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Ambulant oder stationär? : Das Geschäft mit dem Messer

Deutlich mehr ambulante Eingriffe

Da überrascht es nicht, dass die Zahl der ambulanten Operationen in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich gestiegen ist. Zwischen 2002 und 2011 haben sich die ambulanten Eingriffe nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes mehr als verdreifacht, von 575 613 auf knapp 1,9 Millionen. Damit stiegen laut Bundesgesundheitsministerium auch die Ausgaben: von 0,8 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 2,3 Milliarden Euro im Jahr 2012. Und auch der Katalog der Operationen, die ambulant möglich sind, ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Insgesamt etwa 2600 „Prozeduren“, wie es im Fachjargon heißt, stehen mittlerweile darin, quer durch die Fächer. Eingriffe von der Pupille bis zum Sprunggelenk.

Die Zeichen im ambulanten Operieren stehen unübersehbar auf Wachstum. Die ambulanten Operateure und Anästhesisten dürften zufrieden sein. Doch sie sind es nicht. Aus ihrer Sicht hat Deutschland noch deutlich Luft nach oben. Ihren Angaben zufolge werden hierzulande beispielsweise zwei Drittel der Leistenbrüche immer noch stationär operiert. „Obwohl nach dem vereinbarten Katalog Leistenhernien-Operationen nicht nur können, sondern in aller Regel, wenn es die gesundheitliche Verfassung des Patienten erlaubt, ambulant erbracht werden sollen“, sagt Bartels.

Das Ergebnis einer Studie mit Daten aus sechs europäischen Ländern, die im vergangenen Jahr von der Fachzeitschrift „Ambulatory Surgery“ veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass Deutschland fast in allen Bereichen immer die niedrigsten Raten von ambulanten Eingriffen im Vergleich der sechs Länder hat, gleichzeitig hier aber am meisten operiert wird.

Übernachtung des Patienten ist besser vergütet

Für Andreas Bartels liegt der Grund dafür auf der Hand: „Die ambulante Operation ist bei gleichem Aufwand, nur ohne die Übernachtbetreuung, wesentlich schlechter vergütet bei uns.“ Aus diesem Grund sei es gerade für Krankenhäuser finanziell attraktiver, den Patienten in ein Bett zu legen, als nach der Operation wieder nach Hause gehen zu lassen. Andere Länder hätten bei Vergütung und Struktur nicht die starre Trennung zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern, ungleiche Honorierungen für die gleiche Leistung seien damit weniger ein Thema.

Dann nimmt sich der sechsundfünfzigjährige Mediziner Blatt und Stift und fängt an zu rechnen. Am Ende stehen zwei Zahlen auf dem Papier: 485,83 Euro und 2508,83 Euro. Den geringeren Betrag wird die Krankenkasse Bartels Tagesklinik für die Operation von Frank Ulmen überweisen. Wäre der junge Mann für rund drei Tage in die Klinik gegangen, hätte das Krankenhaus den höheren Betrag überwiesen bekommen. Das Einsparpotential fängt bei der Pflege an: Um Frank Ulmen wird sich in den kommenden Tagen seine Frau sorgen. Keine Nachtschwester, keine Pfleger müssen bezahlt werden.

Anruf beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkasse: Patientenzufriedenheit und medizinische Vorteile gepaart mit Kostenersparnissen für die Kassen - dieses Potential soll nicht richtig ausgeschöpft werden?

Mit der Rechnung von Bartels konfrontiert, zückt der bundesweite Verband der Krankenkassen ebenfalls den Stift und kommt zu dem Ergebnis: Die vorgelegten Rechnungen seien „so nicht ganz repräsentativ“. Bei der ambulanten Rechnung kämen noch Sachkosten hinzu, es werde also teurer. Einen Preis nennen sie nicht, aber ein Blick in die Abrechnungen zeigt, rund 260 Euro kann Andreas Bartels zu den 485 Euro für Medikamente und Sprechstundenbedarfsartikel noch abrechnen.

Verträge mit den Krankenkassen sind strikt

Weiter heißt es im Schreiben, die meisten Menschen mit einer Hernien-Operation würden nur einen und nicht drei Tage im Krankenhaus liegen, deswegen fielen die stationären Kosten im Schnitt auf 1814 Euro.

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