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In Corona-Zeiten : Zerreißprobe für die Buchmesse

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Buchmesse des Vor-Corona-Zeitalters Bild: Helmut Fricke

Die Frankfurter Buchmesse soll im Oktober stattfinden. Was bedeutet der Plan für eine kombinierte Buch-Musik-Gaming-Messe in nächsten Jahr? Er könnte zur Folge haben, was die Corona-Krise nicht bewirkt: Die Auflösung des wichtigsten Buchereignisses der Welt.

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          Der Wirrwarr um die Frankfurter Buchmesse nimmt immer bizarrere Formen an. Seit die Börsenvereinsgruppe in Absprache mit Messe, Stadt und Land den mutigen Entschluss gefasst hat, das größte Buchereignis der Welt trotz Corona in diesem Oktober abzuhalten und dem Virus mit Abstand und innovativen Ideen zu trotzen, folgt eine widersprüchliche Nachricht auf die nächste, so dass mancher bereits die Existenz der Messe als Ganzes aufs Spiel gesetzt sieht.

          Zunächst hieß es seitens des Messechefs Juergen Boos, das Konzept für die fünftägige Corona-Ausgabe sei in Absprache mit den Konzernverlagen Bonnier, Holtzbrinck und Random House erfolgt, die allerdings tags darauf wissen ließen, dass sie keine Stände in den Hallen aufbauen, sondern eigene digitale Plattformen bespielen werden, weshalb nicht nur Piper, Rowohlt oder Luchterhand fehlen werden, sondern auch der Frankfurter S.Fischer Verlag. Bei den Unabhängigen ist es nicht anders: Diogenes aus Zürich wird fehlen, aber auch Schöffling aus Frankfurt, und obwohl auch einige ihre Teilnahme ankündigten, steht die Entscheidung so wichtiger Häuser wie Hanser, Suhrkamp oder Klett-Cotta noch aus. Wird es bei der angekündigten Besuchermesse für täglich bis zu zwanzigtausend Buchfreunde bleiben? Und in welcher Form soll sich die so kostbar gewordene Präsenz gestalten in einer Zeit, in der Hörsäle und Klassenzimmer womöglich noch virtuell bespielt werden? Zumal jetzt auch noch bekanntwurde, dass der zum Auftakt der Messe im Kaisersaal verliehene Deutsche Buchpreis auf Saalpublikum verzichtet.

          Wie werden Schriftstellerinnen und Lektoren, Agenten und Verlegerinnen realiter empfangen, wenn der Mainzer Sender ZDF das berühmte Blaue Sofa, auf dem sonst im Halbstundentakt Autoren ihre Neuerscheinungen vorstellen, zur Messezeit lieber im Berliner Bertelsmann-Foyer aufstellen will? Als wäre dies nicht genug, wurden dieser Tage Pläne publik, wonach die Buchmesse vom nächsten Jahr an gemeinsam mit der Musikmesse und Gaming-Anbietern in einem Kreativfestival nach dem Vorbild des Popkultur-Treffens „South by Southwest“ im texanischen Austin aufgehen sollte.

          Ein Aufschrei in der Branche

          Ein Aufschrei ging durch die Buchbranche, woraufhin die Pressekonferenz, bei der Oberbürgermeister Peter Feldmann die Pläne vorstellen wollte, wieder abgesagt wurde. Feldmann und seine Kulturdezernentin Ina Hartwig versicherten in einer gemeinsamen Erklärung der Buchmesse ihre Eigenständigkeit, begrüßen aber zugleich eine Zusammenarbeit von Buch- und Musikmesse im Herbst 2021. Während die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs, solchen Plänen widersprach, beschrieb der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, Detlef Braun, seine „Vision eines Events“, das „Musiker, Autoren, Künstler, Content-Entwickler, Publishing-Experten und Business-Developer, Multiplikatoren und Influencer“ zusammenbringe. Und während der Frankfurter Grünen-Fraktionschef Sebastian Popp durch diesen „zusammengewürfelten Gemischtwarenladen“ die Marke Buchmesse bedroht sieht, hat Thomas Dürbeck von der CDU das internationale Branchentreffen alter Form bereits aufgegeben: Die Buchmesse, wie sie in den vergangenen fünfzig Jahren veranstaltet worden sei, werde es in der Form nicht mehr geben können, ist er überzeugt.

          Zweifellos stellt die Corona-Pandemie für die Frankfurter Buchmesse mit ihren dreihunderttausend Besuchern, die jedes Jahr aus mehr als hundert Ländern anreisen, eine beispiellose Herausforderung dar. Umso mehr muss man davor warnen, das Kind jetzt mit dem Bade auszuschütten. Mit dem Weggang der Automobilmesse hat Frankfurt einen ökonomischen Bedeutungsverlust erfahren. Auch die Buchmesse ist von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Sie steht darüber hinaus aber auch für eine geistige Tradition und kann auf eine mehr als fünfhundertjährige Geschichte zurückblicken.

          Einzigartig, gefährdet, schützenswert

          Auch das ist eine Lehre aus Corona: dass wir manches in der Welt, was wir für selbstverständlich gehalten haben, auf ewige Zeiten existent, plötzlich mit anderen Augen sehen – als einzigartig, gefährdet, schützenswert. Die Buchwelt ist freilich krisenerprobt und also robust. Den eigenen Bedeutungsverlust hat sie nicht zuletzt mit trotziger Wehmut weggelächelt. Jetzt, da die Buchmesse dieser Zerreißprobe ausgesetzt ist, wird klar, was diese einmalige, verrückte, alle Sinne strapazierende Veranstaltung stets war: immer zu voll, immer zu laut, immer zu teuer, immer ein Risiko. Aber zugleich auch ein faszinierender Ort des Ausverhandelns von Geist und Ware, eine Gelegenheit für Entdeckungen und ein Ort der Diskurse, wo es zum Wettstreit der Ideen ebenso kommt wie zu unverhofften Begegnungen, ein Schauplatz von Klatsch und Tratsch, aber auch das große Forum für die wichtigen Fragen unserer Zeit, um die in diesen herbstlichen Tagen immer aufs Neue so lebhaft gerungen wird wie um die Frage nach dem richtigen Drink. Eine Messe auf Abstand ist ein Paradox, das es auszuhalten gilt. Statt die Buchmesse unwiederbringlich verändern zu wollen, wäre es wichtig, sie in ihren Stärken zu stabilisieren; eine Aufgabe, der sich Politik und Branche gleichermaßen stellen müssen.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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