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Der Kampf gegen den Krebs : Ein Ende auf Augenhöhe

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April 1992: Zwei Jahre nach der ersten Diagnose Gili Pattirs entsteht das erste Bild des Projekts Bild: Vardi Kahana

Von der Diagnose bis zum Tod: Vier Jahre begleitete die Fotografin Vardi Kahana ihre Freundin Gili Pattir mit der Kamera und dokumentierte ihren Kampf gegen den Krebs. Das gemeinsame Ziel der beiden Frauen: Die Krankheit ohne Weichzeichner zu zeigen.

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          Erst vor wenigen Tagen titelte die „Zeit“: „Krebs - die Wende“. Die Wahrheit ist: Die Hoffnung, die Krankheit in all ihren Erscheinungsformen zu besiegen, ist größer geworden. Groß ist sie deshalb noch lange nicht, jedenfalls längst nicht für alle Erscheinungsformen maligner Tumore.

          Immer noch umgibt die Diagnose eine Fülle sozialer Tabus, vor allem das der Sprachlosigkeit. „Ich möchte, dass du mich fotografierst. Um zu dokumentieren, was ich erlebe, und die Veränderungen festzuhalten, die mein Körper erlebt. Ich komme zu dir ins Studio, und wenn das nicht geht, kommst du mich besuchen.“ Das war die Verabredung zwischen Gili Pattir, einer 24 Jahre alten Historikerin und Journalistin aus Tel Aviv, und ihrer Freundin, der Fotografin Vardi Kahana. Mit den Mitteln der Schwarzweißfotografie sollte der zähe, lange Kampf dokumentiert werden, eine ästhetisch-realistische Auseinandersetzung mit Angst und Todesahnungen, Schmerzen, Hoffnung und Abschied.

          Heilungschancen bei maximal zwanzig Prozent“

          Und noch während die Patientin fest daran glaubt, der Statistik zu entkommen, legt sie fest, dass die Fotos veröffentlicht werden sollen. Nicht gleich, sondern später. Nicht, weil sie etwa Mitleid wünscht oder es genießt, sich voyeuristischen Blicken ausgesetzt zu sehen. Aber: „Es ist wichtig, zu wissen, wie diese Krankheit aussieht und wie man mit ihr lebt.“

          April 1992: Für die Chemotherapie wird ein Zugang zur Halsschlagader gelegt
          April 1992: Für die Chemotherapie wird ein Zugang zur Halsschlagader gelegt : Bild: Vardi Kahana

          So geschah es, fünf Jahre lang. Im Jahr 1990 erfuhr Gili Pattir die Diagnose „Ovarialkarzinom“. „Der Eierstockkrebs ist einer der bösartigsten Tumore, die es gibt, besonders bei jungen Frauen. Oft liegt eine genetische Disposition zugrunde. Die Heilungschancen liegen im fortgeschrittenen Stadium bei maximal zwanzig Prozent“, erklärt der Gynäkologe Claus Peter Moeller, einer der leitenden Ärzte am Zentrum für gynäkologische Endoskopie und Onkologie in der Hamburger Tagesklinik Altonaer Straße.

          „Mit den Ärzten diskutierte sie immer auf Augenhöhe“

          Pattirs Ärzte in Tel Aviv raten zur Totalausräumung. Ein radikaler Schritt: Entfernt werden Gebärmutter, Eileiter, Eierstöcke, das große Netz - ein Fettgewebe unterhalb des Querdarmes, befallene Teile des Bauchfells sowie üblicherweise auch Lymphknoten im Becken und neben der Bauchschlagader. „Das Ziel dieser Operation ist die R-null-Resektion, was bedeutet, dass sämtliche vom Tumor befallenen Stellen beseitigt werden“, sagt Moeller.

          Frühjahr 1992: Gili Pattir reist nach Washington, zum National Institute of Health. Man implantiert ihr einen sogenannten Port, einen Zugang in die große Vene unterhalb des Schlüsselbeins, mit Hilfe dessen ihrem Körper die Chemotherapie-Präparate zugeführt werden. Hochaktive, aber nebenwirkungsreiche toxische Kombinationen aus Platin-Substanzen und Taxanen, die das Wachstum der Tumorzellen bremsen sollen. „Sie war mutig und vital. Mit den Ärzten diskutierte sie immer auf Augenhöhe und bestand darauf, stets in vollem Umfang informiert zu sein“, erinnert sich Vardi Kahana.

          Die optimistische Seite der Krankheit zu oft betont

          Mai 1993: Es gibt Probleme. Der Darm ist befallen. Ein radikaler Eingriff ist die Folge. Gili zeigt den frischoperierten Körper, verletzbar und verletzt, mit groben dunklen Fäden und Plastikklammern zusammengehalten. Juli 1993: Die Patientin mit Freund Micky, der sie festhält, ängstlich und zärtlich zugleich, als könne er aufhalten, wovor sich beide fürchten. Februar 1994: Gili in Jeans, die den anus praeter verbergen, den künstlichen Darmausgang, der nach weiteren Operationen notwendig geworden ist. „Sie hat den Badeanzug drübergezogen und ist damit an den Strand gegangen“, erzählt Kahana.

          Typisch Gili: Sie leistet Widerstand, bis zuletzt, als sie ahnt, dass ihr Weg zu Ende geht. In ausführlichen Anordnungen schreibt sie nicht nur die Gedichtzeile für ihren Grabstein vor, sondern auch, dass keinesfalls die israelische Krebs-Liga als Sponsor des Projekts gewonnen werden soll. Pressuregroups dieser Art, so sah es die Kranke, betonen viel zu häufig die optimistische Seite der Krankheit, um Mittel für die Forschung zu gewinnen. Wäre es nicht ehrlicher, das Fatale hervorzuheben, um endlich auch die selteneren Krebsarten erfolgreicher bekämpfen zu können?

          Soziologe: „Der Tod ist ein Problem der Lebenden“

          Die letzten beiden Fotos stammen vom 20. Juni 1996 - aufgenommen wenige Stunden nach ihrem Tod. „Der Tod ist ein Problem der Lebenden“, schreibt der Soziologe Norbert Elias in seinem Essay „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“. Unter den Geschöpfen der Erde, die sterben, seien es allein die Menschen, für die Sterben ein Problem darstelle. Geburt, Jugend, Geschlechtsreife, Krankheit, Altern und Tod teilen sie mit den Tieren. „Aber sie allein unter allen Lebewesen wissen, dass sie sterben werden; sie allein können ihr Ende voraussehen, sind sich dessen bewusst, dass es jederzeit kommen kann.“

          Jederzeit.

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