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Psychiater Jan Kalbitzer : Hoffentlich hat McCain gute Ärzte

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John McCain vor dem Senat: Seine Stimme gab den Ausschlag dafür, dass die Debatte über die Abschaffung von Obamacare beginnen kann. Bild: AFP

John McCain hat vor seiner Gehirntumor-Operation starke Verhaltensauffälligkeiten gezeigt. Kurz nach dem Eingriff gab seine Stimme den Ausschlag bei der Obamacare-Abstimmung. War er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte? Ein Gastbeitrag.

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          Im Dezember vergangenen Jahres, als die Debatte über die psychische Gesundheit des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten einen Höhepunkt erreichte, habe ich mich scharf gegen eine Ferndiagnose von Personen des öffentlichen Lebens durch Psychiater gewandt. Zwar gibt es in Deutschland – anders als in Amerika mit der sogenannten Goldwater-Regel – keine wirksamen Vorgaben, die es Psychiatern verbieten, solche Ferndiagnosen abzugeben. Im Gegenteil: Es gibt sogar Kollegen, die es offenbar zu ihrem Geschäftsmodell machen, in Zeitungen und Talkshows psychiatrische Urteile über Personen des öffentlichen Lebens abzugeben. Aber dennoch sollte so etwas auch in Deutschland als unredlich gebrandmarkt werden, weil es der Debatte und dem Ansehen unserer Fachdisziplin schadet.

          Wer weiß, ob Donald Trump nicht einfach gern lange schläft und sein Smartphone abends mal Jared Kushner und mal Steve Bannon in die Hand drückt? Das würde zumindest die starken Schwankungen im Ton und in der Frequenz seiner Tweets sehr gut erklären. Oder ob sein öffentliches Auftreten nur eine gut einstudierte Show ist, die es den Mitgliedern seiner Familie erlaubt, ihn im Schatten seiner „Freaky-President-Show" innerhalb der vier Jahre seiner Präsidentschaft zum reichsten Mann der Welt zu machen? Wer Trump nicht persönlich untersucht hat, der kann das nicht beurteilen. Und wer es getan hat, der muss aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht dazu schweigen.

          Anders sieht das aber bei dem amerikanischen Senator John McCain aus, dessen Stimme bei der Entscheidung im Senat darüber, ob die Debatte über die Abschaffung von Obamacare begonnen werden dürfe, nun den Ausschlag gab. Denn bei John McCain existiert offiziell die Diagnose eines Glioblastoms, also eines Hirntumors, der zu Persönlichkeitsveränderungen führen kann. Und bei McCain zeigten sich während der Anhörung des ehemaligen FBI-Chefs James Comey starke Verhaltensauffälligkeiten: Er verwechselte Namen und stellte inhaltlich unverständliche, teils zusammenhangslose Fragen, die zu faszinierenden Kapriolen in der Mimik des hartgesottenen Ermittlers Comey führten. Und die McCain nachträglich damit zu erklären versuchte, dass er am Vorabend zu lange aufgeblieben sei. Aber das allein wäre bei einer gesunden Person keine ausreichende Begründung für derartige Ausfälle. Zumal nicht bei einem Spitzenpolitiker, der es gewohnt sein wird, auch unter Stress und Schlafmangel gut funktionieren zu müssen. Rückblickend ist der Hirntumor McCains die wahrscheinlich bessere Erklärung für die Auffälligkeiten in seinem Verhalten.

          Auch der Eingriff könnte sein Verhalten beeinflusst haben

          Damit stellt sich die Frage, ob McCains Stimme im Senat bei einer so wichtigen Abstimmung überhaupt gezählt werden darf. Aufgrund seiner Erkrankung und so kurz nach einem chirurgischen Eingriff in sein Gehirn, der in der Regel auch für sich genommen einen Einfluss auf die Hirnfunktion haben kann – genauso wie die Medikamente, die im Anschluss an Operationen mitunter gegeben werden, damit es nicht zu starken Schwellungen des umliegenden Gewebes kommt.

          Denn wenn McCain nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein sollte, dann wäre es fatal, wenn aufgrund seiner Stimme eine so tiefgreifende Veränderung des amerikanischen Gesundheitssystems in Gang gesetzt würde. Und es ist deshalb sehr zu hoffen, dass sich McCain bei guten Ärzten in Behandlung befindet, die vor seiner Teilnahme an der Abstimmung sichergestellt haben, dass keine Einschränkungen der Hirnfunktion bestehen, aufgrund derer er sich nicht daran beteiligen sollte.

          An diesem Fall lässt sich aber auch sehr gut zeigen, wo die Grenzen ärztlicher Einmischung liegen: Kein Fall für einen Arzt wäre es, wenn der Widerspruch zwischen McCains Rede, bei der er offen zu Aufrichtigkeit und Widerstand gegen Trump aufrief, und seinem Abstimmungsverhalten gegen Obamacare sich nicht durch seine Erkrankung erklären lassen. Sondern zum Beispiel dadurch, dass er Angesichts einer tödlichen Erkrankung verzweifelt nach Bestätigung sucht, oder versuchen will, durch sein Verhalten im Senat in der ihm verbleibenden Zeit die amerikanische Politik noch intensiver zu prägen. Dann steht es nicht den Ärzten an, dieses Verhalten öffentlich zu beurteilen – sondern seinen Kollegen und den Wählern. Trotzdem ist zu hoffen, dass ihm in dieser schwierigen Zeit Freunde, Familie und gute Ärzte zur Seite stehen. Und dass sie ihn dabei unterstützen, dass er auch in Zeiten der Krise mit der Fülle seiner Macht überlegt umgeht.

          Der Autor

          Jan Kalbitzer wurde 1978 geboren und ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. Neben seiner Arbeit schreibt er Bücher und Artikel zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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