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Der Chef der Aidshilfe im Gespräch : "Früher gab es mehr Solidarität mit Aidskranken"

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Eine Million Europäer wissen nicht, dass sie HIV-positiv sind. Wie hoch sind die Zahlen in Deutschland?

Genau weiß man das nicht. Entscheidend ist, dass man die richtigen Personengruppen für einen Test gewinnt. In Ländern wie Botswana, wo 30 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung HIV-positiv sind, ist es sinnvoll, dass große Teile der Bevölkerung häufig zum Test gehen. In Deutschland haben wir eine HIV-Prävalenz von 0,1 Prozent. Es hat also keinen Sinn, jeden zu testen. Wir müssen dabei auch an die Kosten denken. Wo sich die Epidemie aber konzentriert, unter den schwulen und bisexuellen Männern mit einer Prävalenz von etwa fünf Prozent, ist es wichtig, sich häufiger testen zu lassen. Dafür werben wir seit Jahren.

Im ersten Halbjahr 2007 gab es in Deutschland 16 Fälle von Mutter-Kind-Übertragung, obwohl man bei der Geburt zu fast 100 Prozent die Ansteckung eines Kindes durch seine HIV-positive Mutter ausschließen kann. In zehn Fällen hatten Frauenärzte den Schwangeren nicht zu einem Test geraten.

Das ist eine Schande. Viele Gynäkologen scheuen sich, das Thema Aids bei schwangeren Frauen anzusprechen. Das darf nicht sein. Aber selbst in diesem Fall muss ein Test freiwillig bleiben, der von den Krankenkassen bei Schwangeren übrigens immer bezahlt wird.

Was ist von neuartigen Präventionsmethoden zu halten wie der männlichen Beschneidung oder Mikrobioziden, also vaginal anwendbaren Substanzen?

Die Mikrobiozid-Forschung hat einen schweren Rückschlag erlebt. Eine Studie musste Anfang 2007 abgebrochen werden, weil sich Teilnehmerinnen mit HIV infiziert hatten. Darum sind Mikrobiozide als HIV-Schutz noch kein Thema. Die Studien zur Beschneidung wurden mit heterosexuellen Männern durchgeführt. Es wurde festgestellt, dass in Ländern, in denen die HIV-Prävalenz hoch ist, das Infektionsrisiko bei beschnittenen Männern um 60 Prozent sinkt. Darum empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation die Beschneidung für manche afrikanische Länder. Für Deutschland spielt das keine große Rolle, weil sich hier ja die Epidemie auf homosexuelle und bisexuelle Männer konzentriert.

In Deutschland werden Aidspatienten schon seit mehr als zehn Jahren mit antiretroviralen Medikamenten behandelt. Die Erkrankten leben länger, auch verhältnismäßig gut, doch wie lange wirken ihre Medikamente noch?

Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker spricht vom „neuen Aids“. Aids ist keine tödliche, sondern inzwischen eine chronische Erkrankung. Wir nehmen an, dass HIV-Positive mit antiretroviralen Medikamenten etwa 30 bis 40 Jahre gut überleben können. Genaues weiß man aber noch nicht, denn die Kombinationstherapien gibt es ja erst seit zehn Jahren.

Was versteht man unter austherapierten Fällen?

Das sind Fälle, bei denen aufgrund von Resistenzen und Kreuzresistenzen kein Medikament mehr wirkt. HIV hat eine enorme Fähigkeit, zu mutieren und gegen Medikamente unempfindlich zu werden. Deshalb setzt man nach wie vor mindestens drei Medikamente ein. Dann nämlich hat es das Virus schwerer, gegen ein Medikament resistent zu werden. Wichtig ist, dass von Anfang an eine stark wirkende Therapie eingesetzt und auch durchgehalten wird.

Die Medikamente sorgen auch dafür, dass immer mehr HIV-Patienten ins Arbeitsleben zurückkehren können.

Genau da gibt es aber große Probleme. HIV-Positive outen sich nur äußerst selten an ihrem Arbeitsplatz. Die meisten haben Angst vor Diskriminierung.

Wie viele Mitarbeiter der Aidshilfe sind HIV-positiv?

Fast 30 Prozent sind es in der Bundesgeschäftsstelle. Wie es bei unseren Mitgliedsorganisationen in den Ländern, Städten und Gemeinden ist, kann ich nicht sagen.

Man sollte meinen, dass Aidskranke viel weniger ausgegrenzt werden als früher.

Im Gegenteil. Vor einigen Jahren, als Aidskranke kaum eine Zukunftsperspektive hatten, gab es eine viel größere Solidarität. Heutzutage stehen die Menschen mit HIV mitten im Leben, doch kaum einer outet sich, weil die Konsequenzen häufig verheerend sind - vor allem am Arbeitsplatz.

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