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Richtiger Umgang mit Frühchen : Die Sprache der Kleinsten verstehen

Sich langsam an die Welt herantasten: In Tübingen bekommen Frühchen wie Gabriel diese Chance. Bild: Müller, Verena

Baby Gabriel kam 14 Wochen zu früh auf die Welt. Dass er heute trotzdem gute Chancen besitzt, ein gesundes Leben zu führen, verdankt der Frühgeborene dem technischen Fortschritt. Nötig aber ist nicht allein medizinische Hilfe.

          Gabriel wiegt jetzt 2192 Gramm, drei Monate nachdem er auf die Welt kam. Sein Vater ist stolz auf jeden einzelnen Zentimeter, den sein winziger Sohn in den vergangenen Wochen gewachsen ist.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weil die Plazenta seiner Mutter es nicht mehr geschafft hat, Gabriel ausreichend zu versorgen, mussten die Ärzte im August schnell handeln und Gabriel schon in der 26. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt holen. Rund 14 Wochen früher, als die Natur es für gewöhnlich vorgesehen hat. Gabriel wog damals 350 Gramm, das ist extrem wenig, auch für die 26. Woche. Gesunde Kinder im Mutterleib wiegen zu diesem Zeitpunkt rund 1000 Gramm. Mit seinem Gewicht gehört Gabriel hier auf der Neonatologie-Station der Tübinger Uniklinik zu den sogenannten extrem kleinen Frühgeborenen. Rund 60 Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1000 Gramm werden hier jedes Jahr auf ihrem oft holprigen Start ins Leben begleitet.

          Kognitive Wahrnehmung wenig ausgeprägt

          Es war der 7. August, als sich Gabriels Körper von jetzt auf gleich an das Leben außerhalb des Mutterleibs gewöhnen musste, ohne dass er dafür schon reif genug gewesen wäre. Nicht nur Lunge, Blutkreislauf und Darm funktionierten noch nicht so, wie es bei Reifgeborenen der Fall ist, vor allem sein Gehirn war noch nicht in der Lage, all die Eindrücke und Aufgaben, die nun auf den handgroßen Organismus einprasselten, zu bewältigen oder gar zu koordinieren.

          Schwamm Gabriel bis zu diesem Tag im Fruchtwasser, machte ihm plötzlich im Brutkasten die Schwerkraft zu schaffen. Stießen seine Arme und Beine sowie sein Kopf im Bauch ständig irgendwo an und gaben ihm damit das Gefühl von Begrenzung und Nähe, waren seine dünnen Ärmchen und Beinchen jetzt bei jeder Bewegung in der Weite seines kleinen Bettchens verloren. Er beherrschte es noch nicht, seine Hände und Füße so aufeinander abzustimmen, dass sie wieder ruhig an seinem Körper lagen. Außerdem war es hell, laut und kalt auf der Station. Die nötigen Nährstoffe kamen plötzlich nicht mehr über die Nabelschnur. Gabriel musste früh lernen, was es heißt, Hunger zu haben. Wenn er sich aufregte oder ihm der Trubel um ihn herum zu viel wurde, hörte er einfach auf zu atmen, denn gleichzeitig zu schreien, Angst zu haben und Luft zu holen, das überforderte ihn.

          Man kann nur erahnen, was es für ein so kleines Wesen bedeutet, aus dem geschützten Bauch in das Umfeld einer Intensivstation gebracht zu werden.

          Vor 20 Jahren wäre Gabriel wahrscheinlich gestorben

          In der Versorgung von Frühgeborenen - als solche gelten alle Kinder, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren werden - hat man in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht. Vor rund zwanzig Jahren hätten Kinder wie Gabriel praktisch keine Chance gehabt, zu überleben. Lange galt die 28. Schwangerschaftswoche als die Grenze, ab der man Frühgeborene gesund ins Leben retten konnte. „Heute liegt die untere Grenze laut Leitlinie bei 24 Wochen. Die 23. und 22. Woche wird manchmal als eine Grauzone in Kliniken behandelt. Unterhalb von 22 Wochen gelten Frühgeborene nicht als lebensfähig“, sagt Professor Poets, Ärztlicher Direktor der Tübinger Neonatologie.

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