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Zukunft nach Corona : Droht ein autoritärer Gesundheitsstaat – oder machen wir weiter wie immer?

Schulen ohne Phantasie

Die Epidemie hat uns auch noch über etwas anderes ins Bild gesetzt: nämlich über die Phantasielosigkeit, mit der vielerorts einfach Hausaufgaben über den Kindern und Jugendlichen abgeworfen wurden, was vielen Lehrern schon als Ersatzunterricht galt. Drei Viertel aller Lehrkräfte, so ermittelte eine Thüringer Studie, teilten digital einfach Lehrmaterialien aus oder verwiesen auf Youtube-Videos. Zugleich drängen interessierte Kreise, der Unterricht nach der Pandemie müsse sowohl an Universitäten wie an Schulen nun selbstverständlich möglichst stark digitalisiert werden. Dazu wären jedoch, denn selbstverständlich ist in Bildungsdingen gar nichts, zuerst einmal die Erfahrungen mit dem auszuwerten, was an Digitalisierung stattgefunden hat.

Lerneffekte in den Familien

Genauso wichtig ist die Frage danach, wie in den Familien gelernt wurde, denn große Teile des eigentlichen Unterrichtsgeschehens sind in die Privatsphäre verlagert worden; mit den naheliegenden Ungleichheitseffekten, aber auch mit der Folge, dass die Kinder mitbekommen haben, was ihre Eltern alles nicht wissen. Der ältere empirische Befund, in Quartieren chinesischer Migranten in Chicago würden Schulbücher doppelt so oft gekauft wie außerhalb, nämlich immer eins für das Kind und eins für die Eltern, ist auch für das Lernen unter Pandemiebedingungen einschlägig. Zugleich liegt in der verstärkten Häuslichkeit bei Phantasielosigkeit des Unterrichts die Gefahr, die seit jeher mit Homeschooling einherging: die Pädagogisierung der Elternrolle und das Wegfallen der entlastenden Wirkung der Schule durch Abwesenheit zu Hause. Zur Frage, wie in Familien gelernt wurde, kommt also die Frage hinzu, was die Familien in der Situation stärkerer Verdichtung des Zu-Hause-Seins über sich selbst gelernt haben.

Die Folgen der Einsamkeit

Zwei letzte Punkte aus der Fülle der möglichen. Zunächst die Einsamkeit. Die Unterbrechung oder starke Beschränkung der sozialen Kontakte hat sehr unterschiedliche Auswirkungen, je nachdem, ob Einsamkeit als erfreulich, erträglich, als Falle oder als Katastrophe erlebt wird. Dasselbe gilt, wenn man an der Stelle von Einsamkeit „Familie“ einsetzt. Zum Lernpensum aus der Epidemie gehört insofern die Frage, wovon solches Erleben abhängt und welche Widerstandskräfte gegen das unglückliche Erleben einer Situation mobilisiert werden können, die womöglich nicht so schnell aufhört.

Kooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft bergen viele mögliche Konflikte, aber manchmal sind solche Public Private Partnerships der beste Weg, um die gewünschten Resultate zu erzielen, etwa: einen Impfstoff.
Kooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft bergen viele mögliche Konflikte, aber manchmal sind solche Public Private Partnerships der beste Weg, um die gewünschten Resultate zu erzielen, etwa: einen Impfstoff. : Bild: Pieter Van Eenoge

Der Soziologe Tilman Allert hat notiert, dass die Kommunikationsregeln im öffentlichen Raum sich stark von denen des privaten Raums unterscheiden. Die öffentliche Interaktion werde sich durch das Abstandsgebot vielleicht minimal in Richtung Zeremonialität verschieben. Dagegen seien „die strapaziösen Wirkungen des Sesshaftigkeitsdiktats“ komplexer.

Die Rolle des Nationalstaats

Und schließlich: der Nationalstaat. Er ist durch die Pandemie stark in den Blick geraten. Sowohl als Entscheidungszentrum als auch im vergleichenden Blick. Als Entscheidungszentrum, weil die getroffenen Maßnahmen in ihrer zeitlichen Abfolge einen Kampf um Konsistenz und um regionale oder sogar lokale Differenzierung vor Augen führten; im vergleichenden Blick, weil die Ländervergleiche sofort auf nationale Eigenarten führten. Weshalb Norditalien? Wie machen es die Franzosen? Weshalb haben die Deutschen bei hohen Fallzahlen vergleichsweise wenige Tote? Nützt Föderalismus? Wie ist der, zumindest was Menschenleben angeht, kostspielige Fall Schweden zu bewerten? Man kann noch nicht sagen, was aus diesen Vergleichen gelernt werden wird. Aber dass aus ihnen gelernt werden wird, ist eine Hoffnung.

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