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Ambulant oder stationär? : Das Geschäft mit dem Messer

Ambulante Operationen: Die Vorteile für den Patienten spielen oft nur eine untergeordnete Rolle Bild: Illustration iStock

Immer mehr Operationen sind ambulant möglich, das hat viele Vorteile für den Patienten. Entscheidend für den Ort der Operation sind aber viel häufiger wirtschaftliche Gründe.

          8 Min.

          Frank Ulmen* macht die Augen auf. Er liegt zwischen hellen Stellwänden, die ihn das Gewusel um ihn herum hören, aber nicht sehen lassen. Neben seinem rechten Ohr piepst es gut hörbar und regelmäßig. Sein Herz schlägt. Sein Kopf liegt auf einem weichen Kissen, seine rechte Leiste ist von einem dicken weißen Pflaster bedeckt. Ulmen ist noch nicht richtig wach, da steht schon eine Schwester neben seinem Bett. Nein, Schmerzen habe er keine, aber schummrig sei ihm noch etwas, sagt er mit gedämpfter Stimme.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ulmen steht für einen von 250 000 Patienten, die im Jahr etwa in Deutschland aufgrund der Diagnose Leistenbruch operiert werden. Bei ihnen hat das Bindegewebe in der Leiste dem Druck, der beim Husten oder Heben im Bauchraum entsteht, irgendwann nicht mehr standgehalten. Bauchfell und Bauchorgane drücken sackig nach außen.

          Damit es zu keinen Abschnürungen und Verletzungen der inneren Organe kommt, muss ein Leistenbruch in den allermeisten Fällen operiert, die Bruchpforte verschlossen werden. Für diesen Eingriff mussten Patienten vor einigen Jahren noch drei bis vier Tage ins Krankenhaus, einen zur Aufnahme, einen für die Operation und mindestens einen zum Beobachten.

          Frank Ulmen ist an diesem Tag gegen Viertel nach sieben von seiner Frau in die Tagesklinik gebracht worden. Nüchtern. Wenn sich sein Kreislauf stabilisiert hat, die Wunde nicht nachblutet und auch sonst in den nächsten Stunden keine Komplikationen auftreten, holt seine Frau ihn am späten Nachmittag wieder ab, samt Schmerzmitteln und einer Nummer für den Notfall. Erholen von dem Eingriff kann Ulmen sich auf dem eigenen Sofa.

          Moderne Narkoseverfahren und Operationstechniken

          Dass mittlerweile viele chirurgische Eingriffe ambulant möglich sind, wo früher eine stationäre Aufnahme nötig war, „liegt an modernen Narkoseverfahren und schonenderen Operationstechniken“, sagt Andreas Bartels. Der Anästhesist betreibt seit 1997 in Mainz eine Tagesklinik, in der im Jahr rund 6000 Patienten behandelt werden. „Vor rund zwanzig Jahren hatten Anästhetika noch eine längere Halbwertszeit, das heißt, sie wirkten deutlich länger im Körper, waren schlechter steuerbar und riefen häufiger Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen hervor“, erklärt Bartels, der auch Präsident der Deutschen Praxisklinikgesellschaft ist.

          Ebenfalls hätten Schmerzmittel, die man den Patienten mit nach Hause geben könne, heute weniger Nebenwirkungen. Beides mache das ambulante Operieren leichter. Aber auch auf chirurgischer Seite gab es erhebliche Entwicklungen: „Viele Eingriffe kann man heute unter lokaler oder regionaler Betäubung durchführen, dazu minimalinvasiv. Damit werden die Wundflächen kleiner.“

          Und der Patient ist zufrieden. Nach einer Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung von 2010, die laut Fachleuten auf heute übertragbar ist, bewerten 97,5 Prozent der Patienten den Eingriff in der Tagesklinik als „sehr gut“ oder „gut“. 95,5 Prozent würden sich wieder ambulant operieren lassen. Kein Wunder, hört man den Experten die Vorteile des ambulanten Operierens aufzählen: „In erster Linie geht es dabei um den Wohlfühlfaktor, das Krankenhaus ist kein Ort, an dem man sich gerne aufhält“, so Bartels.

          Aber auch aus rein medizinischer Perspektive profitieren Patienten von der Devise „ambulant vor stationär“: „Die Infektionsgefahr wird deutlich reduziert, weil der Patient nicht den Keimen eines Krankenhauses ausgesetzt ist. Durch die schnellere Mobilisierung sinkt das Risiko einer Thrombose oder Embolie“, erklärt der Anästhesist. Insgesamt erholten sich die Patienten einfach schneller - ohne kranke Bettnachbarn, Kantinenessen und sterile Aufenthaltsräume. In der Folge komme es auch zu deutlich weniger Fehltagen am Arbeitsplatz.

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