https://www.faz.net/-gum-8nc9a

Poliomyelitis in Afrika : Eine Zuflucht für die Gelähmten

Kämpfer für Poliokranke: Raphael Camara in seinem Büro Bild: Alexander Davydov

Poliokranke werden in Sierra Leone oft gemieden und diskriminiert, weil sie von Gott verflucht oder von Dämonen besessen sein sollen. Doch in einem Dorf erfahren sie Hilfe.

          4 Min.

          Mittagshitze liegt über Makeni, im Nordosten Sierra Leones. In einem Randbezirk der Stadt herrscht trotz der glühenden westafrikanischen Sonne munteres Treiben. Ein Ball landet auf dem staubigen Boden eines improvisierten Fußballfelds und hüpft noch einige Meter weiter, bevor Joseph ihn geschickt annimmt. Die Hitze macht dem Fußballspieler nichts aus. Mit einem wuchtigen Schuss ins gegnerische Tor erzielt der Stürmer den Ausgleichstreffer für seine Mannschaft. Der Jubel währt nicht lange.

          Joseph bringt seine deformierten Beine abermals in Stellung, richtet seine Gehhilfe zurecht und konzentriert sich wieder auf das Spiel. Seit seiner Kindheit leidet Joseph an den Folgen von Poliomyelitis, kurz Polio. Doch „Pele“, wie er von seinen Kameraden genannt wird, denkt nicht daran, sich unterkriegen zu lassen. „Polio zwingt mich, diese Krücke zu benutzen, aber für mich ist das kein Problem mehr. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich liebe den Sport, und was ein gesunder Mensch kann, das traue ich mir auch zu. Die wahren Hürden liegen woanders.“

          Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte die Ausbreitung von Polio in Sierra Leone offiziell gestoppt werden. Doch Engpässe bei Impfungen während der zurückliegenden Ebola-Epidemie und mangelndes Vertrauen in die medizinische Versorgung erhöhten das Risiko einer Rückkehr. Die Zahl der bereits infizierten Poliokranken geht in die Tausende. In einem der ärmsten Länder der Welt ist der Alltag für sie häufig ein harter Überlebenskampf.

          „Die Bevölkerung schaut auf uns herab“

          Eine Folge von Polio sind irreversible gesundheitliche Einschränkungen. Die durch Viren verursachte Infektionskrankheit befällt muskelsteuernde Nervenzellen des Rückenmarks und führt zu permanenten Lähmungserscheinungen und Deformierungen. Die Opfer sind auf Gehstützen oder Rollstühle angewiesen. Die sichtbare Behinderung und die Einschränkungen machen Infizierte zu gesellschaftlichen Außenseitern.

          „Die Bevölkerung schaut auf uns herab und sieht nichtsnutzige Kranke. Aber wir sind auch Menschen. Wir haben Potential“, sagt Raphael Camara, Vorsitzender der Polio Persons Development Association Makeni. Der 55 Jahre alte Camara atmet schwer, er versucht, seinen Ärger in den Griff zu bekommen, während er im selbstgebauten Rollstuhl zu seinem Büro fährt. „Es herrscht der Glaube, wir Poliokranke seien von Gott verflucht oder von Dämonen besessen“, sagt Camara. „Obwohl wir vor dem Gesetz gleichberechtigt sein sollten, leben wir wie Verstoßene.“ Auf Camaras Initiative entstand daher eine Zufluchtsstätte für Poliokranke und deren Familienmitglieder. Das etwa ein Hektar große Gelände beherbergt 270 Personen, darunter 60 Infizierte. Zu diesen zählt auch ein Dutzend Kinder, das jüngste ist anderthalb Jahre alt.

          Einige schlichte, längliche Wellblech-Häuser mit kleinen Fenstern umrahmen einen staubigen Vorhof, der häufig auch für Sport genutzt wird. In der Mitte befindet sich ein Pavillon, in dem die Bewohner ihre Freizeit verbringen und Neuigkeiten austauschen. Neben Unterkünften und einer gemeinsamen Kirche bietet Camara den Menschen in seiner kleinen Gemeinde auch die Möglichkeit eines Einkommens. Denn durch die öffentliche Diskriminierung finden viele Poliokranke keine Arbeitsstelle und sind auf Almosen angewiesen.

          Weitere Themen

          Österreichs Kanzler Kurz fordert digitalen Impfpass für Europa

          Corona-Liveblog : Österreichs Kanzler Kurz fordert digitalen Impfpass für Europa

          Tourismusbeauftragter rechnet mit Sommerferien im Ausland +++ Lauterbach fordert Astra-Zeneca-Impfung für Prioritätengruppen unter 65 +++ Koalition plant bis zu 25.000 Euro Strafe für Impfvordrängler +++ Wissenschaftler besorgt über Virusvariante in Kalifornien +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Topmeldungen

          Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), bei einer Pressekonferenz im März 2020

          Kramp-Karrenbauer zum KSK : „Generalinspekteur Zorn hat Fehler gemacht“

          In der jüngsten Debatte über das KSK gesteht die Verteidigungsministerin Fehler ihres Generalinspekteurs ein. Der habe das Parlament nicht ausreichend informiert. Berichte über eine Ablösung von Kommandeur Kreitmayr weist sie als „Fake News“ zurück.
          Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus

          Finanzpolitik : Scholz will höhere Steuern für Besserverdienende

          Der Bundesfinanzminister will mittlere und untere Einkommen entlasten. Die derzeitige Finanzpolitik mit hohen, kreditfinanzierten Ausgaben zur Bekämpfung der Corona-Krise will er fortsetzen: „Da gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern“, so Scholz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.