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Demenz : Wir hatten noch so viel vor

Portrait eines demenzkranken Mannes Bild: Hinnerk Bodendieck

Früher hat es fünf Stunden gedauert, bis Hans angezogen war. Heute schafft seine Frau das in einer Stunde, weil er sich nicht mehr wehrt. Die Pflege zu Hause klappt also prima. Doch eigentlich bedeutet dieser Zeitgewinn nur, dass die Demenz rasend schnell fortschreitet.

          Ich habe eine schreckliche Nacht hinter mir: Ich habe geträumt, Hans* sei langsam und qualvoll verdurstet. Er lag mit dicker, geschwollener Zunge im Bett und hat mich angesehen, als wolle er sagen: Warum hilfst du mir nicht? Als ich aufwache, frage ich mich wieder und wieder, was ich tun soll, denn mein Traum kommt nicht von ungefähr: Hans trinkt seit sieben Tagen fast gar nichts mehr! Er scheint nichts zu vermissen, körperlich ist er dadurch unverändert. Aber mir geht es miserabel.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um halb neun gehe ich zu ihm rein und ziehe den Rollladen hoch. Durch den Lärm wacht er auf und dreht den Kopf in meine Richtung. Ich gehe zu ihm, stelle die Lehne seines Pflegebetts hoch, sage "Guten Morgen, Hans" und streichle seinen Kopf. "Heute ist Dienstag", erzähle ich ihm, "und die Sonne scheint." Dann gehe ich in die Küche, mache Kaffee und bereite einen Teller mit kleingeschnittenem Obst vor, und nach einer Viertelstunde komme ich mit seinem Bademantel, warmen Hausschuhen und Socken zu ihm zurück. Früher ist er gern noch im Bett liegen geblieben nach dem Aufwachen, immer war ich zuerst unten und habe Frühstück gemacht. Ich bemühe mich, so viel wie möglich von seinen alten Gewohnheiten beizubehalten.

          Er wackelt hin und her

          Ich sage: „Komm, Hans, steh auf, das Frühstück ist fertig“, mache Gesten, dass er rauskommen soll aus dem Bett, ziehe ihm den Bademantel an und hebe ihn aus dem Bett. Er wackelt hin und her, aber irgendwann steht er, und dann gehen wir in die Küche, da habe ich schon Musik angestellt, Louis Armstrong, das hat er früher gerne gehört.

          Die Patienten ziehen sich in eine eigene Welt zurück

          Hans will sich nicht setzen, er trippelt hin und her und ich mit dem Obst hinterher. Ab und zu schaffe ich es unterwegs, ihm ein Stück in den Mund zu schieben. Nach zwanzig Minuten reagiert er endlich auf meine Gesten und mein einladendes Tischwegschieben und Stuhlbereitstellen: Er versteht, dass er sich setzen soll, und lässt sich mit viel Mühe am Tisch nieder. Dort kann ich ihn besser füttern, danach bekommt er seine Arznei, Aricept und Axura, beides auf einem Löffel Marmelade.

          Ich bemühe mich um einen fröhlichen Tonfall

          Wie immer spreche während des Essens nur ich. Ich erzähle ihm, dass es schon halb zehn ist und dass ich ihm einen neuen Pullover gekauft habe, den ich ihm nach dem Frühstück anziehen werde. Ich bemühe mich um einen fröhlichen Tonfall.

          Aber mir ist gar nicht fröhlich zumute. Ich versuche zwar, seinen Flüssigkeitsbedarf mit Obst und Gemüse zu decken, heute Morgen bekommt er Melone, Birnen und Weintrauben. Aber während ich ihn füttere, muss ich daran denken, dass er auch das Obst vielleicht bald nicht mehr isst und dass er dann verdurstet.

          Verzweifelt gehe ich hinaus

          Als er wieder und wieder den Kopf wegdreht, obwohl er erst zwei Weintrauben und drei Stückchen Melone gegessen hat und sein Teller noch fast ganz voll ist, kann ich nicht mehr. Ich stehe auf und verlasse die Küche, weil ich verzweifelt bin und weinen muss. Das tue ich nie direkt vor ihm. Ich gehe immer in ein anderes Zimmer, denn man sagt, Menschen wie er würden gefühlsmäßig noch einiges mitkriegen. Ich möchte ihn nicht traurig machen.

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