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Marie Sophie Hingst im Jahr 2017 mit dem „Goldenen Blogger“. Bild: obs

Debatte nach Tod von Bloggerin : „Empörung bekommt man heute live mit“

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst wurde tot in ihrer Wohnung gefunden, nachdem sie als Betrügerin aufgeflogen war. Psychiater Jan Kalbitzer über Online-Ruhm, brutale Shitstorms und die Verantwortung von Journalisten.

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          Herr Kalbitzer, am Wochenende wurde bekannt, dass die Bloggerin Marie Sophie Hingst am 12. Juli tot in ihrer Dubliner Wohnung gefunden wurde. Man muss wohl von einem Suizid ausgehen. Am 1. Juni hatte der „Spiegel“ enthüllt, dass Hingst eine fiktive jüdische Familiengeschichte verbreitet und Holocaust-Opfer erfunden hatte. Jetzt ist eine Debatte über die Verantwortung von Journalisten für Protagonisten mit psychischen Problem entbrannt. Zu Recht?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Die Medien haben eine enorm wichtige Rolle in unserer Gesellschaft, gerade der investigative Journalismus. Bei der Ibiza-Affäre der FPÖ zum Beispiel. Da müssen die Betroffenen damit leben, dass ihr Fehlverhalten aufgedeckt wird. Aber hat man als Journalist das Gefühl, man berichtet über eine Einzelperson, die schwere psychische Probleme hat, muss man abwägen, ob man so eine Geschichte veröffentlicht. In diesem Fall ging es nicht um eine Staatsaffäre, sondern um eine wenig prominente Einzelperson, die außerhalb der sozialen Medien kaum bekannt war. Die „Irish Times“ hat sich ja nach der Enthüllung dazu entschieden, über Frau Hingst nicht zu berichten, weil sie psychisch labil gewesen sei. Aber man kann von Journalisten nicht verlangen, dass sie jenseits der Medienethik bei Interviews psychologische Einschätzungen vornehmen. Es sollte eine Schnittstelle geben, zu der Journalisten gehen und sagen können: Wir werden jetzt über diese Person berichten, das ist von großer öffentlicher Bedeutung. Aber wir machen uns Sorgen um diese Person. Und dann muss es Profis geben, die sich kümmern.

          Martin Doerry vom „Spiegel“ beschreibt in seinem Artikel, wie er Hingst mit seinem Recherche-Ergebnis bei einem Termin konfrontierte, bei dem es eigentlich um ein Buch von Hingst gehen sollte: „Schon im Vorfeld hatte sie die angekündigten Fragen zu ihrer jüdischen Familiengeschichte ausklammern wollen (...) Nach einer Stunde verließ sie zornig den Raum, ohne sich zu verabschieden.“

          Das geht gar nicht. Menschen zu täuschen, um sie im Nachgang bloßzustellen – vielleicht kann man das bei Schwerkriminellen machen oder sehr wichtigen Politikern. Aber selbst da ist es kritisch. Bei Einzelpersonen so vorzugehen, die keine politische Macht haben, die sie missbrauchen könnten, ist nicht akzeptabel.

          Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin: „Die Menschen werden alleine gelassen.“
          Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin: „Die Menschen werden alleine gelassen.“ : Bild: Andreas Pein

          Nach der „Spiegel“-Enthüllung war über Hingst in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung hereingebrochen. Jetzt wird der „Spiegel“-Autor auf Twitter massiv angegriffen. Dabei hat er vor allem seinen Job gemacht: Er hat Lügen über Holocaust-Opfer aufgedeckt, das war eine relevante Geschichte.

          Ein Problem ist, dass man die Empörung heute live mitbekommt. Früher hätten sich Menschen zu Hause oder in der Kneipe das Maul zerrissen, heute erreicht einen das direkt. Vielen Menschen fehlt das Gefühl dafür, was beim Gegenüber durch einen Kommentar ausgelöst wird. Vielleicht kann dieser Fall nutzen, um das klar zu machen. Aber da bin ich nicht sehr zuversichtlich. Wir sollten eher die Menschen darauf vorbereiten, wie sie mit so etwas umgehen können. Bei einem großen Shitstorm hilft erst mal nur abschalten. Man kann sich dieser Flut nicht entgegenstellen. Will man dem Hass begegnen, sollte man sich zu zweit oder dritt vor den Computer setzen, dann hat man Menschen, mit denen man darüber reden kann. Und wenn es einen überwältigt, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Profis können Betroffenen verständlich machen, dass es fast nie um sie persönlich geht. Sondern dass da draußen frustrierte Menschen ihren Gefühlen freien Lauf lassen und andere Menschen als Projektionsfläche für ihren Hass benutzen.

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