliche Produktionsschritte übernehmen, haben eher keine Kulleraugen. Dagegen sehen die Pflegeroboter, mit denen in Japan viel experimentiert wird, ebenso menschlich aus wie Roreas oder ähneln wenigstens anderen Lebewesen (siehe Kasten). Kritiker halten das zumindest für fragwürdig.

          Überhaupt: Die Fragen, die mit der Robotisierung unserer Welt einhergehen, stellen sich im Gesundheitswesen unmittelbar. Wie weit darf die Pflege eines Menschen in einer für ihn besonders schwierigen, vielleicht sogar der letzten Phase seines Lebens durch ein Ding geleistet werden, das zu menschlichen Emotionen nicht fähig ist? Schließlich bleibt eine Maschine immer eine Maschine - ganz egal, ob die Entwickler ihr Kulleraugen aufgeschraubt haben. Und deshalb kann sie eigentlich auch keinen Trost zeigen und Verständnis freilich auch nicht. Oder?

          Nach der Testphase von Roreas muss man das Fragezeichen hinter diesem „oder“ noch viel größer schreiben als davor schon. Der Grund: Die Patienten in Bad Liebenstein, das sagen Gustav Pfeiffer und Sibylle Meyer, haben nicht nur überaus positiv auf die Maschine reagiert, sondern auch ganz anders als erwartet. Pfeiffer ist leitender Arzt in der Fachklinik, Meyer hat den Test des Roboters sozialwissenschaftlich begleitet. Die Soziologin sagt, oft sei der Roboter als „ein ultramodernes Sportgerät“ wahrgenommen worden. Manchmal, sagt der Arzt, aber eben auch als Kumpel - und zwar als einer, der eine langfristige Wirkung auf die Patienten gehabt habe.

          Ein guter Gesprächspartner

          In seiner Testphase hat Roreas den Experten zufolge nämlich nicht nur das geschafft, was sein eigentlicher Job ist. Er hat stattdessen auch mit Fähigkeiten überrascht, die ihm niemand zugetraut hätte. Die Kür jedenfalls bestand der automatisierte Helfer problemlos: „Die Patienten haben durch das Training mit Roreas selbst Strategien entwickelt, wie sie auch ohne Roboter Entfernungen schätzen können“, sagt der leitende Arzt. So hätten sie bei späteren Trainings ohne die Maschine den Ärzten eine viel präzisere Rückmeldung als früher geben können, welche Fortschritte sie beim Lauftraining gemacht hätten. Überrascht waren die Mediziner davon, was Roreas jenseits dessen, wofür er konzipiert worden ist, für die Patienten hat tun können - und wie weit die Interaktion zwischen Mensch und Maschine ganz offenbar gehen kann. „Auch wir Ärzte haben viel über die Rehabilitation gelernt“, sagt Pfeiffer.

          Zum Beispiel bei einer Frau, von der der leitende Arzt an dieser Stelle gerne erzählt. Nach ihrem Schlaganfall konnte die Patientin nicht mehr richtig sprechen - jedenfalls nicht mit ihresgleichen. Mit dem Roboter sei ihr eine Kommunikation dann aber doch möglich gewesen. „Sie hat das mit Roreas besser gekonnt als mit Menschen“, sagt Pfeiffer, sogar besser als mit ihren Angehörigen. Der Grund: Das, was der Roboter sagt, ist einfach und vorhersehbar. Das hat der Frau ihrem Arzt zufolge offenbar enorm geholfen.

          Das Forschungsprojekt, bei dem die Entwickler Roreas erdacht und zusammengebaut haben, wurde in den vergangenen drei Jahren mit insgesamt etwa einer Million Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Neben einem ebenfalls in Thüringen beheimateten Technologieunternehmen und der Technischen Hochschule Ilmenau - beide: die Techniker des Projekts - sowie der Klinik in Bad Liebenstein beteiligte sich unter anderem auch die Barmer GEK als Krankenkasse daran. Die Gesamtkosten des Projekts - also Förderung plus die jeweiligen Eigenanteile der Projektpartner - beziffern die Beteiligten auf insgesamt etwa anderthalb Millionen Euro.

          Roreas ist noch nicht marktreif

          Aus Sicht der Kassen, so sagt das der Thüringer Landesgeschäftsführer der Barmer GEK, Hermann Schmitt, biete der Einsatz von Robotern im Krankenhaus schon deshalb ein großes Potential, weil er helfen könne, Kosten zu senken. Und zwar selbst dann, wenn eine solche Maschine nach Schätzung seiner Entwickler erst einmal mehrere zehntausend Euro pro Stück in der Anschaffung kosten wird. Ein Patient, der nach einem Schlaganfall wieder rasch laufen könne, sagt Schmitt, verursache in der weiteren Pflege geringere Kosten. Allerdings, und an dieser Stelle fällt der Mann von der Krankenkasse ein bisschen aus seiner Rolle: Bei dem Versuch, Schlaganfallpatienten wieder möglichst zügig auf die Beine zu bringen, dürften Kostenfragen nicht das entscheidende Argument sein. Wenn es eine Technik gebe, die ihnen rasch den Weg zurück ins mobile Leben zeige, „dann spielt das Geld erst mal gar keine Rolle“. Nach den Daten der Barmer erleiden bundesweit etwa 250 000 Menschen jährlich einen Schlaganfall, von etwa genauso vielen spricht die Deutsche Schlaganfallhilfe.

          Dass Maschinen wie Roreas menschliche Pflegekräfte in Kliniken oder Pflegeheimen irgendwann vollständig ersetzen werden, glaubt niemand der Projektbeteiligten. In naher Zukunft scheint das schon deshalb unmöglich, weil Roreas erst mal nur ein Prototyp ist und es nach Angaben seiner Entwickler noch ein bis zwei Jahre Feintuning brauchen wird, ehe die Maschine marktreif ist. Aber selbst wenn - wie Hermann Schmitt von der Barmer schätzt - Roboter in Krankenhäusern innerhalb der nächsten fünf Jahre eine bedeutende Rolle spielen sollten: Sie sollen den Menschen als Pflegekraft gar nicht ersetzen. Die Automatisierung der Arbeitswelt solle Menschen Freiräume schaffen, um die wirklich wichtigen Aufgaben ihres Berufs zu erledigen. Das sagen alle, die an der Entwicklung von Roreas beteiligt sind.

          Und so stellen sich das auch die Menschen vor, die Maschinen wie Roreas demnächst in ihren Pflegeeinrichtung einsetzen könnten. Der Direktor des Caritasverbandes für das Bistum Erfurt, Bruno Heller, etwa sagt, schon aus ethischer Sicht müsse die Pflege von Menschen im Wesentlichen eine Angelegenheit von Mensch zu Mensch bleiben. Daran dürfe alle Technisierung der Arbeitswelt nichts ändern. Das meine aber nicht, dass er oder die katholische Wohlfahrtsorganisation technikfeindlich sein. Aber an den Grundproblemen der Pflege ändere der Einsatz von noch mehr Technik doch nichts: Es gebe zu wenig Pflegepersonal. Und zu viel Bürokratie. „Würde die abgebaut, wäre uns mehr geholfen als mit der Entwicklung von Robotern“, sagt Heller. „Da müssten uns die Kassen auch mal ein bisschen entgegenkommen.“

          Sollte es also eines Tages einen Roboter geben, der für uns den lästigen Papierkram erledigt, sei es in der Automobilindustrie, in der Logistikbranche oder halt im Krankenhaus, dann kann der auch ruhig Kulleraugen haben.

          Eine Robbe für Demenzkranke

          Welche menschliche Tätigkeit kann ein Roboter ersetzen - und wollen wir, dass er das tut? Mit dieser Frage beschäftigt sich Michael Decker am Institut für Technologie in Karlsruhe. Decker hat viel mit Projekten für Demenzkranke zu tun und festgestellt: „Bei den meisten Aufgaben, die direkt mit dem Patienten zu tun haben, ist es nicht sinnvoll, sie von einem Roboter erledigen zu lassen.“ Dagegen sind Transportroboter heute oft schon tatsächlich im Einsatz. So fahren zum Beispiel in einer Klinik nahe Berlin schon seit vier Jahren Maschinen über die Gänge, die Wäsche transportieren oder Operationsbesteck. Sie machen dabei selbständig Türen auf oder holen sich einen Fahrstuhl. Etwas näher am Menschen sind Bringroboter, die in Deutschland unter der Federführung des Fraunhofer Instituts bei der „Wimi-Care-Studie“ getestet wurden. Laut Decker vom Technologieinstitut interagierten viele Patienten dabei aber kaum mit den Geräten, die ihnen Getränke reichten. Anders ist das bei der Pflegerobbe „Paro“. Das ist ein in Japan entwickeltes Kuscheltier, das aussieht wie eine Robbe. Es reagiert auf Bewegungen und die Worte der Patienten, denen es in die Hand gedrückt hat. Es wird auch in einigen deutschen Pflegeheimen eingesetzt. Besonders Demenzkranke profitieren Tests zufolge davon. Sie werden aufgeschlossener und gesprächiger. In Japan wird ohnehin viel mit Robotern experimentiert. Große Aufmerksamkeit bekamen zuletzt solche, die den Pflegern eine ihrer körperlich härtesten Aufgaben abnehmen: „Robear“ ist einer von ihnen, er hebt Patienten aus ihrem Bett in den Rollstuhl - und sieht dabei aus wie ein Bär. Er ist ein gutes Beispiel für die Diskussion um die Grenzen der Robotik im Pflegealltag, sagt Technikfolgenforscher Michael Decker: Soll der Roboter gemeinsam mit einem pflegenden Menschen heranrollen? Oder ist es okay, wenn er selbst den Smalltalk führt und fragt, wie es dem Patienten so geht? (pede.)

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