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Zukunft nach Corona : Droht ein autoritärer Gesundheitsstaat – oder machen wir weiter wie immer?

Oder ändert sich nichts?

Die entgegengesetzte Behauptung lautet, wenn es erst einmal einen Impfstoff oder ein Medikament gegen das Virus gebe, werde wieder die alte Normalität einkehren. Noch weiter gehen Leute, die schon jetzt, ohne Impfstoff und Medikament, eine Rückkehr zur gesellschaftlichen Wirklichkeit vor der Pandemie sinnvoll finden. Die Welt, sagen also die einen, war im Großen und Ganzen in Ordnung, das Virus hat sie nur wie von außen geschockt und zu drastischen Maßnahmen gezwungen, aber wir kehren irgendwann auf den Pfad normaler Entwicklung zurück. Die anderen schreiben der Epidemie die Eigenschaft zu, nicht nur Sollbruchstellen der Gesellschaft beansprucht zu haben, sondern freizulegen, worin ihre Instabilität, ihre Mängel und ihre Überflüssigkeiten lagen.

Sinnlose Übertreibungen

Es hat wenig Sinn, sich den Übertreibungen auf beiden Seiten zu überlassen und entweder anlässlich der Pandemie neuerlich auf die Agenda zu setzen, was auch bei anderen gesellschaftlichen „Krisen“ verlangt wird: die Abschaffung des Kapitalismus, mehr Digitalisierung, umfassende soziale Gleichheit und so weiter. Oder umgekehrt die Welt einfach in Ordnung zu finden und auf die Frage, was sich denn aus der Epidemie lernen lässt, einfach mit den Achseln zu zucken. Dazu ist zu viel passiert. Antworten auf die Frage, was sich aus der Pandemie für eine Zeit lernen lässt, in der sie als Wirklichkeit oder als Drohung fortlebt, sollten deshalb spezifischer sein.

Die Rolle der Wissenschaft

Nehmen wir als erstes Beispiel die Wissenschaft. Es ist beeindruckend, wie stark die allermeisten Staaten, wenngleich in unterschiedlicher Geschwindigkeit, dem wissenschaftlichen Rat gefolgt sind, durch drastische soziale Kontakteinschränkungen eine massive Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. Die Situation war neu, die Politik konnte sich nicht an Entscheidungen orientieren, die sie in ähnlichen Situationen zuvor gefällt hatte; darauf hat der Soziologe Rudolf Stichweh hingewiesen.

Analyse und Laiendiagnosen

Zugleich sahen sich Wissenschaften relativ unvorbereitet in eine Öffentlichkeit hineingezogen, die mitunter nur noch ein Thema zu haben scheint. Entsprechend standen auf einmal ihre Aussagen über epidemiestatistische Kennzahlen, die Weise, in der sie ermittelt werden, die Stabilität der Kenntnisse über das Virus, über sinnvolle Vergleiche mit anderen Krankheiten oder historischen Epidemien sowie über Medikamente im einem für die Beteiligten in diesem Ausmaß völlig ungewohnten Fokus. Auf offener Szene entfaltete sich zumindest eine Teilansicht der immensen Komplexität mehrerer Subdisziplinen.

Die Epidemie, wie sie der Illustrator sieht: Der Wissenschaftler empfängt die Daten aus der Bevölkerung und entwickelt auf der Basis die Medizin gegen das Virus – während sich die Menschen teilweise wie eingesperrt vorkommen oder einsam und hilflos fühlen im tiefen Tal der Statistikkurven.
Die Epidemie, wie sie der Illustrator sieht: Der Wissenschaftler empfängt die Daten aus der Bevölkerung und entwickelt auf der Basis die Medizin gegen das Virus – während sich die Menschen teilweise wie eingesperrt vorkommen oder einsam und hilflos fühlen im tiefen Tal der Statistikkurven. : Bild: Pieter Van Eenoge

Man konnte sehen, was man alles wissen müsste, um völlig trittsicher zu handeln. Und es kam zu einer Art Umkehrung der aufklärerischen Ursituation von Wissenschaft: Zuerst waren virologische und epidemiologische Kenntnisse da, die den ebenfalls großen Bezirk des noch Unbekannten profilierten, erst danach kamen die Vorurteile, Verschwörungsszenarien und Laiendiagnosen auf.

Die Kommunikationsprobleme

Das Kommunikationsproblem war dann, wie viel Vorläufigkeit und noch ausstehende Kenntnis kommuniziert werden können, ohne die politischen Entscheidungen, die auf der Grundlage eines Gemischs aus Gewissheit und Ungewissheit getroffen werden mussten, zu unterminieren. Eine Lehre aus Corona könnte entsprechend der Versuch sein, das Verständnis für Wissenschaft in ihren Möglichkeiten und Begrenzungen zu heben. Aber wie? Nur zwei Beispiele:

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