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Kein Account wurde 2018 in Deutschland laut Twitter öfter genannt: @deinTherapeut Bild: Screenshot/Twitter/@deinTherapeut

Umstrittener Twitter-Account : Darf der das?

Mit einer Geschichte über seinen Vater wurde @deinTherapeut zum meistgenannten deutschen Twitter-Account 2018. Doch Kritiker werfen ihm „grobe Fahrlässigkeit“ im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Jugendlichen vor. Was sagt er dazu?

          7 Min.

          Um als deutscher Twitter-Nutzer öfter genannt zu werden als Fernsehmoderator Jan Böhmermann, muss man ordentlich für Schlagzeilen sorgen. 2018 hat das laut einer von Twitter in dieser Woche veröffentlichten Statistik ein einziger Nutzer geschafft: Norman, der nur unter seinem Vornamen und dem Handle @deinTherapeut twittert. Den Twitter-Thron hat er mit einer Geschichte fürs Herz erklommen: Ende 2017 twitterte er das Foto eines Mannes, der neben einer Bierflasche in einer Sparkassenfiliale sitzt und schrieb dazu: „Ich suche meinen Papa. Er ist obdachlos und soll in Hamburg leben. Sein körperlicher Zustand ist vermutlich äußerst schlecht.“ Tausendfach wurde der Tweet geteilt, einen guten Monat später postete Norman ein neues Bild, das ihn mit seinem Vater zeigte: „Papa“ schrieb er, dazu ein rotes Herz.

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Weil Geschichten wie diese die Menschen bewegen, wurde sie von vielen Medien aufgegriffen. Norman, der 25 Jahre alt ist und seit März 2017 als Au-pair in Boston lebt, erzählte in Interviews, dass er den Kontakt zum Vater verloren hatte, als er 16 Jahre alt war. Vorher sei die Ehe der Eltern zerbrochen, der Vater habe angefangen zu trinken, sei ausgezogen und habe sich nicht mehr gemeldet. „Ich dachte irgendwann, er ist tot.“ Das habe sich geändert, als ihm jemand das Foto aus der Sparkassenfiliale schickte, das er dann veröffentlichte. Daraufhin habe sich ein Mann gemeldet, der in der Nähe der Sparkassenfiliale arbeitete, und die Familie zusammengeführt. Bei seinem Besuch in Deutschland wurde Norman als „Goldener Blogger“ ausgezeichnet. Dass er parallel vom sogenannten „Siff-Twitter“ attackiert wurde, machte ihn für viele nur noch sympathischer. Mit diesem Überbegriff werden Trolle bezeichnet, die sich zum Beispiel nach Terroranschlägen einen Spaß daraus machen, Angehörige von Opfern fertig zu machen. Bei Norman versuchten sie das, indem sie den Text seines Suchaufrufes zusammen mit Bildern von Wildfremden, Prominenten oder Adolf Hitler veröffentlichten.

          In einem Film hätte Normans Geschichte mit dem Sieg über die Trolle und dem Happy End in Hamburg geendet. Die Realität ging aber weiter – und die schöne Geschichte bekam Risse. Norman flog zurück nach Amerika, mit dem Vater wollte er über Freunde in Kontakt bleiben. So richtig klappte das nicht: Im November veröffentlichte er einen neuen Suchaufruf („Vermutlich ist ihm etwas zugestoßen“), verkündete aber eine knappe Woche später, mit dem Vater telefoniert zu haben („BOAH, PAPA“) – und bestätigte im selben Zug Gerüchte, dass er ein Buch über die Geschichte schreibe. Den Vorwurf, er nutze seinen Vater aus, wollte er direkt widerlegen: „Papa ist einverstanden und vor Stolz fast geplatzt.“

          Dem widersprach ein Twitter-Nutzer, der sich offenbar extra für diesen Zweck einen Account angelegt hatte: „Dein Vater sitzt gerade neben mir und er weiß nichts über dein Buch. Alles gelogen. Er sagt, du weißt überhaupt nicht, wo er ist, was er tut und wie es ihm geht. Die Bilder von ihm möchtest du bitte entfernen. Denn du hast ihn nicht mal gefragt, ob er damit einverstanden ist.“ Ein Shitstorm zog über Norman, er stellte seinen Account auf privat, nahm Kontakt zu seinem Vater auf – und räumte ein, dass der sich nicht an ein Telefonat erinnere, in dem er sich mit dem Buch einverstanden erklärt habe: „Da ich mir nicht sicher sein kann, inwiefern sich mein Papa morgen, nächste Woche oder zum Erscheinungstermin daran erinnert oder dazu steht, möchte ich unser Foto nicht für das Buchcover verwenden.“ Ob er das Buch noch veröffentliche, werde er mit dem Verlag besprechen.

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