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Demenz-Experte im Gespräch : „Man muss es aushalten“

  • -Aktualisiert am

Das Einzelzimmer gilt in vielen Heimen als Inbegriff des Luxus, bei Ihnen gibt es oft Zweierzimmer. In den „Pflegeoasen“ liegen auch schon mal acht Personen in einem großen Raum. Wieso?

Die Krankheit macht unglaublich einsam. Und wir wollen nicht, dass sie auch noch allein macht. Es gibt bei uns drei Wohnformen: WGs für die, die eigentlich noch zu Hause betreut werden könnten, wenn sie einen gesunden Partner hätten. Die leben je nach Wunsch in Einzel- oder Zweierzimmern. Dann die in der Pflegeeinrichtung, bei denen es zu Hause nicht mehr geht. Und schließlich die mit schwerer Demenz, die im Bett in den großen Räumen der Pflegeoasen liegen. Wenn die Patienten kognitiv so schlecht sind, dass sie gar nicht mehr Kontakt aufnehmen können, ist es umso wichtiger, dass um sie herum Kontakt entsteht.

Was ist die bessere Betreuung: Daheim oder im Heim?

Das darf man nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt Menschen, die bis zum Lebensende zu Hause gepflegt werden können, weil sie nicht aggressiv sind und nicht viel rumlaufen. Aber wenn jemand viermal in der Nacht an der Türe rüttelt, weil er meint, er müsste arbeiten gehen; wenn die Frau denkt: „Hoffentlich stirbt er bald“, dann geht es nicht mehr. Dann ist das Heim der beste Ort, weil dort die Infrastruktur besser ist. Diese Glorifizierung der Pflege zu Hause ist eines der großen Dramen in der Demenzgeschichte.

Wie ist Pflege zu Hause möglich?

Wenn Sie jemand zu Hause pflegen, brauchen Sie Entlastung. Regelmäßig und so früh wie möglich. Im Jahr mindestens zweimal drei Wochen Ferien.

Für Ihre Pflege sind drei Techniken sehr wichtig: Validation, basale Stimulation und Kinästhetik. Lässt sich das auch zu Hause anwenden?

Ja, teilweise. Vor allem Kinästhetik, bei der es darum geht, wie man jemand bewegt. Die basale Stimulation, bei der unter anderem durch feinfühlige Lockerungsübungen das Körpergefühl wiedergeweckt werden soll, wird zu Hause eher weniger angewendet, obwohl man das auch könnte. Und Validation ist eine Kommunikationsmethode, durch die der Demenzkranke seelisch gestärkt werden soll. Darin haben wir auch schon Angehörige geschult.

Wie funktioniert die Kommunikation im Sinn der Validation?

Es geht darum, dass der Angehörige anerkennt, dass der andere die Welt nicht mehr versteht. Er muss sich von der Kommunikation verabschieden, wie er sie früher geführt hat. Er bietet ihm so die Chance, die Welt positiv zu erleben, auch ohne sie zu verstehen. Wie bei einem Kind, das mit dem Fahrrad stürzt. Wenn es weint, sage ich: „Das tut aber weh.“ Am Abend sage ich dann: „Gell, du hast die falschen Schuhe angehabt?“ Wenn es akut ist, braucht der Mensch nur das Gefühl, dass jemand da ist, der sein Leid, seine Not teilt.

Sexualität im Alter ist ein Tabu. Man weiß gar nicht so genau, ob und was da alles noch passiert. In Ihrem Heim aber spielt sie eine wichtige Rolle.

Das gilt vor allem bei Formen der mittleren Demenz. Wenn ich mich jung fühle, habe ich auch ein anderes sexuelles Bedürfnis. Es finden sich immer wieder Paare unter den Bewohnern. Ich glaube, jeder Mensch will Beziehung. Nur sind die Strukturen oft so, dass sie es nicht ermöglichen. Bei uns lassen wir das zu, solange es nicht im öffentlichen Raum stattfindet.

Das ist natürlich in den Fällen, in denen es einen gesunden Partner gibt, nicht angenehm. Wie gehen Sie mit einem Angehörigen um, der sagt: „Ich möchte nicht, dass meine Frau einen Neuen hat“?

Das gestehen wir dem Angehörigen nicht zu. Der Ehemann hat unserer Meinung nach das Recht zu sagen: „Ich will das nicht wissen“ und „Ich will nicht, dass sie mit dem andern zusammen ist, wenn ich sie besuche“. Aber alles andere betrifft nur seine Frau. Wir definieren Sexualität als etwas, was dem Menschen gehört. Und nur ihm.

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