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Rechtsmediziner als Betreuer : „Und dann sind Sie aufgewacht?“

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Was ist passiert? Das müssen oft Rechtsmediziner herausfinden. Bild: dpa

Rechtsmediziner obduzieren nicht nur. Auch die Lebenden stehen bei ihnen im Fokus. Für Opfer von Gewalttaten, aber auch für Hinterbliebene sind sie häufig eine wichtige Anlaufstelle. Ein Besuch in Hamburg.

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          Es ist ein Montag im April am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Vor dem zweigeschossigen Flachdachgebäude, das am Rand dieser Stadt in der Stadt liegt und auf gepflegte Einfamilienhäuser blickt, beginnen die Bäume zu grünen. Im Eingangsbereich warten mehrere Personen auf ihren Termin. „Lebenduntersuchungen“ nennt sich das. Am Seiteneingang herrscht ebenfalls Betrieb. Die großen, dunklen Fahrzeuge der Bestattungsunternehmen aus Hamburg und Umgebung fahren vor und wieder ab.

          Birgit Wulff ist eine zierliche Frau. Ihre braunen Haare werden von ein paar wenigen grauen Strähnen durchzogen, die ihr nichts von ihrer Jugendlichkeit nehmen. Wenn sie spricht, hört man ihre norddeutsche Herkunft. Und Birgit Wulff spricht deutlich mehr, als man es in der Rechtsmedizin erwartet. Die habilitierte Fachärztin für Allgemein- und Arbeitsmedizin kam vor elf Jahren ans UKE und besetzt seitdem eine Stelle, die damals neu geschaffen wurde und neben München einzigartig in Deutschland ist: Wulff unterstützt Hinterbliebene.

          „Grundsätzlich steht hier natürlich immer der Tote im Mittelpunkt. Primär geht es in der Rechtsmedizin erst einmal um die Frage des Fremdverschuldens, der Sicherstellung von Beweisen am Körper, Gutachtertätigkeit, auch vor Gericht“, sagt Wulff. In Hamburg kommen, anders als in den Flächenstaaten, alle Verstorbenen mit nicht natürlicher oder ungeklärter Todesursache automatisch in die Rechtsmedizin. Das sind etwa 3500 im Jahr. „Wir haben alle möglichen Diagnosen als Todesursache: Suizide, Intoxikationen, Verkehrsunfälle, plötzlicher Kindstod, plötzlicher Tod aus scheinbarer Gesundheit heraus oder Tod nach langer Krankheit“, zählt Wulff auf. Tötungsdelikte gebe es glücklicherweise nicht so viele; die meisten sterben aus einer sogenannten inneren Ursache. Häufig seien die Angehörigen direkte Zeugen des Ablebens gewesen. Sie würden zunächst vom Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes und von Notfallseelsorgern der Kirchen betreut.

          „Das haben Sie gut gemacht“

          Wenn sich nach dem allerersten Schock Fragen zum Ablauf in der Rechtsmedizin stellen, steht Birgit Wulff den Hinterbliebenen mit Rat und Tat zur Seite, meistens telefonisch. An diesem Vormittag versucht sie zunächst eine Frau anzurufen, deren Sohn sich am Tag zuvor in einer U-Bahn-Station das Leben genommen hat. Sie liest sich den zweiseitigen Leichenschaubericht durch, den ihre Kollegen ein Stockwerk unter ihr angefertigt haben. Dort befindet sich der Leichenannahmebereich, weiß gefliest, grell ausgeleuchtet. Dahinter liegt der Sektionsbereich. Im Keller arbeiten die Ärzte, die obduzieren, unterstützt von den Sektionstechnikern. Birgit Wulffs Anruf landet zunächst auf dem Anrufbeantworter der Mutter. Sie bietet ihre Hilfe an und hinterlässt ihre Telefonnummer.

          Für diese Telefonate, von denen sie rund zehn am Tag führt, braucht sie Ruhe, muss sich konzentrieren. Sie wählt die nächste Nummer, dieses Mal wird am anderen Ende abgenommen. Wulff stellt sich vor und kondoliert. Sie spricht mit der Ehefrau eines Mannes, der am Tag zuvor in deren Anwesenheit in der Wohnung verstorben ist. Sie fragt nach Vorerkrankungen, nach dem Lebensstil, ob der Verstorbene regelmäßig zum Arzt gegangen und ob in den letzten Tagen etwas Besonderes vorgefallen sei. Die Frau antwortet, zwischendrin fragt Wulff: „Und dann sind Sie aufgewacht?“ sowie „War das ein gurgelndes Geräusch?“. Sie sagt auch „Das haben Sie gut gemacht“ und „Das ist natürlich alles schrecklich für Sie.“ Die Ärztin spricht mit ruhiger Stimme, macht einen gelassenen und zugleich mitfühlenden Eindruck. Dann kommt sie zu einem wichtigen Punkt. Sie sagt: „Von außen können wir nicht genau feststellen, was passiert ist. Da müssten wir in den Körper hineinschauen.“ Auch das ist ein besonderer Dienst der UKE-Rechtsmedizin: Wenn eine Sektion nicht von Rechts wegen angeordnet wird, kann Wulff in vielen Fällen eine kostenlose Obduktion zur Todesursachenklärung anbieten.

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