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Der Chef der Aidshilfe im Gespräch : "Früher gab es mehr Solidarität mit Aidskranken"

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Viele HIV-Positive haben Angst vor Diskriminierung am Arbeitsplatz Bild: dpa

Die Zahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland ist gestiegen. Grund ist, dass die Krankheit nicht mehr so bedrohlich erscheint. Der Chef der Deutschen Aidshilfe über austherapierte Fälle und die Wirkung von neuen Medikamenten.

          Die Zahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland sind gestiegen. Grund ist, dass die Krankheit nicht mehr so bedrohlich erscheint. Der Chef der Deutschen Aidshilfe Luis Carlos Escobar Pinzón spricht mit der F.A.Z. über austherapierte Fälle und die Wirkung von neuen Medikamenten.

          Seit dem Jahrtausendwechsel steigen die HIV-Neuinfektionszahlen in Deutschland stark. Was sind die Gründe?

          Zunächst ist wichtig, zwischen Neudiagnose- und Neuinfektionszahlen zu unterscheiden. Infektionen können ja schon vor vielen Jahren erfolgt sein, lange bevor sie diagnostiziert werden.

          Wann sich jemand infiziert hat, kann man nicht feststellen?

          Zurzeit wird ein neuer Antikörpertest entwickelt, um zwischen frischen und älteren Infektionen unterscheiden zu können. Bislang wird auf den Meldebögen des Robert-Koch-Instituts auch die Zahl der Helferzellen erfasst. Daran kann man ungefähr ablesen, wie stark das Immunsystem geschädigt ist und wie lange eine Infektion zurückliegt.

          Gestiegen ist also die Zahl der Neudiagnosen?

          Genau. Im ersten Halbjahr 2007 gab es 1300 Neudiagnosen, im ersten Halbjahr 2001 waren es 700. Das ist fast eine Verdopplung. Allerdings steigen die Zahlen langsam. Wohl die Hälfte des Anstiegs lässt sich auf eine verbesserte Erfassung der Neudiagnosen und auf eine erhöhte Testbereitschaft zurückführen. Vor allem lassen sich viel mehr homosexuelle und bisexuelle Männer testen. Trotzdem darf man die Zahlen nicht bagatellisieren, denn bei der anderen Hälfte des Anstiegs wird es sich tatsächlich um Neuinfektionen handeln. Einer der Gründe dafür ist, dass die HIV-Infektion nicht mehr so bedrohlich scheint - daher wird teils der Schutz vor der Krankheit vernachlässigt.

          Besonders für homosexuelle Männer scheint Aids nicht mehr bedrohlich.

          Die Epidemie verläuft auf jedem Kontinent und in jedem Land ein wenig anders. In Deutschland beschränkt sie sich vor allem auf Männer, die Sex mit Männern haben - 750 der 1300 Neudiagnosen im ersten Halbjahr 2007 entfielen darauf. Das Risiko, in dieser Gruppe auf einen HIV-positiven Sexpartner zu treffen, ist also größer als in anderen Bevölkerungsteilen, weil hier die HIV-Prävalenz höher ist. Außerdem haben sie im Durchschnitt mehr sexuelle Kontakte als andere.

          Man kann sich aber nur durch ungeschützten Geschlechtsverkehr infizieren. Welche Rolle spielt der bei Schwulen?

          In reißerischen Berichten geht es meist um Menschen, die andere oder sich selbst mehr oder weniger bewusst infizieren wollen. Das ist aber eine sehr kleine Gruppe. Auch ist zu bedenken, dass bei Anal- oder Vaginalsex ohne Kondom nicht jeder Verkehr zu einer Infektion führen muss: Sind beide Partner HIV-negativ oder -positiv, besteht kein Risiko für eine HIV-Neuinfektion. Und wenn einer HIV-positiv ist, seine Therapie aber gut wirkt und die Viruslast unter die Nachweisgrenze gesenkt hat, ist das HIV-Risiko deutlich reduziert.

          Wo gibt es die meisten Neudiagnosen?

          Die Zahl der Neudiagnosen war im ersten Halbjahr 2007 regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. In Berlin stagnieren die Zahlen zum Beispiel, während sie in Nordrhein-Westfalen steigen.

          Dass Aids seine Bedrohung verloren hat - hat das auch mit einem Mangel an Aufklärung zu tun? Immerhin wird für die Aidsprävention weniger ausgegeben als noch in den neunziger Jahren.

          Auf Bundesebene haben wir eine gute finanzielle Situation, was die Deutsche Aidshilfe und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angeht. Auf regionaler und Länderebene sieht das leider anders aus. Viele Aidshilfen und Präventionszentren sind zu Sparmaßnahmen gezwungen. Die Präventionsarbeit ist trotzdem noch sehr erfolgreich. Nur die skandinavischen Länder haben eine ähnlich niedrige HIV-Prävalenz wie wir.

          Welche Rolle spielt Rauschgift wie Crystal meth in Deutschland? In den Vereinigten Staaten wird jede vierte HIV-Neuinfektion unter Schwulen auf Crystal meth zurückgeführt.

          Crystal meth ist hier noch nicht so stark verbreitet. Aber schon unter Alkoholeinfluss neigen viele ja dazu, auf Kondome zu verzichten. Und Alkohol ist die Droge Nummer eins in Deutschland.

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