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Welt-Malaria-Tag : „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“

Der Kampf geht weiter: Einwohner Malawis werden gegen Malaria geimpft. Bild: AFP

Nach dem zerstörerischen Zyklon „Idai“ erkranken in Moçambique wieder mehr Menschen an Malaria. Trotz jüngster Fortschritte wird der Kampf gegen die Krankheit insgesamt immer schwieriger.

          3 Min.

          Moçambique war auf einem guten Weg. Der ostafrikanische Staat liegt mitten im Verbreitungsgebiet der Malaria, noch im Jahr 2017 gehörte er zu den drei am stärksten betroffenen Ländern der Welt. Doch zuletzt zeigten sich Fortschritte, die Programme schienen zu greifen, in einigen Distrikten seien fast keine Fälle mehr aufgetreten, sagt Christoph Benn. Er arbeitet für den Globalen Fonds, der 2002 gegründet wurde, um den Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria zu organisieren und zu finanzieren. Doch dann traf der Zyklon „Idai“ Moçambique und hinterließ große Gebiete überschwemmt zurück. Wenn die Menschen jetzt in ihre Dörfer zurückkehren, sind die Anopheles, die Malariamücken, vermutlich schon da.

          Anna-Lena Niemann

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Naturkatastrophe verdeutlicht, was der Klimawandel für Krankheiten wie die Malaria bedeuten kann. Benn sagt: „Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Es geht darum, die Malaria jetzt so stark zurückzudrängen, bevor die Konsequenzen des Klimawandels die Infektionen wieder ansteigen lassen.“ Laut Zahlen des aktuellen World Malaria Reports der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte das schwer werden. Seit 2010 gingen die Malariafälle zwar um 8,5 Prozent zurück, auf 219 Millionen 2017. Doch seit drei Jahren sinken die Zahlen nicht mehr – sie stagnieren. Das liegt zum Teil am Bevölkerungswachstum, gerade in Afrika, wo immer noch gut 92 Prozent aller Malariainfektionen auftreten. Der einzige Grund ist es aber nicht.

          Hauptverbreiter der Krankheit: Eine Mücke der Gattung „Anopheles gambiae“
          Hauptverbreiter der Krankheit: Eine Mücke der Gattung „Anopheles gambiae“ : Bild: dpa

          Einen wirksamen Impfschutz gibt es bisher nicht, auch wenn in Malawi gerade ein Pilotversuch für Kinder mit dem Wirkstoff RTS,S gestartet wurde. Wer aber jemals an der parasitären Krankheit gearbeitet habe, wisse, wie schwer sie zu bekämpfen sei, sagt Benn. Er selbst zählt inzwischen 30 Berufsjahre im Kampf gegen Malaria. „Man muss sehr konzentriert und systematisch vorgehen. Das braucht große internationale Anstrengungen, und es braucht ausreichende Finanzierung.“ Die Bereitschaft dazu sei grundsätzlich da. Im Moment kämen pro Jahr 1,3 Milliarden Dollar zusammen. Soll das gesteckte Ziel, die Malaria bis 2030 um 90 Prozent zu reduzieren, eingehalten werden, reiche diese Summe aber nicht. Mindestens 15 Prozent mehr benötige man, sagt Benn.

          Resistenzen gegen die Medikamente

          Auch, weil ein weiterer Faktor das Vorhaben gefährdet: Resistenzen gegen Malariamedikamente und vor allem gegen die Insektizide, die zur Prävention so entscheidend sind. „Seit Jahrzehnten wird zur Bekämpfung von Malaria die gleiche Technologie genutzt“, sagt Achim Reddig, Direktor der globalen Gesundheitssparte bei BASF. „Das heißt, seit fast 30 Jahren wird im Grunde nur eine Chemieklasse angewandt.“ In diesem Jahr könnte sich das ändern. Dann bringt das Unternehmen ein Moskitonetz auf den Markt, das mit dem neuen Wirkstoff Chlorfenapyr behandelt ist. Anders als andere Insektizide wirkt er nicht auf das Nervensystem der Moskitos ein, sondern auf deren Stoffwechsel. Derzeit gehe man davon aus, dass sich Resistenzen gar nicht oder zumindest wesentlich langsamer bildeten. „Aber hundertprozentig sicher ist man dabei nie“, sagt Reddig und betont, dass es besonders auf das Resistenzmanagement ankomme.

          Wichtig sei der Mix verschiedener Wirkstoffe und Technologien, und das Moskitonetz spiele dabei eine entscheidende Rolle: „Es ist sehr einfach einzusetzen, über drei, vier Jahre wirksam, einfach zu verteilen und zu benutzen.“ Und es kostet nur etwa zwei Dollar. Die WHO und andere Organisationen geben die Preise und bestimmte Parameter vor. Will ein Unternehmen die Ergebnisse seiner Forschung auf einen globalen Markt bringen, gilt es diese Vorgaben zu erfüllen. So werde verhindert, dass die Preise von der Nachfrage getrieben werden. Für Unternehmen ist das trotzdem reizvoll, wie Zahlen der WHO zeigen: Investitionen in Produkte wie Moskitonetze und Sprays haben sich 2016 gegenüber dem Vorjahr mit 61 Millionen Dollar verdoppelt.

          Der Einfluss der Krankheit ist groß

          Am Ende gehe es auch darum, zu begreifen, wie viel Einfluss die Krankheit auf die wirtschaftliche und soziale Stabilität der Länder hat. Darin sind sich Christoph Benn und Achim Reddig einig. Reddig hat während seiner jahrelangen Arbeit in Südamerika und im Amazonas beobachtet, dass mit sinkenden Malariafällen plötzlich die Alphabetisierungsrate unter den Kindern stieg. Und Benn beschreibt: „Die Familien, vor allem die Frauen, verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich um ihre kranken Kinder zu kümmern, sie in Kliniken zu bringen und behandeln zu lassen.“ Berechne man allein die Kosten des Arbeitsausfalls, dann verliere der afrikanische Kontinent jedes Jahr um die zwölf Milliarden Dollar an die Malaria. Schon deshalb seien die Mittel sinnvolle Investitionen.

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