https://www.faz.net/-gum-9pjgx

Debatte nach Tod von Bloggerin : „Empörung bekommt man heute live mit“

Besonders schwierig ist das wahrscheinlich, wenn das Selbstbewusstsein sonst von Likes gefüttert wird.

Man erlebt es als Therapeut in Berlin immer wieder, dass Leute kommen, die einen Schub an Aufmerksamkeit bekommen haben und dann immer mehr davon brauchten. Es gibt Theorien, dass sich Menschen radikalisieren, weil sie für radikalere Aussagen mehr Feedback kriegen. Oder sie fangen eben an, Geschichten zu erfinden, die nicht wahr sind. Medien müssten eigentlich schon dann genauer hinschauen, wenn sie jemandem viel positive Aufmerksamkeit geben. Auch die Geschichten von Frau Hingst wurden von Journalisten erst mal aufgegriffen, ohne sie groß zu hinterfragen. Da fängt die Verantwortung an. Ich glaube nicht an die klassische Internetsucht. Aber die Geltungssucht einiger Menschen wird durch die sozialen Medien befeuert. Oft werden die Nutzer geradezu abhängig von der positiven Aufmerksamkeit. Und wenn die dann nicht nur weg ist, sondern ins Negative umschlägt, kann das eine Person vernichten. Oft hängt ja auch die Karriere damit zusammen.

Im „Spiegel“ hieß es: „In diesem Moment muss Marie Sophie Hingst erkannt haben, dass ihre Parallelwelt nicht länger Bestand haben würde. Eine gefährliche Situation: für ihr Selbstbild – das offenbar mit der fiktiven Identität fast deckungsgleich geworden war –, für ihre Integrität und natürlich auch für ihren Job als Projektmanagerin eines internationalen IT-Konzerns in Dublin, den sie im vergangenen August angetreten hat.“ Wie kann man verhindern, dass man in so eine Situation kommt?

Man sollte niemals seinen familiären Kreis oder seine Freunde vernachlässigen. Die geben einem Halt, wenn es nicht mehr so gut läuft. Soziales Feedback ist eine der größten Belohnungen, die man als Mensch bekommen kann. Es ist unglaublich schwer, sich davon frei zu machen. Aber sobald man merkt, dass es einen stark berührt, wenn es Rückschläge gibt oder die Aufmerksamkeit nachlässt, sollte man sich Unterstützung suchen.

Es gibt immer mehr Menschen, die Aufmerksamkeit dadurch bekommen, dass sie online über ihre psychischen Probleme berichten. Was halten Sie davon?

Das ist sehr problematisch. Es gab den Hashtag #notjustsad, unter dem Twitter-Nutzer von ihren Depressionen berichteten. Dadurch kann man abhängig von der Krankheit werden – weil sie Aufmerksamkeit bringt. Wir brauchen im digitalen Raum, in dem emotional so viel passiert, Möglichkeiten, dass Leute aufgefangen werden. Ich kann als Psychiater nicht in den sozialen Netzen auf die Suche nach Menschen gehen, die Probleme haben. Aber so werden die Menschen dort alleine gelassen. Facebook hat eine Funktion entwickelt, mit der Leute erreicht werden sollen, die Suizidgedanken haben. Das ist ein Anfang. In Deutschland müssen wir da mehr machen.


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.
Im Parlamentarischen Rat vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland war die Zentrumspartei 1948 noch vertreten.

Comeback nach 64 Jahren : Die Zentrumspartei ist wieder da

Ein früherer AfD-Abgeordneter beschert der Partei nach 64 Jahren die Rückkehr in den Bundestag. Die älteste deutsche Partei war das politische Sprachrohr der Katholiken im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Wofür steht sie heute?