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Arbeiten mit HIV : Zur guten Aussicht

  • -Aktualisiert am

Konzentriert bei der Arbeit: Koch Giuseppe Alfieri. Bild: Tobias Schmitt

Am Arbeitsplatz ist HIV noch immer ein Tabuthema. Im Restaurant „Estragon“ bekommen Infizierte eine zweite Chance – als Köche, Küchenhilfen oder Kellner. Ein Besuch in Nürnberg.

          5 Min.

          Wenn man ihm einen Gefallen tun wolle, sagt Giuseppe Alfieri, dann solle man ihn einen ganz gewöhnlichen Koch nennen. Der schmächtige Mann schneidet Essiggurken in Würfel und wendet die Schweinemedaillons in der Pfanne, bis sie goldbraun angebraten sind. Äußerlich weicht der Dreiundfünfzigjährige mit dem Unterlippenbart, den kurzrasierten Haaren und der schwarzen Kochjacke mit Kugelknöpfen auch nicht von anderen Köchen ab. Den Unterschied würde man erst in seinem Blut erkennen: Er ist HIV-positiv – so wie etwa zehn der 34 Köche, Küchenhilfen und Kellner, die im Restaurant „Estragon“ in der Nürnberger Innenstadt arbeiten. Sie tragen ein Virus in sich, das unbehandelt das körpereigene Immunsystem sukzessive schwächt und zu Aids führen kann.

          Gäste müssen  genau hinsehen, um zu erkennen, dass es sich bei dem kleinen Lokal in der Nähe des Hauptbahnhofs, das mit gediegener Atmosphäre und mediterraner Küche wirbt, um eine Beschäftigungsinitiative der Aids-Hilfe Nürnberg handelt, die sich an HIV-Positive, Schwerbehinderte, Süchtige und seelisch Kranke richtet. In der Speisekarte erfährt der Besucher nur, dass das Restaurant Menschen beim beruflichen Wiedereinstieg unterstütze. „Wir wollen keinen Mitleidsbonus“, sagt Helmut Ehrhardt, Prokurist des Lokals. Er sitzt an einem der schweren Holztische im Gastraum, der in mattem Gelbton gestrichen ist, hinter der Theke dampft und zischt die Kaffeemaschine. Man versuche stattdessen, mit Qualität zu überzeugen, sagt Ehrhardt, vor allem heute. Denn Daniela Schadt, die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, wird an einem Mittagessen im „Estragon“ teilnehmen, ausgerichtet von der Deutschen Aids-Stiftung und der Aids-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth.

          Die Kellner falten bereits die grünen Papierservietten, polieren die Bestecke, drapieren die gestärkten Tischtücher und stellen Vasen mit rosafarbenen Dahlien darauf. HIV-positive und nicht infizierte Kellner arbeiten dabei Hand in Hand. Das sei bei diesem Projekt entscheidend, sagt Helmut Ehrhardt. Viele Infizierte zögen sich nach der Diagnose aus Scham und Angst vor den Reaktionen zurück. „Hier kommen sie wieder unter Menschen, fühlen sich angenommen und gebraucht. Sie schöpfen Hoffnung für die Zukunft, die sie dank neuer Therapien nun haben.“

          Vor 20 Jahren beschränkte sich die Beratung der Aids-Hilfe auf Trauer- und Sterbebegleitung. „Jetzt geht es darum, wie Betroffene in ihrem Beruf weiterarbeiten können oder man sie auf dem Arbeitsmarkt wieder eingliedert“, sagt Ehrhardt. Im Restaurantprojekt können die Infizierten testen, wie belastbar sie sind, und werden fortgebildet – Ehrhardt ist Hotelfachmann. Die oft langzeitarbeitslosen HIV-Positiven sollen qualifiziert werden, so dass sie anschließend in feste Beschäftigung gelangen, sagt der 43 Jahre alte Projektleiter.

          Seit neun Jahren schneidet Giuseppe täglich acht Stunden lang Gemüse, mariniert Schnitzel und rührt mit Löffelbiskuits und Mascarpone Tiramisu an. Die Diagnose erhielt der Neapolitaner 2005, seitdem ist er in Behandlung. Täglich nimmt er Medikamente, alle drei Monate muss er zur Kontrolluntersuchung. Für Daniela Schadt bereitet er einen Salat mit Frühlingszwiebeln, Schnittlauch und Estragon zu. Dank der Therapie kann er fünf Tage pro Woche arbeiten - so wie viele andere Menschen mit HIV inzwischen auch.

          „Aids ist kein Todesurteil mehr“

          Elisabeth Pott, die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung, fasst es in Zahlen zusammen: Zwei Drittel der in Deutschland lebenden etwa 83.000 Menschen mit einer HIV-Infektion arbeiten. Sie sind nicht öfter krankgeschrieben als andere Berufstätige. „Antiretrovirale Medikamente können den Krankheitsverlauf heute günstig beeinflussen, ihn sogar hemmen oder zumindest die Symptome effektiver lindern“, sagt sie. Mittlerweile sei es sogar möglich, die Viruskonzentration im Blut konstant unter der Nachweisgrenze zu halten. „Aids ist kein Todesurteil mehr.“

          Ob als Arzt, Krankenpfleger oder Lehrer - infizierte Menschen können prinzipiell in jedem Beruf arbeiten. Ein positiver HIV-Test sage nichts über die Belastbarkeit des Betroffenen aus, erklärt Pott, die selbst Ärztin ist und bis 2015 die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung leitete. Bei angemessener medizinischer Behandlung sei ein betroffener Arbeitnehmer genauso leistungsfähig wie jeder andere Beschäftigte auch. Dennoch halten sich Ressentiments und Ängste, sagt Pott. „Viele denken, sie müssten sich nur mit einem HIV-positiven Menschen in einem Raum befinden, um sich zu infizieren.“

          Die Vorurteile kennt auch Restaurantleiter Helmut Ehrhardt. Als eine Kundin erfahren habe, dass in dem Restaurant HIV-Infizierte am Herd stehen, soll sie gesagt haben: „Mir schnürt es die Kehle zu, wenn ich mir vorstelle, dass sich ein Aidskranker in der Küche in den Finger schneiden könnte.“ Ehrhardt schüttelt den Kopf. Im Berufsleben stellten Menschen mit HIV keine Gefahr dar. Das Virus könne nur übertragen werden, wenn es in größeren Mengen in die Blutbahn oder auf die Schleimhäute gelange. Selbst wenn der Gast eine offene Wunde im Mund hätte, könne das nicht passieren, genauso wenig beim Händeschütteln oder Husten. Nicht einmal Schweiß, Speichel, Urin oder Tränen bergen ein Risiko, denn die Viruslast in diesen Körperflüssigkeiten ist für eine Ansteckung zu gering. Trotzdem war die Resonanz auf das Restaurant anfangs verhalten. „Nach der Eröffnung 2005 hatten wir etwa fünf Gäste pro Abend“, erinnert sich der Prokurist.

          Die meisten verschweigen ihre Infektion

          In der Arbeitswelt ist HIV noch immer tabuisiert, gerade in Küche, Krankenhaus und Kindererziehung. Das Virus werde oft mit einem zügellosen Sexualleben und Rauschgiftsucht verknüpft, sagt Elisabeth Pott. „HIV bleibt ein Stigma.“ Die meisten HIV-positiven Arbeitnehmer verheimlichen die Infektion – aus Angst, diskriminiert, gekündigt oder gar nicht erst eingestellt zu werden. Auch Giuseppe verschwieg die Ansteckung an seinem ehemaligen Arbeitsplatz, einem Restaurant bei Nürnberg. „Die Angst vor den Reaktionen der Kollegen, dem Getuschel hinter vorgehaltener Hand, war viel schlimmer als die körperlichen Symptome“, sagt der Italiener, während er Paprika in dünne Streifen schneidet.

          Gegen rechtliche Auflagen hat Giuseppe damit nicht verstoßen, denn eine Meldepflicht für HIV-positive Mitarbeiter gibt es nicht. Nur bei Piloten, Flugbegleitern oder Chirurgen kann der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse daran haben, über die Infektion informiert zu werden. Ansonsten dürfe das Virus für die Berufstätigkeit keine Rolle spielen, sagt Elisabeth Pott. In Bewerbungsgesprächen sei es nicht erlaubt, danach zu fragen. Wird dennoch nachgehakt, so dürfe der Arbeitnehmer falsche Angaben machen.

          HIV ist kein Kündigungsgrund

          Ob man eine HIV-Infektion im Unternehmen publik machen sollte oder nicht, müsse jeder Betroffene selbst entscheiden. Er solle sich bei diesem Schritt aber von der Aids-Hilfe beraten lassen. „Egal ob freiwilliges oder unfreiwilliges Outing: Das darf weder zur Benachteiligung noch zu einer Kündigung führen“, sagt Pott. HIV-positive Arbeitnehmer sind durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besonders geschützt und können sich rechtlich gegen Diskriminierung zur Wehr setzen.

          Die Vorbehalte auf dem Arbeitsmarkt spürt Helmut Ehrhardt regelmäßig, wenn er versucht, Mitarbeiter an andere Betriebe zu vermitteln. Nur wenige Angestellte des „Estragon“ schafften es, in reguläre Beschäftigung zu finden, sagt er. „Viele potentielle Arbeitgeber glauben nach wie vor, sich mit der Anstellung eines HIV-Positiven einen Klotz ans Bein zu binden.“

          Das Bild von Aids stagniere in vielen - vor allem kleineren mittelständischen - Betrieben noch auf dem Stand der achtziger und frühen neunziger Jahre. Deswegen versuche man gemeinsam mit der Aids-Hilfe Nürnberg, Firmen über die Fortschritte in der Behandlung und die geringe Infektionsgefahr aufzuklären, um so Vorurteile zu beseitigen. Außerdem biete man Unternehmen, die einen Mitarbeiter mit HIV übernehmen, Unterstützung und Beratung an. „Immer wieder, aber noch zu selten sind wir damit erfolgreich“, sagt Gastronom Ehrhardt. Immerhin: Eine ehemalige Mitarbeiterin konnte vor kurzem ihre Ausbildung zur Bürofachfrau abschließen, in die sie durch das Projekt vermittelt worden war. Sie ist nun bei ihrem Ausbildungsbetrieb fest angestellt.

          Giuseppe möchte am liebsten im „Estragon“ bleiben. Dort müsse er keine Blicke und kein Getuschel fürchten. Die Kollegen seien zu einer zweiten Familie geworden, sagt er. Jeder könne über Ängste und Beschwerden sprechen, müsse aber nicht, erklärt Restaurantleiter Ehrhardt. Das „Klima der Offenheit“ im Restaurant sei wichtig. Für die psychosoziale Betreuung der Mitarbeiter stehen zudem zwei Sozialpädagogen zur Verfügung.

          Mittlerweile ist das „Estragon“ nicht nur dann bis auf den letzten Platz besetzt, wenn die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten zum Mittagessen kommt. Das stimmt Restaurant-Chef Ehrhardt optimistisch: „Langsam, aber stetig nehmen die Berührungsängste ab.“ Aufklärungskampagnen wie „Gib Aids keine Chance“ oder „Mach’s mit“ könnten dazu beigetragen haben, dem Virus seinen Schrecken zu nehmen, meint er.

          Zu Besuch: Daniela Schadt.

          Wie wichtig Information und Prävention seien, hebt auch Daniela Schadt bei ihrem Besuch hervor. Das „Estragon“ leiste einen wichtigen Beitrag dazu. „Das Projekt sorgt dafür, dass der Kontakt der Infizierten zu anderen nicht abreißt, sie nicht vereinsamen, sondern sich als Teil der Gesellschaft erleben“, fügt sie hinzu. Danach gibt’s Schweinemedaillons in Bärlauchkruste auf einem Kartoffel-Kohlrabi-Gemüse und bunter Paprika, zubereitet und serviert von Giuseppe Alfieri.

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