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Demenz-Experte im Gespräch : „Man muss es aushalten“

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Wenn jemand zu uns kommt, erfassen wir, was er gern gemacht hat, wie er gelebt hat, was er will. Das ist aber schwierig, denn was in meinem Leben wirklich wichtig ist, wissen meine Kinder nicht unbedingt. Ich bin zum Beispiel im Schwarzwald aufgewachsen, meine Kinder aber in der Schweiz. Die haben keine Ahnung, wie das Leben auf einem katholischen Dorf dort kurz nach dem Krieg und nach der französischen Besatzung war. Was uns Angehörige erzählen, dürfen wir nicht eins zu eins übernehmen. Sondern müssen uns auf eine Beziehung mit dem Kranken einlassen. Als ich meine Frau kennengelernt habe, habe ich sie ja auch nicht zuerst gefragt, was sie in der Kindheit erlebt hat. Ich gehe mit dem Kranken gemeinsam vorwärts, und wenn dabei etwas auftaucht, was in der Vergangenheit begründet liegen könnte, schaue ich genauer hin. Wir fragen nicht, warum jemand etwas tut, sondern, was man tun kann, damit es ihm bessergeht.

Ist denn immer klar zu sagen, was für den Kranken besser ist?

Manchmal ist es schwer. Neulich hatten wir eine Frau, die hat angefangen, beim Füttern den Mund zuzukneifen. Wir wussten, wenn wir nichts machen, stirbt sie. Aber wir wussten nicht: Will sie nicht mehr essen, oder hat sie vergessen, wie das geht? Oder hat sie Schmerzen beim Schlucken? Wir haben uns mit ihren Söhnen besprochen und nach einem langen Abwägen für eine Magensonde entschieden. Vier Tage später aber ist sie gestorben.

Wer hat bei solchen Entscheidungen das letzte Wort? Der Patient, Angehörige oder Pfleger?

Das wird ausgehandelt. In solchen Fällen sind auch noch Berater aus unserem Ethikrat dabei. Es gibt nie eine Abstimmung, sondern immer nur einen Konsensentscheid. Wenn einer nicht zustimmen kann oder will, dann bleibt der Zustand, wie er ist.

Für viele Angehörige ist es sicher schon grundsätzlich nicht einfach, jemanden in ein Heim zu geben. Quält viele dann ein schlechtes Gewissen?

Die meisten ja. Niemand geht freiwillig ins Heim, weil man nicht abschätzen kann, was einen erwartet. Viele sagen ihren Eltern: „Ihr kommt nicht ins Heim.“ Aber so ein Versprechen ist Blödsinn. Wir wissen ja gar nicht, was das mal bedeuten kann. Und ob es dann im Interesse der Mutter ist, dass die Ehe der Tochter vor die Hunde geht, nur damit sie zu Hause gepflegt wird?

Wie gehen Sie mit dem Schuldgefühl der Angehörigen um?

Ich versuche immer Schuld wegzunehmen. Wie im Beichtstuhl. Ich frage auch: „Ist Ihnen schon mal die Hand ausgerutscht?“ Ich sage: „So etwas kommt oft vor. Wir finden einen Weg.“ Und nicht: „Sie haben alles falsch gemacht!“ Wenn der Patient da ist, bekommt der Angehörige auch eine psychologische Beratung. Und unser Heim muss so sein, dass der Angehörige sich wohl fühlt. Das spürt der Kranke sonst auch. Angehörige können bei uns kommen und gehen, wie sie möchten. Sie müssen sich nicht anmelden, können auch hier essen und schlafen. Wie unsere Bewohner können sie überall hin. Es gibt keine geschlossenen Türen.

Sie waren mit Ihrem Heim der Erste, der nur demente Patienten aufnahm. Wie verändern sich die Kranken, wenn sie unter lauter Demenzkranken leben?

Wir erleben in den allermeisten Fällen eine ganz große Entstressung. In dem Moment, wenn die Umwelt vom Erlebnisniveau intellektuell und emotional an den Demenzkranken angepasst ist, haben wir schnell ein besseres Leben, als wenn er zu Hause unter Stress ist, weil sich jeder über ihn aufregt. Gleichzeitig werden die kognitiven Fähigkeiten schnell schlechter. Wir begründen es damit, dass er sich zu Hause mehr anstrengen musste, um nicht aufzufallen. Und dieser Stress hält das Hirn intakt.

Werden die Patienten gar nicht mehr gefördert?

Doch natürlich. Aber nicht kognitiv. Wozu auch? Was weg ist, ist weg, und ein Dementer kann nichts Neues lernen. Aber ich kann ihm auf der Gefühlsebene immer etwas anbieten.

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