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Zukunft nach Corona : Droht ein autoritärer Gesundheitsstaat – oder machen wir weiter wie immer?

Zweifelhafter Expertenrat

(1) Die Wissenschaft sollte sich auf Rat beschränken, der auf ihrer Seite auch durch Forschungen gedeckt ist. Weder sind Virologen oder Soziologen oder Bildungsforscher nützlich, die kaum Forschung über epidemiebedingte Fragen vorzuweisen haben, sich dafür aber mit dem Fernsehen oder Kommissionen auskennen. Noch sind Ratschläge verantwortungsvoll erteilt, die nur das persönliche Dafürhalten von Forschern repräsentieren, die ihre hohe Reputation auf ganz anderen Gebieten erworben haben.

In Krisen wie der gegenwärtigen nämlich läuft die Wissenschaft, gerade weil sie näher an die politischen Entscheidungen rückt, die ohne sie gar nicht getroffen werden können und unmittelbar Auswirkungen auf die Sterblichkeit haben, ein viel höheres Risiko. Sie wird sichtbarer als sonst, es wird folgenreicher, was sie sagt, weswegen auch ihre Irrtümer, eventuellen angemaßten Zuständigkeiten und undurchdachten Mitteilungen weniger gelassen hingenommen werden.

Überzeugender Expertenrat

(2) Der zu nationaler Berühmtheit gelangte Podcast des Virologen Christian Drosten beim Norddeutschen Rundfunk war eine doppelte Leistung in Wissenschaftskommunikation. Durch den Forscher und durch die Redaktion, die ihm die Zeit gab, sich weit über eine Minute dreißig hinaus zu immens schwierigen Themen zu äußern und Revisionen von etwas Gesagtem zuließ, ohne jeden Irrtum sogleich gegen diejenigen zu wenden, die es zunächst eben auch nicht besser wussten. So unterschied sich der Podcast von der oft herrschenden Kurzatmigkeit der Berichterstattung.

Wissen und Unwissenheit

In eine ähnliche Richtung würde die Frage nach dem schulischen Curriculum „post Corona“ gehen. Die Gesellschaft war bislang schon durch eine eigentümliche Mischung aus Wissen und, allein durch ihre Dynamik, Ungewissheit gekennzeichnet. Die Pandemie hat beides noch einmal gesteigert. Die Ungewissheit allerdings nicht durch Dynamik, sondern durch die historisch singuläre Situation, die sich durch den „Lockdown“ ergeben hat, einerseits, durch die Ungewissheit in Bezug auf das Virus und die eventuellen Möglichkeiten, es pharmazeutisch in den Griff zu bekommen, andererseits.

Skepsis als Lernziel

Es könnte sinnvoll sein, noch mehr auf einen Unterricht des Verstehens von Argumenten anstatt des Wiedergebens von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses zu zielen. In einer Welt beispielsweise, in der die technischen Voraussetzungen dafür existieren, dass jeder sein eigener Kanal sein kann, in einer Welt der Gerüchte beispielsweise, ist „Finde den Fehler“ eine sehr sinnvolle Unterrichtsform.

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Leben mit der Pandemie : Corona – oder das erste halbe Jahr Bild: Science Photo Library

Das Gefühl für richtige, also nicht abstrakte Skepsis zu entwickeln wäre noch stärker als Bildungsziel bewusst zu halten. Es sollte mehr Statistik unterrichtet, mehr Sinn für informative Zahlen geweckt werden und dafür, woran sich uninformative erkennen lassen. Kinder auf eine Welt vorzubereiten, in der gesundheitliche Sorge ein Normalzustand ist, muss dabei nicht bedeuten, diese Sorge oder Gesundheit zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Vielleicht wäre es schon ein guter Schritt, darüber nachzudenken, was Unterricht dieser Sorge entgegensetzen kann.

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