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Wieder Präsenzunterricht : Zurück im Leben

Im Stuhlkreis: Schülerinnen einer siebten Klasse in Frankfurt haben zum ersten Mal nach Monaten wieder gemeinsam Präsenzunterricht bei ihrem Klassenlehrer. Bild: Frank Röth

Nach 170 Tagen sind die Schüler der siebten Klasse einer Gesamtschule zum ersten Mal wieder alle zusammen im Unterricht. Sie haben Schulstoff verpasst – und vor allem alles andere.

          5 Min.

          Montag Morgen. Im Klassenzimmer riecht es nach Desinfektionsmittel, Pubertät und Vorfreude. Die siebte Klasse sitzt im Stuhlkreis: 21 Kinder, die meisten in Jeans und Turnschuhen, alle mit Masken, von den elf Mädchen tragen drei Kopftuch. In der Begrüßungsrunde beschreiben sie ihre Stimmung mit Wetter-Metaphern: „Bei mir scheint die Sonne, weil wir alle wieder zusammen sind“, sagt ein Mädchen. „Bei mir ist es bewölkt, weil ich schlecht geschlafen hab“, sagt ein anderes. „Bei mir scheint die Sonne, weil ich mich freue, wieder so eine volle Klasse zu haben“, sagt Klassenlehrer Mirko Bingula.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          170 Tage ist es her, dass seine Schüler an der Georg-Büchner-Schule, einer integrierten Gesamtschule im Westen von Frankfurt, zum letzten Mal in Klassenstärke beisammen waren. Nach monatelangem Homeschooling und drei Wochen Wechselunterricht sind die siebten und achten Jahrgänge die letzten, die wieder im Klassenzimmer zusammenkommen.

          Normaler Deutschunterricht? Wäre unter diesen Umständen irgendwie vermessen. Ein bisschen Normalität muss trotzdem sein. Wie immer hören die Kinder zuerst die „Tagesschau in 100 Sekunden“. Danach sollen sie wiedergeben, was sie alles verstanden haben. „Ich habe verstanden, dass die Corona-Zahlen bei 1117 liegen, also die Neuinfizierten“, sagt Romina, die wie alle Schülerinnen und Schüler in diesem Text anders heißt. Felix hat nicht nur verstanden, dass Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt waren, sondern hat sich auch alle Ergebnisse bis auf die Nachkommastellen gemerkt und rattert sie nun herunter. Er ist Autist und der Einzige, der lieber zu Hause als in der Schule gelernt hat.

          Nach diesem Morgenritual lösen die Kinder den Stuhlkreis auf und kehren an ihre Tische zurück. „Augen zu mir, Ohren auf“, ruft Mirko Bingula – Mitte 30, Jeans, Fünftagebart – ihnen zu. „Wir machen jetzt ein Schreibgespräch. Wer kann erklären, was das ist?“ – „Zum Beispiel auf Whatsapp“, antwortet Yusuf. „Nee, Schreibgespräch in der Schule. Rima?“ – „Wir nehmen Zettel und legen die auf die Tische und schreiben eine Meinung drauf, und dann gehen wir rum und antworten darauf.“ – „Genau! Und das machen wir jetzt zum Thema Corona.“

          Allen Kindern ging es phasenweise nicht gut

          Mirko Bingula verteilt große Blätter im Klassenzimmer, mit Sätzen wie „Was wir vermisst haben“, „Auf dieses Thema habe ich jetzt Lust im Unterricht“ und „Darum ist jetzt ein Ausflug wichtig“. Die Kinder schreiben ihre Gedanken auf die Plakate. Bingula ruft: „Der Mund ist zu beim Schreibgespräch!“

          Nach 15 Minuten lesen die Kinder die Ergebnisse vor. „Innere Sicherheit“ hat jemand unter „Auf dieses Thema habe ich jetzt Lust im Unterricht“ geschrieben. „Warst du das, Felix?“, fragt Bingula. „Kannst du uns erklären, was das ist?“ „Da geht es um die Polizei und wie die arbeitet“, sagt Felix. Er sitzt als Einziger kerzengerade auf seinem Stuhl, neben einer Frau, die ihn beruhigt, wenn er sich zu sehr aufregt. Ihr offizieller Titel: Teilhabeassistentin. Die Kinder sollen über das Thema abstimmen: Daumen hoch, seitlich oder runter. Die meisten machen einen neutralen Daumen. Ein anderer hat „Rassismus“ aufgeschrieben und bekommt mehr Zustimmung als Felix.

          Wie gut arbeitet die Polizei? Die meisten Schüler machen einen neutralen Daumen.
          Wie gut arbeitet die Polizei? Die meisten Schüler machen einen neutralen Daumen. : Bild: Frank Röth

          Weiter geht’s mit dem Plakat „Was wir vermisst haben“. Yusuf, schwarze Turnschuhe, schwarze Maske, Wuschelfrisur, hat „nichts“ geschrieben. „Ihr tut jetzt so cool“, sagt Bingula, „aber ich habe mit euren Eltern telefoniert, und die haben mir erzählt, dass es euch phasenweise nicht so gut ging.“ Yusuf fläzt sich in seinem Stuhl, schweigt, richtet sich dann doch auf und sagt kleinlaut: „Ich hab die Klassenfahrten vermisst. Mit den Mädchen und so.“ – „Klar, für euch sind jetzt die Mädchen interessant, und die habt ihr monatelang nicht gesehen“, sagt Bingula. „Was war sonst noch schwer im Homeschooling?“ Yanara, rosafarbener Kapuzenpulli, weißes Kopftuch mit Glitzersteinchen darauf: „Zu Hause kann man sich einfach nicht so gut konzentrieren. Auch wenn man Geschwister hat zum Beispiel.“

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