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Zukunft nach Corona : Droht ein autoritärer Gesundheitsstaat – oder machen wir weiter wie immer?

Forschung ist eine Frage des Geldes. Wenn der Markt nicht genügend Anreize für die Firmen setzt, bestimmte Viren zu erforschen, muss der Staat aktiver werden Bild: Pieter Van Eenoge

Die Krise scheint eine gute Zeit für Übertreibungen zu sein. Dabei sind sie sinnlos. Klar ist aber: Aus den Erfahrungen resultieren spezifische Forderungen, Verhaltensänderungen – und Lerneffekte für Staat, Wissenschaft, Schule und Familie.

          8 Min.

          Ändert sich alles?

          Zwei Behauptungen stehen einander gegenüber. Die eine lautet, nach der Corona-Pandemie werde nichts wieder wie zuvor sein, wenn es denn überhaupt ein absehbares „Danach“ gebe. Der Epidemie wird zugetraut, die Gesellschaft, wie wir sie kennen, dauerhaft und in allen ihren Bezirken zu verändern. Damit ist mehr als die tiefgreifenden Effekte einer Weltwirtschaftskrise gemeint, sondern alles, was aus Kontakteinschränkungen für unser Leben folgt. Die Vorstellung, dass es wohl kaum die letzte Pandemie gewesen sein wird, verstärkt solche Vermutungen.

          Um weitere Epidemien mit solch tiefgreifenden Effekten besser in den Griff zu bekommen, wird sich das Leben ändern müssen. Die alte Sitte des Händewaschens und das Lernen von asiatischen Traditionen wenig „taktilen“ Auftretens im öffentlichen Raum sind erste Lerneffekte, die womöglich überdauern. Manche fürchten aber viel mehr Disziplinierung: die Heraufkunft eines Gesundheitsstaats, der dauerhaft diesem Wert, „Gesundheit“, im Konfliktfall mit anderen Werten zumeist den Vorzug einräumt. In einem Präventions- und Versicherungsstaat leben wir ohnehin seit langem; die Komplexität der modernen Gesellschaft lässt nichts anderes zu.

          Gewohnheiten verschwinden

          Doch auch diesseits von Befürchtungen, die Vorsorgeverwaltung werde nun immer wieder Freiheiten einschränken, ist es unklar, was von alten Gewohnheiten übrig bleiben wird. Wird es noch Inlandsflüge geben? Ist das Niveau, auf dem zuletzt geschäftlich und aus touristischen Interessen gereist wurde, in Zukunft zu halten? Wird das Geisterspiel, der Fern- oder Abstandsgottesdienst zur Norm? Werden auf Bühnen zukünftig mehr Monologe aufgeführt werden?

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          Wird es dauerhaft altersabhängige Unterschiede in den Bewegungsprofilen der Individuen geben? Kommt es zur Durchsetzung von digitalen Technologien vom Typ der „Corona-App“? Mit welchem Immobilienbedarf ist zu rechnen, wenn die Epidemie gezeigt hat, dass Präsenz in weiten Bereichen der Wissensökonomie nur eine von mehreren Möglichkeiten des Arbeitens ist?

          Das epidemiegerechte Leben

          Die kuriosen Plastikboxen, die ein italienischer Designer entworfen hat, um aerosolabgedichtete Strandurlaube mit Mindestabstand zu ermöglichen, sind insofern nur eine erste und vermutlich bald verworfene Innovation am Rand der Problemzonen, die durch die Epidemie definiert worden sind. Auf sie werden vermutlich Entwürfe von epidemiegerechten Restaurants, Kinos, Schulen, Einkaufszentren, Stadien und Städten folgen.

          Bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein waren die Kanalisation und Müllentsorgung der allermeisten europäischen Städte stark unterentwickelt, und es waren nicht zuletzt Seuchen, besonders die Cholera, die zum Aufstieg der hygienepolizeilich konzipierten Stadt führten. Analoges wird auch jetzt zu erwarten sein. Weniger defensive Varianten der These „Corona ändert alles“ treten zusätzlich dafür ein, anlässlich der Pandemie die Politische Ökonomie von Gesellschaften zu überdenken, in denen Flugbenzin subventioniert wird, um nur ein Beispiel dafür zu nennen, dass der gesamte Wohlfahrtsstaat daraufhin durchgemustert werden könnte, wie seine Ausgaben sich aus der Perspektive der Umweltverträglichkeit oder einer stärkeren Krisenfestigkeit gegenüber Epidemien darstellen.

          Oder ändert sich nichts?

          Die entgegengesetzte Behauptung lautet, wenn es erst einmal einen Impfstoff oder ein Medikament gegen das Virus gebe, werde wieder die alte Normalität einkehren. Noch weiter gehen Leute, die schon jetzt, ohne Impfstoff und Medikament, eine Rückkehr zur gesellschaftlichen Wirklichkeit vor der Pandemie sinnvoll finden. Die Welt, sagen also die einen, war im Großen und Ganzen in Ordnung, das Virus hat sie nur wie von außen geschockt und zu drastischen Maßnahmen gezwungen, aber wir kehren irgendwann auf den Pfad normaler Entwicklung zurück. Die anderen schreiben der Epidemie die Eigenschaft zu, nicht nur Sollbruchstellen der Gesellschaft beansprucht zu haben, sondern freizulegen, worin ihre Instabilität, ihre Mängel und ihre Überflüssigkeiten lagen.

          Sinnlose Übertreibungen

          Es hat wenig Sinn, sich den Übertreibungen auf beiden Seiten zu überlassen und entweder anlässlich der Pandemie neuerlich auf die Agenda zu setzen, was auch bei anderen gesellschaftlichen „Krisen“ verlangt wird: die Abschaffung des Kapitalismus, mehr Digitalisierung, umfassende soziale Gleichheit und so weiter. Oder umgekehrt die Welt einfach in Ordnung zu finden und auf die Frage, was sich denn aus der Epidemie lernen lässt, einfach mit den Achseln zu zucken. Dazu ist zu viel passiert. Antworten auf die Frage, was sich aus der Pandemie für eine Zeit lernen lässt, in der sie als Wirklichkeit oder als Drohung fortlebt, sollten deshalb spezifischer sein.

          Die Rolle der Wissenschaft

          Nehmen wir als erstes Beispiel die Wissenschaft. Es ist beeindruckend, wie stark die allermeisten Staaten, wenngleich in unterschiedlicher Geschwindigkeit, dem wissenschaftlichen Rat gefolgt sind, durch drastische soziale Kontakteinschränkungen eine massive Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. Die Situation war neu, die Politik konnte sich nicht an Entscheidungen orientieren, die sie in ähnlichen Situationen zuvor gefällt hatte; darauf hat der Soziologe Rudolf Stichweh hingewiesen.

          Analyse und Laiendiagnosen

          Zugleich sahen sich Wissenschaften relativ unvorbereitet in eine Öffentlichkeit hineingezogen, die mitunter nur noch ein Thema zu haben scheint. Entsprechend standen auf einmal ihre Aussagen über epidemiestatistische Kennzahlen, die Weise, in der sie ermittelt werden, die Stabilität der Kenntnisse über das Virus, über sinnvolle Vergleiche mit anderen Krankheiten oder historischen Epidemien sowie über Medikamente im einem für die Beteiligten in diesem Ausmaß völlig ungewohnten Fokus. Auf offener Szene entfaltete sich zumindest eine Teilansicht der immensen Komplexität mehrerer Subdisziplinen.

          Die Epidemie, wie sie der Illustrator sieht: Der Wissenschaftler empfängt die Daten aus der Bevölkerung und entwickelt auf der Basis die Medizin gegen das Virus – während sich die Menschen teilweise wie eingesperrt vorkommen oder einsam und hilflos fühlen im tiefen Tal der Statistikkurven.
          Die Epidemie, wie sie der Illustrator sieht: Der Wissenschaftler empfängt die Daten aus der Bevölkerung und entwickelt auf der Basis die Medizin gegen das Virus – während sich die Menschen teilweise wie eingesperrt vorkommen oder einsam und hilflos fühlen im tiefen Tal der Statistikkurven. : Bild: Pieter Van Eenoge

          Man konnte sehen, was man alles wissen müsste, um völlig trittsicher zu handeln. Und es kam zu einer Art Umkehrung der aufklärerischen Ursituation von Wissenschaft: Zuerst waren virologische und epidemiologische Kenntnisse da, die den ebenfalls großen Bezirk des noch Unbekannten profilierten, erst danach kamen die Vorurteile, Verschwörungsszenarien und Laiendiagnosen auf.

          Die Kommunikationsprobleme

          Das Kommunikationsproblem war dann, wie viel Vorläufigkeit und noch ausstehende Kenntnis kommuniziert werden können, ohne die politischen Entscheidungen, die auf der Grundlage eines Gemischs aus Gewissheit und Ungewissheit getroffen werden mussten, zu unterminieren. Eine Lehre aus Corona könnte entsprechend der Versuch sein, das Verständnis für Wissenschaft in ihren Möglichkeiten und Begrenzungen zu heben. Aber wie? Nur zwei Beispiele:

          Zweifelhafter Expertenrat

          (1) Die Wissenschaft sollte sich auf Rat beschränken, der auf ihrer Seite auch durch Forschungen gedeckt ist. Weder sind Virologen oder Soziologen oder Bildungsforscher nützlich, die kaum Forschung über epidemiebedingte Fragen vorzuweisen haben, sich dafür aber mit dem Fernsehen oder Kommissionen auskennen. Noch sind Ratschläge verantwortungsvoll erteilt, die nur das persönliche Dafürhalten von Forschern repräsentieren, die ihre hohe Reputation auf ganz anderen Gebieten erworben haben.

          In Krisen wie der gegenwärtigen nämlich läuft die Wissenschaft, gerade weil sie näher an die politischen Entscheidungen rückt, die ohne sie gar nicht getroffen werden können und unmittelbar Auswirkungen auf die Sterblichkeit haben, ein viel höheres Risiko. Sie wird sichtbarer als sonst, es wird folgenreicher, was sie sagt, weswegen auch ihre Irrtümer, eventuellen angemaßten Zuständigkeiten und undurchdachten Mitteilungen weniger gelassen hingenommen werden.

          Überzeugender Expertenrat

          (2) Der zu nationaler Berühmtheit gelangte Podcast des Virologen Christian Drosten beim Norddeutschen Rundfunk war eine doppelte Leistung in Wissenschaftskommunikation. Durch den Forscher und durch die Redaktion, die ihm die Zeit gab, sich weit über eine Minute dreißig hinaus zu immens schwierigen Themen zu äußern und Revisionen von etwas Gesagtem zuließ, ohne jeden Irrtum sogleich gegen diejenigen zu wenden, die es zunächst eben auch nicht besser wussten. So unterschied sich der Podcast von der oft herrschenden Kurzatmigkeit der Berichterstattung.

          Wissen und Unwissenheit

          In eine ähnliche Richtung würde die Frage nach dem schulischen Curriculum „post Corona“ gehen. Die Gesellschaft war bislang schon durch eine eigentümliche Mischung aus Wissen und, allein durch ihre Dynamik, Ungewissheit gekennzeichnet. Die Pandemie hat beides noch einmal gesteigert. Die Ungewissheit allerdings nicht durch Dynamik, sondern durch die historisch singuläre Situation, die sich durch den „Lockdown“ ergeben hat, einerseits, durch die Ungewissheit in Bezug auf das Virus und die eventuellen Möglichkeiten, es pharmazeutisch in den Griff zu bekommen, andererseits.

          Skepsis als Lernziel

          Es könnte sinnvoll sein, noch mehr auf einen Unterricht des Verstehens von Argumenten anstatt des Wiedergebens von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses zu zielen. In einer Welt beispielsweise, in der die technischen Voraussetzungen dafür existieren, dass jeder sein eigener Kanal sein kann, in einer Welt der Gerüchte beispielsweise, ist „Finde den Fehler“ eine sehr sinnvolle Unterrichtsform.

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          Leben mit der Pandemie : Corona – oder das erste halbe Jahr Bild: Science Photo Library

          Das Gefühl für richtige, also nicht abstrakte Skepsis zu entwickeln wäre noch stärker als Bildungsziel bewusst zu halten. Es sollte mehr Statistik unterrichtet, mehr Sinn für informative Zahlen geweckt werden und dafür, woran sich uninformative erkennen lassen. Kinder auf eine Welt vorzubereiten, in der gesundheitliche Sorge ein Normalzustand ist, muss dabei nicht bedeuten, diese Sorge oder Gesundheit zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Vielleicht wäre es schon ein guter Schritt, darüber nachzudenken, was Unterricht dieser Sorge entgegensetzen kann.

          Schulen ohne Phantasie

          Die Epidemie hat uns auch noch über etwas anderes ins Bild gesetzt: nämlich über die Phantasielosigkeit, mit der vielerorts einfach Hausaufgaben über den Kindern und Jugendlichen abgeworfen wurden, was vielen Lehrern schon als Ersatzunterricht galt. Drei Viertel aller Lehrkräfte, so ermittelte eine Thüringer Studie, teilten digital einfach Lehrmaterialien aus oder verwiesen auf Youtube-Videos. Zugleich drängen interessierte Kreise, der Unterricht nach der Pandemie müsse sowohl an Universitäten wie an Schulen nun selbstverständlich möglichst stark digitalisiert werden. Dazu wären jedoch, denn selbstverständlich ist in Bildungsdingen gar nichts, zuerst einmal die Erfahrungen mit dem auszuwerten, was an Digitalisierung stattgefunden hat.

          Lerneffekte in den Familien

          Genauso wichtig ist die Frage danach, wie in den Familien gelernt wurde, denn große Teile des eigentlichen Unterrichtsgeschehens sind in die Privatsphäre verlagert worden; mit den naheliegenden Ungleichheitseffekten, aber auch mit der Folge, dass die Kinder mitbekommen haben, was ihre Eltern alles nicht wissen. Der ältere empirische Befund, in Quartieren chinesischer Migranten in Chicago würden Schulbücher doppelt so oft gekauft wie außerhalb, nämlich immer eins für das Kind und eins für die Eltern, ist auch für das Lernen unter Pandemiebedingungen einschlägig. Zugleich liegt in der verstärkten Häuslichkeit bei Phantasielosigkeit des Unterrichts die Gefahr, die seit jeher mit Homeschooling einherging: die Pädagogisierung der Elternrolle und das Wegfallen der entlastenden Wirkung der Schule durch Abwesenheit zu Hause. Zur Frage, wie in Familien gelernt wurde, kommt also die Frage hinzu, was die Familien in der Situation stärkerer Verdichtung des Zu-Hause-Seins über sich selbst gelernt haben.

          Die Folgen der Einsamkeit

          Zwei letzte Punkte aus der Fülle der möglichen. Zunächst die Einsamkeit. Die Unterbrechung oder starke Beschränkung der sozialen Kontakte hat sehr unterschiedliche Auswirkungen, je nachdem, ob Einsamkeit als erfreulich, erträglich, als Falle oder als Katastrophe erlebt wird. Dasselbe gilt, wenn man an der Stelle von Einsamkeit „Familie“ einsetzt. Zum Lernpensum aus der Epidemie gehört insofern die Frage, wovon solches Erleben abhängt und welche Widerstandskräfte gegen das unglückliche Erleben einer Situation mobilisiert werden können, die womöglich nicht so schnell aufhört.

          Kooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft bergen viele mögliche Konflikte, aber manchmal sind solche Public Private Partnerships der beste Weg, um die gewünschten Resultate zu erzielen, etwa: einen Impfstoff.
          Kooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft bergen viele mögliche Konflikte, aber manchmal sind solche Public Private Partnerships der beste Weg, um die gewünschten Resultate zu erzielen, etwa: einen Impfstoff. : Bild: Pieter Van Eenoge

          Der Soziologe Tilman Allert hat notiert, dass die Kommunikationsregeln im öffentlichen Raum sich stark von denen des privaten Raums unterscheiden. Die öffentliche Interaktion werde sich durch das Abstandsgebot vielleicht minimal in Richtung Zeremonialität verschieben. Dagegen seien „die strapaziösen Wirkungen des Sesshaftigkeitsdiktats“ komplexer.

          Die Rolle des Nationalstaats

          Und schließlich: der Nationalstaat. Er ist durch die Pandemie stark in den Blick geraten. Sowohl als Entscheidungszentrum als auch im vergleichenden Blick. Als Entscheidungszentrum, weil die getroffenen Maßnahmen in ihrer zeitlichen Abfolge einen Kampf um Konsistenz und um regionale oder sogar lokale Differenzierung vor Augen führten; im vergleichenden Blick, weil die Ländervergleiche sofort auf nationale Eigenarten führten. Weshalb Norditalien? Wie machen es die Franzosen? Weshalb haben die Deutschen bei hohen Fallzahlen vergleichsweise wenige Tote? Nützt Föderalismus? Wie ist der, zumindest was Menschenleben angeht, kostspielige Fall Schweden zu bewerten? Man kann noch nicht sagen, was aus diesen Vergleichen gelernt werden wird. Aber dass aus ihnen gelernt werden wird, ist eine Hoffnung.

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