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Ambulant oder stationär? : Das Geschäft mit dem Messer

Argumente, die Bartels nicht überzeugen, ganz im Gegenteil. Zu der Verweildauer kennt er andere Zahlen, und der Trend zu immer kürzeren Aufenthalten in der Klinik feuert ihn eigentlich nur an. Gern würde er in seiner Tagesklinik Patienten auch mal über eine Nacht versorgen, wenn es nötig ist. Doch das geht nur, wenn er mit den Krankenkassen Sonderverträge abschließt.

Ist das nicht der Fall und ein Patient muss aufgrund einer Komplikation nach dem Eingriff eine Nacht in der Mainzer Tagesklinik bleiben, ist er dort zwar versorgt, eine 24-Stunden-Betreuung steht bereit. Die Tagesklinik bekommt für Pflege und Versorgung aber kein Geld. „Im schlimmsten Fall kann es uns sogar passieren, dass wir auch für den Eingriff und die Narkose kein Honorar bekommen, da für die Kassen aus dem ambulanten Patient ein stationärer geworden ist und wir als niedergelassene Ärzte darüber mit den Kassen keinen Vertrag haben“, erklärt Bartels.

Nur der sollte in die Klinik, der es wirklich nötig hat

So tief muss man gar nicht in die Ungereimtheit und Starrheit unseres Gesundheitssystems einsteigen. Dass an ambulanten Operationen weniger Geld zu verdienen ist mit der gleichen chirurgischen und anästhetischen Leistung als im stationären Bereich, will niemand abstreiten. Dass dies die oft defizitären Kliniken in einen Konflikt bringt, liegt auf der Hand. Das mögliche Einsparpotential aber auch.

Zusammengefasst kann man sagen: Jeder Patient, der ambulant hätte operiert werden können, aber auf der Station gelandet ist, kostet die Gemeinschaft mehr Geld - von den medizinischen Vorteilen, die ihm verwehrt bleiben, gar nicht zu reden. Warum also achten Kassen nicht mehr darauf, dass in Kliniken nur der operiert wird, bei dem es wirklich notwendig ist?

Der Spitzenverband der Krankenkassen verweist auf das Gesetz, in dem steht: Ein Krankenhaus ist verpflichtet, bei Leistungen, die ambulant oder stationär durchzuführen sind, den Grund der stationären Aufnahme gegenüber den Krankenkassen anzugeben. Solche Begründungen würden regelmäßig überprüft.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Interessenvertretung der Krankenhausträger in Deutschland, springt den Kassen zur Seite. Ein stationärer Eingriff, der eigentlich ambulant durchgeführt werden könne, sei nicht ohne weiteres möglich, sondern unterliegt strikten Regularien und Rahmenbedingungen, ergänzt aber zugleich: Auf den jeweiligen Einzelfall bezogen sei das ärztliche Ermessen letztendlich aber ausschlaggebend.

Ob der Patient über den Ermessensspielraum des Arztes aufgeklärt und am Ende an der Entscheidung beteiligt wird, das steht nirgends festgeschrieben. Überhaupt fallen Worte wie „Patientenwohl“ oder „Patientenwille“ eher selten bei der Diskussion. Im Mittelpunkt stehen die Sorgen der Kliniken, von Interessen gesteuerte Argumente sowie finanzielle und verkrustete Strukturen.

Krankenhäuser müssen ihre Betten füllen

Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom und Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, überraschen solche Feststellungen nicht. „Der Bereich des ambulanten Operierens ist einer von vielen, in denen Entscheidungen auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht nur im Sinne des Patienten getroffen werden.“ Eine Folge der Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Für ihn ist klar, warum die Kassen nicht mehr darauf achten, dass ambulante Operationen, da wo möglich und indiziert, auch ambulant stattfinden.

„Die Krankenhäuser sind unter Druck, ihre Betten zu füllen. Jeder ambulante Eingriff bedeutet ein leeres Bett, das trotzdem gefüllt werden muss. Die Krankenkassen befürchten, dass sie so doppelt zahlen müssen.“ Auf den Punkt gebracht heißt das: Können Krankenhäuser ihre Betten auf den chirurgischen Stationen nicht füllen, werden auch nicht notwendige Operationen bei Patienten durchgeführt. Hauptsache die Bettenauslastung stimmt. Zahlen muss die Kasse.

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