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Interview mit Schlafmediziner : Was hilft gegen Schnarchen?

„Aber Schatz, ich schnarche doch gar ni...“ .....ZzZzzzzCHRRRrrr Bild: Illustration F.A.Z.

Kissen, OP oder APP: Der Arzt Joachim Maurer über neueste Entwicklungen, die gegen Schnarchen helfen sollen.

          4 Min.

          Herr Maurer, ein schnarchender Partner kann einen in den Wahnsinn treiben. Viele Paare suchen deshalb nach einer Lösung für das Schnarch-Problem. Welche neuen Technologien gibt es auf dem Markt, die Schnarchern Hoffnung machen?

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein sich rasant entwickelnder Bereich sind die Smartphone-Anwendungen. Hier gibt es zum Beispiel Apps zur Aufzeichnung und Auswertung des Schnarchens und andere zur Verhinderung des Schnarchens, welche in aller Regel auf dem Prinzip beruhen, dem Schnarcher die Rückenlage mit Hilfe kurzer Vibrationen abzugewöhnen. Dem extrem günstigen Preis der App steht die absolute Ungewissheit gegenüber, ob diese Apps überhaupt wirksam sind. Aus diesem Grunde überprüfen wir aktuell zwei „Anti-Schnarch-Apps“ im Rahmen einer Studie.

          Unter Ihrer Leitung wurde auch eine klinische Studie zu einem, ich nenne es mal, „Anti-Schnarch-Kissen“ durchgeführt, das Schnarchgeräusche aufnimmt und danach automatisch die Position des Kopfes verändert. Kann dieses Kissen Ehen retten?

          Die Zielgruppe des Kissens, wenn man das so sagen will, sind tatsächlich Menschen, die schnarchen und selbst unter den Symptomen nicht leiden, mit dem Schnarchen aber ihren Bettnachbarn stören. Ob Ehen damit gerettet werden, haben wir nicht untersucht. Genauer gesagt, ging es in der Studie um Menschen, die schnarchen, ohne relevante Atempausen dabei zu zeigen, also bei denen das Schnarchen nicht zu Tagesmüdigkeit oder anderen Erkrankungen führt.

          Wie lautet das Ergebnis Ihrer Studie?

          Es konnte eine signifikante und deutliche Reduzierung des Schnarchens festgestellt werden. Im Mittel wurde das Schnarchen um etwa fünfzig Prozent pro Nacht reduziert.

          Dr. Joachim Maurer ist stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-HNO-Klinik in Mannheim und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums
          Dr. Joachim Maurer ist stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-HNO-Klinik in Mannheim und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums : Bild: privat

          Das heißt, wer vorher zwei Stunden in der Nacht geschnarcht hat, schnarcht nun nur noch eine?

          Genau. Wobei sich diese Zahl auf die Messung im Schlaflabor bezieht und ein Durchschnittswert ist. Manche der Probanden haben fast gar nicht mehr geschnarcht mit dem Kissen, bei anderen hat sich das Schnarchen nur wenig reduziert. Aber für mich als Mediziner ist besonders wichtig, dass das Schnarchen bei keinem schlechter geworden ist, bei keinem hat es zugenommen, und keinen Patienten hat das Kissen so beeinträchtigt, dass Schlafqualität oder Atmung negativ beeinflusst wurden. Man muss aber auch sagen, wir haben noch keine Langzeitdaten. Bettpartner haben übrigens den Effekt des Kissen noch besser bewertet als objektive Messdaten. Warum? Darüber kann man nur spekulieren.

          Wie viele Schnarcher gibt es denn?

          Wir wissen aus Untersuchungen, dass in der westlichen Welt etwa die Hälfte der Erwachsenen schnarcht - mehr oder weniger häufig. Von diesen haben etwa zehn Prozent eine Erkrankung mit relevanten Atempausen während des Schnarchens. Neunzig Prozent der Schnarcher schnarchen ohne Gesundheitsrisiko.

          Wie kommt es zum Schnarchen?

          Es entsteht durch Vibrationen der Weichteile im Rachen während der Einatmung. Beim Schlafen entspannt sich das Gewebe im Rachen und vibriert dadurch leichter als im Wachzustand. Das Gewebe kommt beim Durchstrom von Luft also schneller ins Schwingen. Ein eigentlich harmloser Vorgang.

          Wenn ich also alleinstehend bin, keine Atemaussetzer und Folgeerkrankungen habe oder das Schnarchen meinen Partner nicht stört, muss es auch nicht therapiert werden?

          Wir finden immer mehr Hinweise, dass das Gewebe über viele Jahre durch die ständige Vibration geschädigt wird. Kleine Nerven werden geschädigt, Muskeln schlechter innerviert. Es gibt die Hypothese, dass dadurch die Empfindlichkeit im Rachen abnimmt und der Atemweg nicht mehr offen gehalten werden kann. Atempausen entstehen. Man sollte im Kopf haben, dass so aus einem harmlosen Schnarchen ein gefährliches werden kann. Diese Hypothese ist aber noch nicht definitiv belegt.

          Apps und Kissen sind das eine. Was ist von älteren Technologien zu halten wie Schnarchspangen oder Kinnbinden?

          Das Feld ist riesig und für Betroffene nicht zu überschauen. Schnarchspangen, in Fachsprache Unterkieferprotrusionsschienen, sind wirksam und sehr gut überprüft, wenn man sie verträgt und sie in der Nacht nicht aus dem Mund fallen. Spezialsysteme, die das Gaumensegel stabilisieren, scheinen ebenfalls recht gut das Schnarchen zu vermindern. Kinnbinden können zu Beginn einer Schnarchkarriere helfen, Hilfsmittel zur Verbesserung der Nasenatmung helfen in etwa fünfzig Prozent der Fälle, wenn die Nasenatmung behindert ist. Rückenlageverhinderungswesten werden eingesetzt, wenn Schnarchen vor allem in Rückenlage auftritt. Für Rachensprays und -tropfen konnte bisher keine Wirksamkeit nachgewiesen werden.

          Für das Kissen muss man nach Angaben des Herstellers 698 Euro zahlen. Wie tief muss man für die anderen Hilfen in die eigene Tasche greifen?

          Die Behandlung des Schnarchens muss der Betroffene grundsätzlich aus eigener Tasche bezahlen, es sei denn, es tritt im Rahmen einer obstruktiven Schlafapnoe auf. Spangen kosten einige hundert bis über eintausend Euro. Für Lagetherapiewesten sind niedrige dreistellige Beträge typisch. Apps kosten wenige Euro.

          Manche Menschen sind so verzweifelt oder haben Partner, die so verzweifelt sind, dass sogar an eine Operation gedacht wird. Für wen ist das wirklich eine Lösung?

          Operationen gegen das Schnarchen haben ihren Sinn, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Ob und welche Operation erfolgversprechend ist, kann ausschließlich durch eine gründliche Untersuchung von Nase, Rachen, Hals und Kehlkopf beurteilt werden. Für sehr viele Patienten stehen Operationen sicher nicht an erster Stelle der Optionen.

          Und Operationen müssen im Fall vom harmlosen Schnarchen auch selbst bezahlt werden?

          Krankenkassen zahlen hier üblicherweise nichts zu. Eine Operation kann je nach Technik und Narkoseart mehrere hundert bis tausend Euro kosten. Sie merken, der Preis ist insgesamt ein Problem bei der Therapie des Schnarchens ohne Atemaussetzer. Eine der wenigen sehr preiswerten und zugleich effektiven Therapien ist das Abnehmen bei übergewichtigen Schnarchern. Aber meine Erfahrung zeigt, das schaffen die meisten aus eigenem Antrieb leider nicht. Wichtig ist bei der Wahl der Therapie, dass der Arzt individuell auf den Patienten schaut und je nach Risiko und Nutzen Empfehlungen ausspricht.

          Das heißt, den einen Tipp, der immer wirkt, gibt es nicht?

          Leider nicht. Aber das Reduzieren des erhöhten Körpergewichts und das Vermeiden von Alkohol am Abend sind Empfehlungen zur gesunden Lebensführung, die nebenbei auch Schnarchen vermeiden oder verringern bis beseitigen können.

          Wie bekomme ich raus, was für ein Schnarchtyp ich bin und welche Therapie für mich geeignet ist?

          Vor jeder Therapie sollte das Schnarchen von einem Arzt abgeklärt werden. Das heißt praktisch, man sollte zu einem HNO-Arzt oder Lungenarzt gehen, dieser untersucht einen und gibt einem ein kleines Gerät, mit dem man die Atmung im Schlaf zu Hause aufzeichnen kann. Die Daten werden danach ausgewertet. Manchmal kann ein Aufenthalt in einem Schlaflabor zusätzlich sinnvoll sein. Ist ein harmloses Schnarchen diagnostiziert, kann man bereits über eine Therapie sprechen. Die meisten, die zum Arzt gehen, haben ja einen hohen Leidensdruck und schon jahrelang nächtliche Ellenbogen-Stöße des Bettpartners hinter sich.

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